von Andrea Sprecher

Novemberblues

Der November ist der von mir am meisten und leidenschaftlichsten gehasste Monat des ganzen Jahres. Ich versuche es objektiv zu sehen und stelle doch nur fest: Alles Böse geschieht in diesem Monat.

Rausch

Es war ein früher Samstagabend und es lag etwas in der Luft. Ich stand in einer der Schlangen vor den Kassen im Coop am Lochergut, nur kurz zuvor hatte ich einem betrunkenen Koloss von Mensch, der neben mir wie ein gefällter Baum zu Boden gestürzt war, wieder auf die Beine geholfen. Weil er seinen Korb mit dem Dosenbier umklammerte und nicht aus der Hand geben wollte, musste ich ihn sozusagen einarmig aufstellen, es gelang nach vielen Versuchen.

Herzige Demokratie

Postenschacher und Gegengeschäfte sind seit Jahrzehnten fester Bestandteil österreichischer Politik. Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich das zwar immer wusste, es war ja kein Geheimnis, aber nie so richtig verurteilte. Nicht mal Ibiza-Strache fand ich dramatisch schlimm, mehr so typisch. Die Ereignisse der letzten Tage haben mich diesbezüglich ein wenig verunsichert.

Über den Wohlstand

Ich möchte euch über meinen Wohlstand berichten. Ich fuhr nämlich mit dem Velo durch die Freiestrasse, das ist noch unter dem eigentlichen Züriberg, aber, nun, es ist irgendwie Züriberg.

Nicht in meinem Namen

Die Reduktion der Frau auf die Mutterrolle, das heisst die Übertragung aller Haus- und Betreuungsarbeiten auf sie, ohne Erwerbsarbeit ausser Haus, war damals wie heute der sichere Weg ins Verderben. Ich will keine Frau sein, die geehrt wird dafür, dass sie das tut, was die Natur ihr alleine vorbehält, nämlich gebären. Dahin will ich nicht wieder zurück, nein, und deshalb will ich eine Elternzeit, die paritätisch ist.

Egal

Das Lehrstück erreichte damit die Vollendung, denn das Zielen auf die persönliche Ebene und vor allem die Form, statt den Inhalt, wenn die Frau nicht pariert, ist sozusagen die Krönung und Sinnbild für das Beziehungsgefälle zwischen Mann und Frau.

Fast normal

Auf jeden Fall fieberte ich auf diesen Moment hin, mich ohne Spange im Spiegel zu sehen, und dann passierte genau das, was heute passiert ist, nachdem der Bundesrat dieses Licht am Ende des Tunnels präsentierte: Irgendwie nichts, gepaart mit ein wenig Melancholie, eine Schwermütigkeit ergriff mich und auch die Erkenntnis, dass es damit gar nicht getan ist. Es lag ja alles gar nicht allein an der Zahnspange! Es lag ja alles gar nicht allein an der Pandemie. 

Zu gross.

Ich muss es aufschreiben. Wiedergeben. Nicht weil es etwas ändert. Aber vielleicht wird es dadurch erträglicher. Denn diese Zahlen sind zu gross für mich. Einfach zu gross. 

Glück sieht anders aus.

Ich hatte sehr viel Glück, weil mir in meinem ganzen bisherigen Leben noch nie sexuelle Gewalt angetan wurde. Was für ein Glück, dachte ich also immer. Aber dann kam der Mord an Sarah Everard, Anfang März. Und der Hashtag «Text me when you get home», «Melde dich, wenn du zu Hause bist», der um die Welt ging, ich las viele Geschichten von anderen Frauen, ich las, ein wenig verblüfft, darin auch über mein Leben. 

Es wird anders, Luisa.

Mehr als jeder dritte Mensch in unserem Land ist einsam. Es passiert leicht, in unserer Gesellschaft einsam zu sein. Man wolle einfach so gemocht werden, wie man ist, sagt die Filmerin des Doks, aber das sei so schwierig in unserer Zweckoptimierungsgesellschaft.