von Andrea Sprecher

Zu gross.

Ich muss es aufschreiben. Wiedergeben. Nicht weil es etwas ändert. Aber vielleicht wird es dadurch erträglicher. Denn diese Zahlen sind zu gross für mich. Einfach zu gross. 

Glück sieht anders aus.

Ich hatte sehr viel Glück, weil mir in meinem ganzen bisherigen Leben noch nie sexuelle Gewalt angetan wurde. Was für ein Glück, dachte ich also immer. Aber dann kam der Mord an Sarah Everard, Anfang März. Und der Hashtag «Text me when you get home», «Melde dich, wenn du zu Hause bist», der um die Welt ging, ich las viele Geschichten von anderen Frauen, ich las, ein wenig verblüfft, darin auch über mein Leben. 

Es wird anders, Luisa.

Mehr als jeder dritte Mensch in unserem Land ist einsam. Es passiert leicht, in unserer Gesellschaft einsam zu sein. Man wolle einfach so gemocht werden, wie man ist, sagt die Filmerin des Doks, aber das sei so schwierig in unserer Zweckoptimierungsgesellschaft.

Keine Blumen

So gibt es den Muttertag oder den Tag der Frau. Sie reihen sich ein in die Tage, an denen man an Menschen oder Krankheiten denkt, die sonst vergessen gehen oder besonders tragisch sind. Deshalb schlucke ich auch am 8. März jeweils leer, wenn mir die Frau an der Kasse im Coop eine Rose in die Hand drückt. 

Egoistengejammer

Auch in der Ägäis ist jetzt Winter. Wie bei uns. Minustemperaturen und viel Schnee. Wart ihr auch schlitteln? Eine blöde Idee, muss ich im Nachhinein sagen, obwohl ich völlig im Rausch war ob dem Weiss, der Sonne, dem blauen Himmel.

Küsse in Cheb

Der Zug stand still im Bahnhof in Cheb, es war Nacht, kalt, die Bahnsteige menschenleer und kaum beleuchtet, es war Anfang der 1990er, nur wenige Jahre nach der Wende. Was für eine Geschichte, denke ich immer, wenn mein Mann sie mir erzählt, und er muss sie mir oft erzählen, denn wie könnte man sich auch satthören und sattdenken an diesem Bild einer nebelverhangenen Grenzstadt, Cheb, diesem Niemandsland an der deutsch-tschechischen Grenze, dieser Gegend der Vertriebenen und Angesiedelten.

Haha

Im Grunde genommen ist es ja lustig. Nein, im Ernst, wenn man das von der richtigen Seite aus anschaut, dann muss man durchaus auch lachen. 

Zynische Zwillinge

Ruth Humbel ist CVP-Nationalrätin aus dem Kanton Aargau, ausgebildete Primarlehrerin, Juristin, verheiratet, Mutter von zwei Kindern, ehemalige erfolgreiche Orientierungsläuferin, Verwaltungsrätin, 63 Jahre alt. Ruth Humbel ist wie ich.

Beängstigend

Ich habe immer damit gerechnet, dass es passiert, jetzt ist es soweit. Ich sitze da, lange nach der Deadline, und es will mir nichts einfallen für diese Kolumne. Die Gründe dafür sind vielfältig.

Velorouten

Ich zeigte ihm den Finger. Und dann sagte ich folgenden Satz: «Du hirnloses Arschloch, ich fahre länger E-Bike, als du denken kannst.» Also natürlich sagte ich das nicht. Ich brüllte es, sonst hätte er mich gar nicht gehört, über diese Autos hinweg, die zwischen uns fuhren da auf dem Seilergraben.