Als einfache BürgerIn in Russland den Verstand nicht zu verlieren, ist eine Meisterleistung in Überlebenskunst.

 

Der Fiebertraum, also der Zustand nahe der Nichtunterscheidbarkeit zwischen Wahn und Wirklichkeit, ist der dramaturgische Umgehungstrick von Repression oder Zensur. Die Erlebnisse der Figuren in «Petrov’s Flu», Kirill Serebrennikovs Filmadaption von Alexey Salnikovs Roman sind durchs Band so grenzwertig angelegt, dass aus ihnen sowohl drohender Irrsinn als auch nicht sehr verklausulierte Systemkritik gelesen werden können. Ein dysfunktionaler Inlandsgeheimdienst, eine erdrückend propagandistische Vergangenheitslast, das Wenigwertsein eines Menschenlebens, eine medizinische Unterversorgung, die zu ungeahnten Nebenwirkungen von Medikamenten führt, die zwanzig Jahre über ihr Ablaufdatum hinaus noch eingenommen werden, eine unvorhersehbar spezielle, situativ sich darüber hinaus auch noch ständig verändernde Verortung von Gut und Böse, Sexualität, Gewalt und Schnaps, splattermässig mordende Intellektuelle, eine suizidale Oberschicht und über allem auch ein Kommentar über die althergebrachte Hoffnung, so wie die Neujahrsnacht ausfalle, würde auch das Folgejahr werden. «Petrov’s Flu» ist formal, von der Länge und der assoziativen Sprunghaftigkeit nahe einer Zumutung einerseits, andererseits eine kongeniale Mélange in der Herstellung einer Nachfühlbarkeit von der überwältigenden Masse der an jedem Individuum zerrenden Patriotismusbegehrlichkeiten, Vorbildbürgerverpflichtungen, Ausscher- und Träumverbote und dem offiziell selbstverständlich überhaupt nicht vorhandenen Mangel an allem. Es gibt nur Freiwilligkeit, und darum ist das Volk glücklich, in jeder Lebenslage. Dass es sich eigentlich um die Schilderung eines Familienalltags handelt, ist auf Anhieb nicht so einfach erkennbar, verändert aber die Lesbarkeit dieser fantastisch malerischen Auskostung eines durch und durch desolaten Zustandes auch nicht. Wer darüber nicht automatisch verstummt, ist schon tot.

 

«Petrov’s Flu» spielt im Kino RiffRaff.

 

Spenden

Dieser Artikel, die Honorare und Löhne unserer MitarbeiterInnen, unsere IT-Infrastruktur, Recherchen und andere Investitionen kosten viel Geld. Unterstützen Sie die Arbeit des P.S mit einem Abo oder einer Spende – bequem via Twint oder Kreditkarte. Jetzt spenden!