In einem Offenen Brief kritisieren Therapeutinnen und andere Fachpersonen die Lebensbedingungen für Geflüchtete in der Nothilfe. Simon Muster hat mit Erstunterzeichnerin Dr. Fana Asefaw über alltägliche Zermürbung im Asylsystem gesprochen. 

 

Anfangs Februar 2022 kritisierte die Nationale Kommission zur Verhütung von Folter (NKVF) die Bedingungen in drei Rückkehrzentren im Kanton Bern. In der Folge unterzeichneten über 450 Fachpersonen aus Medizin, Psychotherapie und Psychologie einen Offenen Brief an Politik und Behörden, der die Bedingungen im Nothilfesystem grundlegend kritisiert: «Wir sehen uns verpflichtet, darauf hinzuweisen, dass die Leidenszustände durch die prekären, menschenunwürdigen Lebensbedingungen im Nothilferegime in unverantwortlicher Weise verschärft werden.» 

 

Dr. Fana Asefaw ist eine der ErstunterzeichnerInnen. Sie ist Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Expertin für Trauma- und Migrationsfragen.

 

Frau Dr. Asefaw, wann kommen Sie in Ihrer täglichen Arbeit in Kontakt mit Menschen, die im Nothilfesystem sind?

Die meisten sehe ich im Rahmen des Projekts «BrückenbauerInnen und Trauma». Dieses bietet seit Ende 2020 im Kanton Zürich und den angrenzenden Kantonen Unterstützung für psychisch belastete Geflüchtete. Manchmal werden wir auf die Personen durch engagierte BürgerInnen aufmerksam, manchmal über Schulen oder über andere ÄrztInnen, wenn wir um Unterstützung gefragt werden. Zusammen mit ausgebildeten BrückenbauerInnen versuchen wir dann, die Geflüchteten psychisch zu stabilisieren. 

 

Was muss ich mir unter den BrückenbauerInnen vorstellen?

Das sind Menschen, die selbst überwiegend den Asylprozess in der Schweiz  durchlaufen haben und sich eben als zwischenmenschliche BrückenbauerInnen zu den Geflüchteten engagieren. Natürlich ist mein Fachwissen für die Therapie wichtig, aber genauso zentral ist es, dass wir mit Menschen eng zusammenarbeiten können, die die kulturellen Eigenheiten und die Sprache der Betroffenen verstehen. Gegenüber den Brückenbauer öffnen sich die betroffenen Menschen schneller. In meiner Arbeit ist Vertrauen das Allerwichtigste: Wenn ich zum Beispiel eine psychiatrisch-medizinische Intervention empfehle oder eine Psychotherapie oder ein Medikament, bin ich darauf angewiesen, dass die Betroffenen mir vertrauen. Das tun sie aber nicht automatisch. Für sie bin ich zu Beginn Teil des institutionellen Systems, das sie tagtäglich  – man muss es leider so sagen – im Stich lässt und zermürbt. Deshalb ist es wichtig, dass ich ihnen auf Augenhöhe begegnen kann und einen kulturellen Verständniszugang zu ihnen habe. Und dafür tragen aus meiner Erfahrung die BrückenbauerInnen einen entscheidenen Anteil bei. 

 

Im Offenen Brief steht, dass die Lebensumstände, denen die Geflüchteten in der Nothilfe ausgesetzt sind, krank machen. 

Genau. Oft leiden die Betroffenen an psychosozialen Belastungsproblemen, also an Problemen, die durch die Lebensbedingungen ausgelöst werden. Sie beobachten jeden Tag, wie Menschen, die zusammen mit ihnen in den Lagern leben, von der Polizei oder der Security abgeführt werden, und fürchten sich ständig davor, selbst ausgeschafft zu werden. Es gibt Kinder, die dann anfangen einzunässen, Essen zu verweigern, nicht mehr sprechen, oder anfangen aggressiv zu werden oder sich zunehmend zurückziehen.

Ich beobachte immer wieder, wie Menschen, die gesund in die Schweiz kommen, durch den Asylprozess krank gemacht werden. Und für die, die bereits vorher psychische Probleme hatten, wird die Situation noch prekärer. 

 

Welchen Einfluss hat das auf die Kinder der Betroffenen?

Belastete Eltern haben oft auch belastete Kinder. Das ist kaum eine Überraschung. Sie fragen: Warum darf ich nicht in den Kindergarten? Wieso kauft ihr mir keine Schokolade, wieso habe ich keine Puppe? Wieso leben wir in dieser engen trostlosen Unterbringung genau wie auf der Flucht im Gefängnis?
Ihre psychischen Probleme zeigen sich dann an veränderten Verhaltensweisen. Sie sind unberechenbar: Manchmal sind sie apathisch und lethargisch und dann plötzlich haben sie wieder emotionale Durchbrüche, werden aggressiv. Erst kürzlich hatte ich mit einer Mutter zu tun, deren Tochter seit langer Zeit suizidal ist. Mehrere engagierte TherapeutInnen versuchten sie zu stabilisieren, blieben aber erfolglos. 

Das ist das Frustrierende an der ganzen Sache: Wir TherapeutInnen können den Betroffenen im Nothilfesystem nicht nachhaltig helfen, weil wir die von Behörden geschaffenen, psychosozial schädigenden Bedingungen nicht ändern können. 

 

Wie meinen Sie das?

Die Menschen, die in der Nothilfe feststecken, gelten bei den Behörden als  Illegale – sie sollen das Land verlassen. Aber, weil dies für viele Personen nicht möglich zu sein scheint, versuchen sie ja alles, um hier zu bleiben, manchmal werden sie suizidal und manchmal tauchen sie auch unter. Den zermürbenden Status des «Ungewollten» oder «Illegalen» verinnerlichen die Betroffenen. Sie sagen mir während der Therapie, sie seien «Negative» wegen dem Entzug ihres Ausweises oder sie fühlen sich als «Abschaum». Gegen diese Perspektivlosigkeit kann keine medizinische Fachperson etwas tun. Wir können Medikamente verabreichen und ihnen zuhören, ja ihre Not sehr gut verstehen, aber nicht die Ursachen beheben, die die Symptome auslösen, verstärken und aufrechterhalten.

 

Das Nothilferegime. 

Genau. Sie müssen sich das vorstellen: Die Krankenkassen, und somit im Endeffekt die SteuerzahlerInnen, geben sehr viel Geld dafür aus, dass wir TherapeutInnen uns um die Betroffenen kümmern, ohne dass sich deren Situation wirklich verbessert. Manche stecken über Jahre in der Nothilfe fest und verlieren den Glauben an ihre positive Selbstwirksamkeit. Oft höre ich von Betroffenen, dass sie einfach eine kleine Aufgabe oder eine Ausbildung absolvieren möchten für die Zeit, in der sie nicht ausreisen können, damit sie sich wieder als Menschen fühlen und nicht einfach als «Illegale». 

Solche Aufgaben, Arbeitsmöglichkeiten oder Ausbildungen würden es ihnen auch erlauben, das Gelernte in ihren Heimatländern – falls eine sichere Rückkehr möglich wird – produktiv einzusetzen und gegenüber ihrer Familie in Würde zu leben, zumal sie so für sich und ihrer Familie allenfalls aufkommen können.

 

Was macht das mit Ihnen als Therapeutin, wenn Sie genau wissen, dass Sie im Endeffekt nur Symptome bekämpfen?

Je nach Fall fühle ich mich manchmal ohnmächtig oder es lässt Wut in mir aufkommen. Genau deshalb arbeite ich mit anderen Akteur-
Innen interdisziplinär zusammen. Wir versuchen, ein gemeinsames Verständnis für die Betroffenen zu entwickeln und sie – soweit es uns möglich ist – würdevoll zu behandeln. Es ist erstaunlich zu beobachten, wie positiv sich gerade junge Menschen entwickeln, wenn sie einfach mit einem Minimum an Respekt und mit der Möglichkeit, mit einer sinnstiftenden Tagesstruktur zu leben: unentgeltlicher Deutschkursbesuch, eine Fahrkarte, um ein wenig rauszufahren und spazieren zu gehen, Peers zu treffen, wenigstens Möglichkeiten für kleinere Arbeitseinsätze zu haben. 

Plötzlich setzen sie wieder Ressourcen frei, schliessen Freundschaften und haben die Kraft, sich wieder selbst für sich stark zu machen. 

 

Was muss sich ändern, dass die Menschen nicht mehr im Nothilfesystem zermürbt werden?

Wir müssen den Menschen eine niederschwellige Unterstützung zugängig machen, anstatt ihnen das Leben künstlich zu erschweren. Das bedeutet: Einfacherer Zugang zur Gesundheitsversorgung, zu Informationen und Bildungsangeboten. Wir müssen verhindern, dass die Geflüchteten in der Zeit, in der sie bei uns sind, ihr Würdegefühl verlieren. Ich sehe in der Sprechstunde so viele Geflüchtete, die so viele Herausforderungen in ihrem Leben gemeistert haben, dies aus eigener Kraft und Phantasie; sie bezeichnen sich oft auch selber als Überlebenskünstler. Jedoch scheint das Spezielle für sie in der Schweiz zu sein, dass sie selber durch Anstrengung oder Einsatz nichts an ihrem Zustand ändern oder verbessern können. 

 

Glauben Sie denn, dass der Wille da ist, um die Situation von abgewiesenen Geflüchteten zu verbessern?

Wir sehen ja gerade im Zusammenhang mit dem Krieg in der Ukraine, was möglich ist, wenn man Menschen auf der Flucht helfen will. Ich bin überzeugt, dass die Schweizer Bevölkerung eigentlich sehr wohlwollend ist, aber über die Lebensumstände von Personen in der Nothilfe schlecht informiert ist. Das Gleiche gilt auch für PolitikerInnen und RichterInnen. Dabei gibt es unzählige Forschungsergebnisse über die negativen Effekte des Nothilferegimes. Vielleicht brauchen wir einen authentischen Dokumentarfilm, der aufzeigt, wie das Leben der Betroffenen wirklich ist, damit sich auf politischer Ebene endlich etwas ändert.

 

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