Wurde Rapmusik gentrifiziert? Wie sich Lokalphänomene hochschaukeln und wie der Kulturjournalismus Jugendkultur teils lange verschläft. Ein Spaziergang durch den Kreis 4 mit dem Zürcher Musiker Morris Lötscher alias Lil Bruzy.

 

Sergio Scagliola

 

Lil Bruzy wartet an einer Hausecke in der Nähe des Hauptbahnhofs. Er passt zwischen die vielen E-Scooter, die in den letzten Jahren das Stadtbild prägen. Denn 2016 konnte der damals 20-Jährige mit «Trottinet» einen Hit aus dem Nichts landen: 100 000 Streams auf der Streamingplattform Soundcloud innerhalb einiger Monate – wenig kam dem Prädikat Zürcher-Untergrund-Hit näher. Einst als letzte Bastion des unabhängig-digitalen Musikschaffens erklärt, bot Soundcloud einen kostenfreien Weg, Musik zu veröffentlichen. Vor 10 Jahren war sie die wichtigste Plattform für Musikschaffende zur lokalen und internationalen Vernetzung. In der Schweiz ist sie stets hinter den grossen Streamingdiensten untergegangen – trotz ihrer grossen Bedeutung für eine junge Musikszene.

 

Dass die grossen Kulturressorts der Jugendkultur bisher oft etwas hinterherhinken, ist nichts Neues. Und wenn aufgeholt wird, wirkt die Diskussion der Trends oft etwas forciert. Rapper Lil Bruzy ist vielleicht das beste Beispiel, wie jemand aus einer lokalen Nische in die Popkultur rückt: zunächst abseits von medialer Rezeption und erst spät auf den Radar aller.

 

Kettenreaktionen

Auf den ersten Blick ergibt sich nicht, warum gerade «Trottinet» durch die Decke ging. Die allermeisten Fans des Songs haben sicherlich grosse Ohren gemacht, als sie Lil Bruzy zum ersten mal «Weiss öpper wo mis Trottinet isch? Ich has verlore am HB Züriii» säuseln hörten. Die Tonqualität ist eher durchwachsen, der Inhalt auf das Banalste reduziert: im Zentrum das verlorene Trottinet, eingebettet von humorvoller, hedonistischer Selbstinszenierung. Wieso also erreicht dieser Song Kultstatus in der Stadtzürcher Rapkultur fast drei Jahre bevor die ersten Artikel über Lil Bruzy erscheinen?

 

«Den Erfolg konnte ich mir nie wirklich erklären. Zu keinem Zeitpunkt wurde damit gerechnet, dass der Song eine so grosse Reichweite erreichen würde. Den plötzlichen Erfolg habe ich auch immer als ein Hochschaukeln empfunden. Gerade wenn Musik ausserhalb des Mainstreams in das Bewusstsein einer Szene rückt, ist doch eine gewisse Kettenreaktion vorausgesetzt. Deshalb ist sicher auch ein Quäntchen Glück und die Leistung der Community wichtig. Denn Reichweite entsteht auch nicht von alleine, Dinge werden cool gemacht.»

 

Reduzieren und zelebrieren

Wie ein Song ohne grosse Medienrezeption zum Phänomen wurde, ist schwierig zu erklären. Das Genre hat sich in den letzten zehn Jahren in unzählige Richtungen weiterentwickelt – weil junge Leute, die mit dieser Musik aufgewachsen sind, ihre eigene unkompliziert produzieren können. Dabei wird gerne experimentiert: Der Grundton scheint weniger ernst, der Inhalt weniger dicht, alltägliche Dinge werden zelebriert.

 

Von einigen als dadaistisch abgestempelt, von anderen als zynische Kapitalismuskritik, finden diese Argumentationen bei KünstlerInnen weniger Anklang. Aber die Erklärungsversuche zeigen, dass Rap nun auch in einer sinnsuchenden Kulturbranche angekommen ist. Auch beim Spaziergang fällt immer wieder die junge, hippe, urbane Bildsprache beispielsweise in der Werbung auf. Und wenn man schon an der Ecke zur Langstrasse steht, die Frage an Bruzy: Wurde diese Kultur gentrifiziert?

 

«Vielleicht, ja. Gleichzeitig kann man nicht erwarten, dass ein Genre musikalisch und inhaltlich stagniert. Diese Verschiebung in den Mainstream ist für uns Kulturschaffende auch eine Chance zur Professionalisierung der Branche. Das bringt mehr Möglichkeiten, sich dank besserer Gagen mehr auf die Musik konzentrieren zu können. Trotzdem: Von Rap leben wenige KünstlerInnen in der Schweiz.»

 

Es ist doch interessant, dass diese inhaltlich reduzierten Texte, die vielleicht auch etwas öfter unpolitisch geworden sind, genau jetzt vollständig in die Popkultur rücken. Kommt dem Musikgenre so politische Relevanz abhanden? Wird die HörerInnenschaft unkritischer?

 

«Das kann sein, aber ich weiss nicht, ob die Verantwortung für politische Bildung nur bei den KünstlerInnen liegt. Gerade wo Kunstfiguren und Alter Egos einen wichtigen Teil der Kultur darstellen, ist es eher wichtig, klarzumachen, wo die Grenze zwischen Kunstfigur und realer Person ist. Dass man beispielsweise auf Social Media präsent ist, kann hier sicherlich helfen. Gerade für mich als Musiker mit einer klar überspitzt dargestellten Persona ist dieses Werkzeug nützlich, um mich privat und politisch zu äussern – auch weil ich das musikalisch nicht gut kann und somit nicht wirklich will. Musik ist immer auch eine Rolle, die man einnimmt, und für gewisse KünstlerInnen ist sie näher oder ferner von der eigenen Person. Aber die Bitte zur Unterschrift beim Frontex-Referendum landet natürlich in meiner Instagram-Story.»

 

Diese Rolle haben mittlerweile nicht nur seine Fans schätzen gelernt. Schliesslich wird Bruzy bei Release auch gerne in den grossen Kulturrubriken platziert. Über das Review der ‹Weltwoche› hatte er sich aber beim letztjährigen Release gar nicht gefreut…

 

«Ich kann nicht in den Kopf der ‹Weltwoche›-Journis blicken, weshalb ich in einer ‹Weltwoche› erscheinen sollte. Ursprünglich lag eine Anfrage für eine Reportage vor – von dem Journalisten, der den Ausgangstipp für Frauen mit irgendwelchen goldenen Regeln im letzten Sommer publiziert hatte – und für mich war klar: Ich mag diesen Typen nicht, ich mag die ‹Weltwoche› nicht – ich will nicht in einer ‹Weltwoche› stattfinden, an keinem Tag der Woche. Warum dann ein Review erschienen ist, weiss ich nicht, aber war mir auch relativ egal.»

 

Die Bullinger-Demografie

Es ist grundsätzlich positiv, wenn ein vernachlässigtes Subgenre Beachtung findet. Aber gerade wenn ein Lil Bruzy zwischen einem Udo Lindenberg und einem Jazz-Pianisten in der Musikrubrik steht, kann das für viele Fans auch etwas forciert wirken. Gleichzeitig muss man der Jugendkultur vielleicht auch einen leichten Elitismus zuschreiben, der mehr oder weniger ernst gemeint ist. Auf der vor zwei Wochen erschienenen EP «Busy Bruzy Baby» singt Bruzy von «scheiss Möchtegern-Szenis am Bullingerplatz». Was haben die Szenis in deinem Quartier angerichtet?

 

«Der Seitenhieb ist primär einem Zweckreim geschuldet. Auszuteilen ist ja auch lustig. Gleichzeitig finde ich es schon etwas absurd, was für eine Menschentraube an sonnigen Wochenenden hier einkehrt – ist ja auch ein gegenseitiges Hochschaukeln. Die sogenannte Szene versammelt sich immer da, wo schon alle sind und so geht doch auch Authentizität und auch ein Bewusstsein für das Quartier verloren. Aber mir ist das auch recht, wenn ich auf dem leeren Bullingerhof bin, während die Menschentraube sich in ein Café drückt.»

 

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