Vor Kurzem waren im Kanton Zürich die Aufnahmeprüfungen für das Gymnasium. Aus Gesprächen mit Freundinnen und Freunden weiss ich, wie belastend diese sind für Kinder und Eltern. Aber auch die Lehrstellensuche ist nicht ohne. In diesen Momenten fürchte ich mich ein wenig davor, wie es sein wird, wenn meine Tochter ins entsprechende Alter kommt. Und gleichzeitig frage ich mich zuweilen, ob ich selbst die Matura geschafft hätte, wäre ich statt im Kanton Solothurn im Kanton Zürich in die Schule gegangen. 

 

Die Frage der Maturitätsquote ist denn auch schon seit Jahren eine hochpolitische und hochkontroverse Frage. Sie ist auch keine einfache. Und sie ist oft auch nicht ganz frei von persönlichen Interessen, Vorlieben und politischen Haltungen. So habe ich hier auch schon geschrieben, dass bei mindestens einem Teil jener, die gerne das Hohelied des dualen Bildungssystems singen, es kaum infrage käme, wenn der eigene Nachwuchs tatsächlich den nichtakademischen Weg beschreiten würde.

 

Seit Jahrzehnten wissen wir, dass der akademische Weg in erster Linie die eigene Schicht reproduziert. Die SoziologInnen Benita Combet und Daniel Oesch haben dies in einer Studie auch nachgewiesen. So verfügen im Alter von 26 Jahren 43 Prozent der Kinder aus der obersten sozialen Schicht einen Uniabschluss, aus der untersten nur 12 Prozent. Natürlich ist Bildungsnähe der Eltern auch ein Faktor für den Bildungserfolg der Kinder. Aber die Selektion nach sozialer Schicht spielt auch bei Kindern mit den gleichen schulischen Voraussetzungen. So verglich die Studie auch jene, die im Alter von 16 Jahren die gleichen Schulnoten und die gleichen Resultate im Pisa-Test hatten, sowie im selben Sekundarschul-Typus lernten. Trotz der gleichen Voraussetzungen verfügten dann mit 26 Jahren doppelt so viele Kinder aus der obersten Schicht über einen Universitätsabschluss als jene aus der untersten. Bei der Berufsmatura sind die Unterschiede weit weniger stark. Das spricht für die Erfolgsgeschichte von Berufsmatura und Fachhochschulen, nur stagniert dort die Quote seit einigen Jahren.

 

Während in der sozialen Mobilität wenig passierte, passierte woanders viel: Beim Geschlecht. Seit Jahren steigt die Maturitätsquote von Frauen. Vor 1990 besuchten mehr Jungen als Mädchen das Gymnasium. Seither ist die Quote bei den Mädchen gestiegen und hat mittlerweile jene der Jungen hinter sich gelassen. Der Anteil der männlichen Gymnasiasten bleibt seit 20 Jahren einigermassen stabil, bei den Mädchen ist sie hingegen stetig gewachsen. Der Anstieg der Maturitätsquote ist also vor allem auf die Mädchen zurückzuführen. Dieser Anstieg der Mädchen hat zu etlichen medialen und politischen Diskussionen geführt. Ist das Schulsystem besser auf Mädchen ausgerichtet als auf Buben? Spielt die zunehmende Feminisierung der Bildung eine Rolle, also die Tatsache, dass der Lehrberuf immer mehr zu einem Frauenberuf geworden ist? Es ist nicht auszuschliessen, dass dies gewisse Effekte hat, allerdings gibt es nicht sehr viele empirische Belege dazu. Die Erziehungswissenschaftlerin Margrit Stamm weist auch darauf hin, dass die Mädchen schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts die besseren Noten hatten als die Buben. Nur war ihnen damals die höhere Bildung verwehrt. Das heisst vereinfacht gesagt, dass  schulisch begabte Arbeiterkinder es noch immer schwer haben, aufs Gymnasium zu kommen, bei den Mädchen aber diese Hürden gefallen sind. 

 

Die Wahl der Mädchen hat aber auch einen handfesten finanziellen Hintergrund. So verdienen junge Erwerbstätige mit einer Berufslehre mehr als jene mit einer Matur. Dabei gibt es aber einen klaren Unterschied bei den Geschlechtern, wie Maïlys Korber und Daniel Oesch in einem Artikel für ‹Die Volkswirtschaft› ausführen. Denn das gilt für Frauen bis zum Alter von 26 Jahren und bei Männern bis zum Alter von 33 Jahren. Nach diesem Alter steigen die Löhne jener mit nur einer gymnasialen Matura schneller. Im Alter von 45 Jahren ist der Medianlohn bei den Männern um 12 Prozent und bei den Frauen um 14 Prozent höher. Im Alter von 60 Jahren ist der Lohn bei Männern um 39 Prozent und jener von Frauen um 62 Prozent höher. Selbst ohne Studium lohnt sich die Matura für Frauen weitaus mehr als eine Berufslehre. Das hat auch mit den Unterschieden in den Löhnen von typischen Frauen- und Männerberufen zu tun.    

 

Die Frage der Höhe der Maturitätsquote – und dazu gehört eben auch die Berufsmatur – sollte also auch unter der Berücksichtigung dieser Faktoren geführt werden. Das Ziel ist ja nicht das Erfüllen einer mathematischen Quote, sondern dass jedes Kind den passenden Bildungsweg einschlagen kann. Die Löhne sind aber nicht das einzig entscheidende: So ist bekannt, dass die Berufsbildung nahe am Arbeitsmarkt ist. Das heisst, wer eine Berufslehre abschliesst, ist seltener arbeitslos. Kantone mit höheren Maturitätsquoten wie in der Romandie haben auch tatsächlich zu einem Teil Probleme mit Jugendlichen, die keine gute Lösung finden, also beispielsweise das Gymnasium abgebrochen haben. Auf der anderen Seite sind die Bilder von Heerscharen von arbeitslosen Geisteswissenschaftlerinnen komplette Fiktion.  Zwei Dinge erschweren eine nüchterne Diskussion. Zum einen die Kosten: Eine Erhöhung der Quoten bei Berufsmatur und gymnasialer Matura führt natürlich auch dazu, dass man mehr ausgibt für die Bildung. Da ist es natürlich weitaus billiger, auf Arbeitskräfte mit tertiärem Abschluss zurückzugreifen, die ihren Abschluss nicht in der Schweiz gemacht haben. Das gilt in analoger Logik auch für die Investition in frühkindliche Bildung, die sich zwar volkswirtschaftlich auszahlt, aber mit Initialkosten verbunden ist. Zum zweiten ist die Politik stark von einer Logik des Nullsummenspiels geprägt. Die Idee, man könne sowohl Berufsbildung wie auch Gymnasien stärken, sprengt offenbar das Vorstellungsvermögen von etlichen PolitikerInnen. Zumal es ja auch einfacher und vor allem billiger ist, Stimmung zu machen gegen Heerscharen von arbeitslosen Geisteswissenschaftlerinnen. 

 

Was sowieso untergeht dabei ist der Wert von Bildung an sich. Nicht alle haben Freude an der Schule und das wird auch in Zukunft so sein. Aber alle Kinder sind lern- und wissbegierig. Hier muss Bildungspolitik und Wissenschaft auch ansetzen: Wie schaffen wir es, dass diese Lern- und Wissbegierde nicht im Lauf des Lebens durch Frustration und Desinteresse ersetzt wird? Für mich eine offene Frage – aber ich vermute, dass es auch hier mit Ressourcen zu tun hat.    

 

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