«Ich werde nicht stillsitzen können»

Mit Ursula Uttinger trat am Mittwoch eine ‹untypische› Freisinnige aus dem Zürcher Gemeinderat zurück.

 

 

Julian Büchler

 

 

Ellenlange Traktandenlisten und Sitzungen bis um Mitternacht, viele persönliche Erfolge, aber auch Kritik: Ursula Uttinger hat viel erlebt in ihren zwölf Jahren im Zürcher Gemeinderat. Sie selbst bezeichnet ihre Politik als geradlinig, konsequent und ehrlich, am linken Rand der FDP. «In einigen Kreisen werde ich auch als Jaqueline Badran der FDP bezeichnet. Ich sehe das als grosse Ehre, sie hat diese direkte und ehrliche Art, die zwar oft aneckt, aber zeigt, dass sie Politik der Sache wegen und nicht wegen ihrer Person macht. Dass die Leute mich auch so sehen, freut mich sehr.» Die beiden kennen sich übrigens auch persönlich sehr gut, wie Ursula Uttinger schmunzelnd erzählt. «Wir spielten zu Gymnasiumszeiten beide Basketball, jedoch damals schon in gegnerischen Teams.»

 

Ein Themenbereich, für den sie sich besonders einsetzt, sind Frauenanliegen. Sie war eine der massgeblichen Unterstützerinnen des SP-Vorstosses zur Einführung einer Frauenquote in Zürich. Die FDP ist ja nicht gerade dafür bekannt, solche Vorhaben voranzutreiben. «Mir ist in diesem Punkt einfach wichtig, dass etwas geht. Als liberaler Mensch einer liberal ausgerichteten Partei bin ich grundsätzlich gegen solche Gesetze. Doch ich bin mir bewusst, dass es sie in dieser Sache braucht, um ans Ziel zu kommen. Es wäre wunderbar, wenn wir dieses Gesetz nicht bräuchten, weil es das normalste der Welt sein sollte, aber so ist es nicht. Wir müssen uns vor Augen führen, dass wir über Jahrzehnte hinweg eine Männerquote hatten. Zwar unbewusst, aber wir hatten sie.» Das System sei einfach gewesen: «Statistisch gesehen wählen wir zu unserem Arbeitspartner, wer uns selbst möglichst ähnlich ist. Männer wählen also meistens Männer.» Dies sei genauso eine Quote. Für Ursula Uttinger ist klar: Gender-gemischte Teams seien einerseits aus wirtschaftlicher Sicht effizienter, andererseits könne es nicht sein, dass eine gewisse Gruppe einer Gesellschaft systematisch ausgeschlossen werde. «Ich bevorzuge aber den Begriff ‹Anschubquote›, auch in der Hoffnung, dass wir sie nach einer gewissen Zeit nicht mehr brauchen.» Damit alleine sei das Problem aber sicher nicht gelöst. «Wir müssen uns auch fragen, warum wir so wenig Frauen haben, die sich eine Stelle beispielsweise im oberen Kader zutrauen. Wenn wir einen Blick in die ehemalige Sowjetunion wagen, übten dort auch viele Frauen Berufe aus, die bei uns ‹männerbehaftet› sind. Da sehe ich bereits in der Erziehung geschlechterspezifische Unterschiede, die dazu führen, dass Frauen zu einem geringeren Selbstvertrauen erzogen werden.» Simone de Beauvoirs Aussage, dass man nicht als Frau geboren, sondern dazu sozialisiert wird, würde sie sofort unterschreiben.

 

Neulich habe sie einer Bekannten erzählt, dass sie bald mehr Zeit haben werde, aber sie habe sie nur ausgelacht. Sie werde mindestens genau so viel zu tun haben, sie könne eh nicht stillsitzen und untätig sein. «Ich werde wohl den einen oder anderen Abend mehr haben, aber da gibt es so viele Sachen, für die ich dann wieder Zeit habe, sodass ich am Ende wieder ausgebucht sein werde (lacht).» Ganz oben auf der To-Do-Liste steht Italienisch. «Ich freue mich darauf, diese schöne Sprache vertiefen zu können. Zudem liebäugle ich schon lange damit, wieder etwas Wissenschaftliches zu publizieren.» Ihr Spezialgebiet: Datenschutz. «Das Buch ‹1984› von George Orwell ist für mich ein Paradebeispiel. Unsere Daten werden gesammelt und benutzt. Wir sind heute weiter, als in den Science-Fiction-Filmen der 90er-Jahre propagiert wurde. Ich sehe nicht mal den Staat in der grössten Verantwortung, sondern vor allem die Unternehmen, die damit Geld machen.» Die Frage sei, was Privatsphäre sei und wo zu derenSchutz die Wirtschaftsfreiheit eingeschränkt werden dürfe.

 

Kritisch steht Ursula Uttinger übermässigem Konsum gegenüber. Wir hätten ganz klar ein grosses Konsumproblem, wir würden ja auch geradezu dahin erzogen. «Essen, Kleidung, Luxusgüter. Alles Sachen, von denen wir viel zu oft mehr kaufen, als wir brauchen. Trotzdem fühlen wir uns gut dabei, was doch zeigt, dass das gute Gefühl nicht beim Brauchen, sondern beim Kaufen entsteht.» Unsere Gesellschaft habe also nicht nur ein Konsumproblem, sondern eine Konsumsucht. «Wir wollen immer mehr und mehr, ohne zu merken, dass uns das gar nicht die gewünschte Wirkung bringt, da die Wirkung schon kurz nach dem Kauf nachlässt. Wenn es um den Kauf beziehungsweise den Besitz von Sachen geht, haben wir dann als Gesellschaft ein nicht noch grundlegenderes Problem?»

 

Ursula Uttinger zeigt Gespür für philosophische Gedanken. «Wir definieren uns fast nur über Haben. Überlegen wir uns einmal, wann wir Menschen wirklich glücklich und frei sind. Besitz belastet auch – frei sind wir erst, wenn wir unsere Sachen nicht schützen müssen. Und je weniger wir haben, umso weniger müssen wir schützen und je freier sind wir.»

 

Die Wirtschaft muss aus ihrer Sicht qualitativ und nicht quantitativ wachsen. «Aber da bin ich wohl nicht der Massstab in der FDP (lacht). Wir müssen weg von einer Expansion in vielen Bereichen. Tierhaltung, Pflanzenanbau und Konsum muss alles in ein faires Verhältnis kommen.» Wir seien heute in einem stark ausbeuterischen System, das wir KonsumentInnen mit unserer Kaufsucht zusätzlich fördern würden. «Viele Leute sagen mir, dass ich extrem diszipliniert sei. Für mich ist aber der wichtigere Faktor, dass ich eine Überzeugung habe. Wenn ich von etwas überzeugt bin, fällt es mir nicht schwer, mich daran zu halten», sagt sie, die sich selbst seit einigen Jahren ein Kleiderkaufverbot auferlegt hat.

 

Auch sei es einfacher, in Relationen zu denken. «Es ist einfach Zufall, dass ich hier in der Schweiz geboren bin und mir jetzt überlegen darf, ob ich heute Mittag auswärts essen gehe oder mir selber was mitnehme. Was, wenn ich beispielsweise im heutigen Syrien geboren wäre?» Mit diesem Gedanken im Hinterkopf lebt es sich anders. «Wir sollten darauf zurückkommen, dass jeder nur noch so viel konsumiert, wie er zum Leben braucht. Für mich stellt sich die Grundsatzfrage, ob wir nicht ein Problem mit dem System Mensch an sich haben, schliesslich würden viele Systeme wunderbar funktionieren, käme nicht irgendwo der Egoismus eines jeden durch.»

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