Wenn’s nur das wäre

Es ist gefährlich, einen Grünen in die Ferien zu schicken. Er liest dann dort Bücher, in meinem Fall nicht nur den üblichen kriminalistischen Schund, sondern auch Naomi Kleins 700-Seiten-Werk mit dem (in der Übersetzung) knackigen Titel «Die Entscheidung. Kapitalismus versus Klima», das zwar etwas geschwätzig, aber dennoch überaus wichtig ist.

 

Man muss dazu sagen, dass Klein nach amerikanischen Massstäben eine Linke sein mag, aber von ihrem Selbstverständnis her keine Grüne, sondern einfach eine Journalistin, die eine Menge Daten sammelt, (wozu sie bequemerweise ein Team beschäftigt,) und daraus die richtigen Schlüsse zieht.

 

Und die sagen, dass der Klimawandel nicht nur der Hauptwiderspruch unserer Zeit ist und die wohl grösste Herausforderung, falls man so etwas sinnvollerweise behaupten kann, sondern auch, dass der Kapitalismus, bzw. die Art unserer Produktions- und Konsumstrukturen, der grösste Widersacher des Klimas ist. Oder einfacher gesagt: Man wird den Klimawandel nicht mit einer Begrünung dieser Strukturen bekämpfen können, denn der Kapitalismus hat keine Fehler, er ist im Hinblick auf das Klima der Fehler. In diese Richtung drückt sich auch Marcel Hänggi in der WOZ aus, wenn er bemerkt, dass Umweltschutz schon lange kein Nischenthema mehr ist. «Globale Umweltveränderungen interferieren mit allen anderen grossen Themen der Politik: Welternährung, Sicherheit, Migration, Krieg und Frieden, Energieversorgung, Verkehr, Handel, Technik.» Kurz: Der Klimawandel ist die neue Klassenfrage.

 

Das macht einen Haufen Leute stinkig, nicht nur grünliberale, weil wir seit dem Verschwinden des real existierenden Sozialismus keine Alternative zu haben scheinen. Neu ist das allerdings nicht. Man kann das am Beispiel des Wachstumszwangs sehen, welcher in kapitalistischen Strukturen angelegt ist, verknüpft mit dem Fakt, dass Wirtschaftswachstum heute immer noch mit steigendem Energie- und Ressourcenverbrauch zusammengeht (auf Deutsch: je grösser das BIP, desto höher der Ressourcenverschleiss, desto grösser die Umweltzerstörung). Man kann das mit fehlenden Anreizen erklären, die dazu führen, dass betriebswirtschaftlich Null Druck besteht, klimaschonend zu produzieren, und auf der Nachfrageseite Null Druck, klimaschonend zu konsumieren. Weshalb sich auch nie etwas ändern wird. Man könnte aber auch damit argumentieren, dass seit Jahrzehnten, wenn man die Bilanz nüchtern zieht, eigentlich rein gar nichts passiert ist, weil allfällige Fortschritte immer wieder durch Mengenzuwächse aufgefressen wurden. Im Gegenteil: Es wird ja immer verreckter. Nach zwei Jahrzehnten Nachhaltigkeitsforschung (mein Beruf) und -politik (meine Berufung) bin auch ich der Meinung, dass das 2-Grad-Klimaziel nicht mehr realistisch ist. Die hektischen Anpassungsanstrengungen von Regierungen weltweit geben mir da leider recht.

 

Klar ist auf jeden Fall, dass der Klimawandel zu allerletzt ein ökologisches Problem ist. Dem Piz Cengalo ist es so was von egal, ob seine Million Kubikmeter Geröll oben am Berg hängen oder unten in Bondos Auffangbecken liegen. Bondo hingegen ist das nicht egal. Nur: Wenn wir das stoppen wollen, müssen wir morgen, nicht übermorgen, massiv aus den fossilen Energien aussteigen. Vollstopp. Aber, so Hänggi, «ein Ausstieg aus der Nutzung des wichtigsten Rohstoffs der Wachstumswirtschaft ist ohne grundlegende Umstrukturierungen der gegenwärtigen Produktions- und Distributionsstrukturen nicht zu schaffen.» Also Revolution oder Desaster. Ich hab’s ja gesagt: Lesen ist gefährlich.

 

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