«Die Tierparkbesucher fühlen sich entspannter und zufriedener»

Am 19. Mai feiert der Tierpark Langenberg sein 150jähriges Bestehen. Was macht den Park für die jährlich mehrere Hundertausend Gäste so attraktiv? Und was haben Elch, Wolf, Wildsau und Co. mit dem psychischen Wohlbefinden der Parkbesucher zu tun? Die Antworten kennt Umweltpsychologe Eike von Lindern. Im Gespräch mit Arthur Schäppi gibt er Auskunft über seine Forschungsarbeit.

 

Eike von Lindern, nehmen Sie auch teil am grossen Jubiläumsfest des Tierparks Langenberg?
Ich habe das Datum vom 19. Mai bereits seit einiger Zeit in meinem Kalender markiert und werde auch dort sein – sofern nichts Unvorhersehbares dazwischenkommt. Ich gehe nicht nur aus beruflichen Gründen, sondern auch sonst immer mal wieder gerne alleine oder mit Besuch in den Wildpark, weil der Aufenthalt dort für mich stets ein bereicherndes Erlebnis ist.

 

Sie haben als Umweltpsychologe im Auftrag des Wildnisparks Zürich und mit Unterstützung des Psychologischen Instituts der Uni Zürich 2016 eine Forschungsstudie über den Tierpark Langenberg durchgeführt. Und die Gäste dabei auch nach den Motiven für ihren Parkbesuch gefragt. Mit welchem Resultat?
Bei unserer damaligen Publikumsbefragung zeigte sich, dass die Leute vor allem in den Tierpark kommen, weil sie Tiere beobachten wollen. Aber auch einfach, um die Natur zu geniessen und um Distanz zum Alltag zu finden und Alltagssorgen hinter sich zu lassen. Auffallend häufig und auch stärker als etwa im Naturwald Sihlwald, der ebenso wie der Langenberg zum Wildnispark Zürich gehört und wo wir parallel eine ähnliche Befragung gemacht haben, wurde zudem ein soziales Motiv genannt: Nämlich, dass viele Besuchende es besonders schätzen, dass sie beim Ausflug in den Langenberg mit der Familie oder etwa mit Freunden gemeinsam Zeit verbringen und etwas erleben können.

 

Haben Sie Zahlen dazu?
Ungefähr die Hälfte der Besucher und Besucherinnen kommen mit Kindern (48 Prozent) oder mit der Familie und Verwandten (38 Prozent) in den Langenberg. Nur etwa 5 Prozent der Besucherinnen und Besucher kommen alleine. Im Sihlwald hingegen sind ca. 8 Prozent der BesucherInnen auch ganz gerne für sich alleine und nur etwa 35 Prozent mit Kindern unterwegs.

Wie viele Personen wurden befragt?
Anonym befragt wurden 155 Besucherinnen und Besucher zwischen dem 14. und 30. Oktober 2016 – und zwar jeweils am Wochenende, weil sich dann am meisten Gäste im Tierpark aufhalten. Um eine möglichst grosse Repräsentativität zu bekommen, haben wir jedermann angesprochen. Also Schweizer wie Ausländer, Frauen und Männer, Touristen und Einheimische, Gelegenheits- und Gewohnheitsbesucher usw. Ausgenommen waren einzig Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren, da deren Daten aus rechtlichen Gründen nicht ausgewertet werden dürfen. Die TeilnehmerInnen konnten dabei ankreuzen, wie stark oder schwach sie etwa einem Besuchsmotiv oder einer Meinung usw. zustimmen oder diese ablehnen. Und sie konnten die Antworten teilweise auch selber formulieren.

 

Bei der Untersuchung haben Sie vor allem auf psychologische Aspekte des Parkbesuchs fokussiert – warum?
Für den Wildnispark Zürich, dessen Tierpark vor den Toren der grössten Stadt und im grössten Ballungsgebiet der Schweiz mit über einer Million Einwohnern liegt, ist die Frage, welchen Erholungswert der Langenberg für seine Besucher und deren psychisches Wohlbefinden hat, von eminenter Bedeutung. Schliesslich wissen wir aus der Forschung, dass es gravierende gesundheitliche, aber auch volkswirtschaftliche Folgen hat, wenn Menschen nicht die Möglichkeit haben, sich von Stress und Belastungen ausreichend zu erholen. Diese Themen sind für mich als Umweltpsychologe auch Arbeits- und Forschungsschwerpunkte.

 

In Ihrer Forschungsarbeit ist in diesem Zusammenhang auch von sogenannten erholungsförderlichen Umwelten die Rede. Was genau ist damit gemeint?
In der Umweltpsychologie sprechen wir von erholungsförderlichen Umwelten, wenn wir in einer Umwelt machen können, was uns behagt, interessiert und begeistert, und wenn wir das Gefühl haben, den Alltag hinter uns lassen zu können. Dann setzen psychologische Erholungsprozesse ein, unser Wohlbefinden nimmt zu.

 

Und ist das ist im Langenberg der Fall?
Viele tauchen hier ganz offensichtlich in eine andere Welt ein und können so psychologische Distanz zu ihrem vielleicht häufig hektischen Alltag schaffen. Auf die Frage, wie sie sich nach dem Tierparkbesuch im Vergleich zu vorher fühlen, gaben etwa zwei Drittel an, dass sie sich erholter, entspannter und weniger gestresst, zufriedener oder sogar gesünder als vorher fühlten. Ebenfalls schätzten sich die Besucherinnen und Besucher durchschnittlich wacher, munterer, aktiver, fröhlicher und glücklicher ein als vor dem Besuch.

 

Wenn ich vom Alltag gestresst und frustriert bin oder etwa Ärger mit dem Chef habe, brauche ich also bloss ein bisschen den Jungbären beim Herumtollen zuzuschauen und alles wird wieder gut?
So simpel ist es selbstverständlich nicht. Ein Tierparkbesuch löst noch keine Probleme. Wer diesen aber als etwas Erfreuliches erlebt, kann dabei zweifelsohne neue Kraft tanken und etwa neue Zuversicht gewinnen, um anstehende Probleme konstruktiv anzugehen und zu lösen. Deshalb ist der Aufenthalt in einer solchen erholungsfördernden Umwelt auch psychologisch sinnvoll.

 

Sie haben auch nach besonders positiven und negativen Aspekten des Parkbesuchs gefragt.
Richtig. Dabei waren Mehrfachnennungen möglich. Aber nur gerade 21 Personen haben überhaupt etwas kritisiert, und insgesamt gab es 29 meist sehr unterschiedliche Nennungen dazu.

 

Um was ging es denn dabei?
Rund ein Drittel der Kritik betraf die Infrastruktur und namentlich den Zustand und die Beschaffenheit der Wege. Wobei dieses Resultat zu relativieren ist, da nur ein Teil der Kritiker die Wege etwa wegen der Stufen als zu beschwerlich empfand, ein anderer Teil sich aber im Gegenteil eine naturnähere Gestaltung wünschte. Und wieder andere Besucher lobten die Infrastruktur und Wege als besonders positiv. Insgesamt gab es 41 positive Nennungen von 33 Personen, wobei etliche hervorhoben, dass man hier Tiere beobachten könne, die man in freier Wildbahn kaum zu sehen bekomme.

 

Welche Empfehlungen zuhanden des Tierparks leiten Sie aus Ihrer Untersuchung ab?
Die Resultate sind für den Wildnispark Zürich insgesamt sehr erfreulich und bestätigen, dass der Tierpark von seinen Besuchern tatsächlich als erholungsförderliche Umwelt wahrgenommen und genutzt wird. Damit trägt der Tierpark Langenberg auch zur Gesundheitsförderung bei, indem er die Möglichkeit bietet, Stress abzubauen.

 

Was aber kann der Tierpark besser machen?
Verbesserungspotenzial gibt es gemäss der Umfrage bei der Parkplatzsituation. Und vielen ist nicht bekannt, dass im Tierpark auch diverse Kurse und Führungen angeboten werden. Manche Besucher frequentieren den Park auch als reinen Wochenendausflug, ohne sich näher mit den Tieren und der Natur auseinanderzusetzen. Überlegenswert scheint mir deshalb, wie man diese Leute vielleicht doch auf spielerische Art für die Details und Hintergründe der Tierwelt und Natur begeistern könnte.
Erstmals erschienen im Jahresheft 2019 von ‹Pro Sihltal

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