«Zu viel ist zu viel», oder: Wenn alle wie Blochers lebten 

Mit dem Slogan «Zu viel ist zu viel» wirbt die SVP für ihre «Begrenzungsinitiative». Damit kommt ihr Wortführer Christoph Blocher in Erklärungsnot.

 

Hanspeter Guggenbühl

«Die jetzige Einwanderung ist masslos: Zu viel ist zu viel». Das sagte Christoph Blocher, Chefstratege der SVP, am 23. Fe­bruar 2020 in einem Interview mit der ‹NZZ am Sonntag›. Und weiter erklärte er: «Seit 2007 ist über eine Million Personen zugewandert (…). Das braucht mehr Siedlungsfläche, zusätzliche Wohnungen, mehr Ärzte, mehr Lehrer.» Damit gab er die Argumentation vor, mit der die SVP ihre Initiative «gegen eine masslose Zuwanderung (Begrenzungsinitiative)» bewerben soll.

Die jetzt angelaufene Kampagne folgt der Stossrichtung ihres 79jährigen Wortführers aufs Wort: Neben dem Slogan «Zu viel ist zu viel! Ja zur Begrenzungsinitiative» bildet die SVP ein mit Eurosymbol umgurtetes Hinterteil ab, unter dessen Last die Schweiz zerbricht. Darunter schreibt die SVP in ihrem «Extrablatt»: «Die Schweiz ist ein kleines Land und in ein kleines Land können sich nicht immer mehr Menschen hineinzwängen! Der Platz ist beschränkt.» 

Diese Argumentation ist an sich nicht falsch. Wenn die Zahl der Menschen auf «beschränktem Platz» zunimmt, steigt tendenziell der Bedarf an Wohnraum, Verkehrsfläche, Infrastruktur etc. Wie viel mehr tatsächlich «zu viel» ist, darüber lässt sich streiten. Fest steht nur: Nicht alle beanspruchen «in unserem kleinen Land» gleich viel Platz; die meisten Zuwanderer eher weniger, Wortführer der SVP eher mehr als der Durchschnitt. Diesen Befund bestätigt ein Blick in die nationale Siedlungsstatistik und in den Ortsplan der Gemeinde Herrliberg am Zürichsee, wo Christoph Blocher mit seiner Ehefrau seit mehr als 20 Jahren wohnt.

 

Siedlungsareal im Kanton Zürich: 138 m2 pro Person

Eine Person in der Schweiz beansprucht im Durchschnitt 407 Quadratmeter Siedlungsfläche. Im überdurchschnittlich dicht besiedelten Kanton Zürich, um den es hier geht, sind es mit 264 Quadratmeter pro Person etwas weniger. Das zeigt die neuste Areal­statistik des Bundes (Stand 2018). 

Von diesen 264 Quadratmetern entfallen 48 Prozent auf Verkehrs-, Industrie-, Gewerbeflächen sowie öffentliche Erholungsflächen, die wir hier ausklammern. Damit bleiben pro Person im Kanton Zürich im Schnitt 138 Quadratmeter «Gebäudeareale», die mehrheitlich zum Wohnen genutzt werden. Dieser Schnitt von 138 Quadratmetern ist für den folgenden Vergleich die naheliegendste Zahl.

 

 

 

Wohnareal des  Ehepaars Blocher: 

Rund 14 000 m2

Nun kommen wir zum Hauptwohnsitz des Ehepaars Silvia und Christoph Blocher in Herrliberg. Mit ihren zusammengehängten drei Grundstücken Nummern 6298, 6299 und 6300, so zeigt der Ortsplan, bewohnen die Blochers an schöner Aussichtslage hoch über dem Zürichsee seit über 20 Jahren eine Arealfläche von 11 000 Quadratmetern. Davon entfällt ein kleiner Anteil von knapp tausend Quadratmeter auf das Bürogebäude, in der die Ems-Chemie-Holding ihren Sitz hat, und in dem Blochers Tochter Magdalena Martullo und einige MitarbeiterInnen zuweilen arbeiten oder Sitzungen abhalten. Damit blieb für das Ehepaar Blocher ein Wohnareal von rund 10 000 Quadratmeter mit geräumigem Wohnhaus und grosszügigem Park. Pro Person beanspruchten Blochers damit 5000 Quadratmeter respektive eine 36 Mal so grosse Arealfläche wie der Durchschnitt der Bevölkerung im Kanton Zürich.

So war es bis 2017. In diesem Jahr kaufte das Ehepaar Blocher zwei benachbarte Grundstücke mit einer Fläche von zusammen 4265 Quadratmetern dazu und erweiterte damit sein selber bewohntes Areal (abzüglich Büro der Ems-Holding) auf rund 14 000 Quadratmeter. Zum Vergleich: Auf diesen 14 000 Quadratmetern Wohnareal liessen sich – beim erwähnten Durchschnittsverbrauch von 138 Quadratmetern im Kanton Zürich – rund hundert zuwandernde Personen ansiedeln.

Das allerdings entspricht nicht Blochers Plänen. Denn auf den beiden neu erworbenen Grundstücken, so zeigte die Baustelle auf der Swisstop-Aufnahme (siehe Bild), entstehen zusätzliche Gebäude, in denen Christoph und Silvia Blocher ihre persönliche Bildersammlung und allenfalls private Bedienstete einquartieren wollen, sowie eine Erweiterung ihres bestehenden Parks.

 

Politische Botschaft contra privaten Lebensstil

So viel zur Kluft zwischen politischer Botschaft («Einwanderung ist masslos. Zu viel ist zu viel») und privatem Lebensstil – eine Kluft, die sich auch bei anderen Politikerinnen und Politikern feststellen lässt. Der Schreibende hat SVP-Politiker Christoph Blocher die oben aufgeführten Daten über die Arealflächen schriftlich vorgelegt und ihm die Frage gestellt: «Wie rechtfertigen Sie Ihren weit überdurchschnittlichen Siedlungsanteil, den Sie privat beanspruchen, mit Ihrer politischen Sorge, dass die Zuwanderung zusätzlichen Siedlungsanteil benötigt?»

Darauf übermittelte Christoph Blocher «in aller Kürze» folgende schriftliche Antwort: «1. Eine Million zugewanderter Personen entspricht gut dem zweifachen der Stadt Zürich und braucht entsprechende Siedlungsfläche. 2. An Ihren über mein Grundstück und deren Siedlungsfläche gemachten Aussagen ist so vieles falsch, dass ich nicht darauf eingehen kann. Sollten Sie diese veröffentlichen, verbreiten Sie bewusst Fake News.»

 

hpg. Antwort des Schreibenden, ebenfalls in aller Kürze: Die Angaben über die fünf zusammenhängenden Grundstücke des Ehepaars Blocher in Herrliberg mit den Katasternummern 6298, 6299, 6300 und 5981, 5983, im Grundbuch eingetragen auf den Namen Silvia Blocher, basieren auf dem öffentlichen einsehbaren Ortsplan der Gemeinde Herrliberg und können dort nachgeprüft werden.

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