Disruption? Revolution? Transformation!

Über den Sommer las ich, um die jüngste Krise inmitten von Krisen zumindest halbwegs einordnen zu können, allerlei aktuelle Analysen. Vor allem bei Ringger und Wermuth lassen sich auch plausible politische Perspektiven finden.

 

Hans Steiger

Bei der ersten Publikation zögerte ich: Nochmals «grosse Zerstörung»? Doch mich beschäftigt, «was der digitale Bruch mit unserem Leben macht». Anreiz war zudem der Dudenverlag, zu dem die reisserische Ankündigung eigentlich nicht passte: «Parteien und Verbrennungsmotor sind tot, Nachkriegsdeutschland ist vorbei. Die Menschen fühlen sich überfordert, die Gesellschaft polarisiert sich und kippt.»

 

Fortschritte durch Zerstörung?

Die versprochenen «Aha-Effekte» gab es. Für mich, der bei E-Mail und iPod stehen blieb und dem Druck zu Handy und Apps weiter widerstehen will, war der rasante Ritt durch zwei Jahrzehnte erhellend. «Anfang der Nullerjahre» – lange her. Printausgaben am Kiosk wirken nostalgisch. «Ein bisschen so, wie wenn einem die Eltern einen Zeitungsausschnitt von vorletzter Woche per Post schicken.» Tempi passati! «Wer jetzt noch analog ist, wird es immer bleiben, und Single sowieso.» Gnadenlos funktioniert die digitale Dynamik im ökonomischen Bereich. Er habe das als junger Start-up-Unternehmer selbst erlebt, auch mal scheiternd, räumt der Autor ein. Gesellschaftliche und politische Strukturen gerieten mit in den Strudel. Meist benutzt er hier den mit Bruch und Zerstörung verwandten Begriff der Disruption. Dieser stamme aus der Evolutionsbiologie, wo «disruptive Selektion» jenen Vorteil meine, «den unter bestimmten Umweltbedingungen die Extremtypen gegenüber den Durchschnittstypen haben».

Gilt das auch für technologische Ablösungsprozesse in Industrien und Märkten? Bald zeigt sich, dass Barthelmess uns dies als einzige Hoffnung verkauft. Aussteigen geht ja nicht. «Wer mag im analogen Schneeregen draussen vor der Tür sitzen, während drinnen die digitale Ballnacht rauscht?» Also wechselt nach dem Horrortrip plötzlich der Ton, er wird «fortschrittsoptimistisch». Die bei den sogenannten sozialen Medien bezüglich Demokratie alarmierenden Trends etwa werden wundersam gewendet. Könnten sie «auf lange Sicht» – und das bedeute «in Zeiten grosser Beschleunigung eigentlich: ziemlich bald schon» – nicht «mehr Freiheit, Vielfalt und gesellschaftliche Partizipation hervorbringen»? Dafür wäre nur die von wenigen gigantischen Konzernen kontrollierte Monopolstruktur zu beseitigen. Es ist «das Vorrecht der Politik und heute eine ihrer dringendsten Aufgaben», die Regeln für eine digitale Wirtschaft festzusetzen. «Damit wir uns nicht falsch verstehen», so eine vom Autor oft verwendete Floskel: Nicht die Disruption, nur den «Überwachungskapitalismus» als «neue, extreme Form des Kapitalismus» will er stoppen. CO2-Emissionshandel etwa sei ein ideales Instrument der Klimapolitik: «Wir müssen klimaschädliches Verhalten nicht moralisch, sondern marktseitig sanktionieren.» Es braucht, wird Hans-Werner Sinn zitiert, ein «wetterfestes» Regime, das auch ohne «Verzichtmoral» funktioniert. Der neoliberale, zumindest als «marktradikal» eingestufte Ökonom Sinn empfiehlt denn auch seinerseits «dieses packende Buch» allen, die «den Zeitgeist verstehen» wollen. Es zeige, wohin Wirtschaft und Gesellschaft steuern.

 

Vertrauen in öffentliche Dienste

«Die Service-public-Revolution» von Beat Ringger und Cédric Wermuth dagegen postuliert eine Gegenoffensive zum neoliberalen Zerstörungswerk. Bei der positiven Bewertung des digitalen Potenzials finden sich allerdings Parallelen zu Barthelmess. Da die Autoren ihre Schrift als offenen Vorschlag zur Diskussion stellen, dazu eher skeptische Fragen: Würde bei einer «flächendeckenden Infrastruktur von 3-D-Kleinfabriken» wirklich nur ein «Schub von ressourcenschonenden Innovationen» ausgelöst? Und ist die Blockchain-Technologie das Gelbe vom Ei? Frisst sie nicht enorm Energie? Muss der «Zugang zum schnellen Internet für alle Schichten und Regionen» mit Priorität vorangetrieben werden? Doch die generelle Ausrichtung des Aufrufs überzeugt: Schluss mit der Privatisierung öffentlicher Dienste! Es gilt, sie aufzuwerten und auszubauen. Sie verdienen und geniessen nach wie vor breites Vertrauen. Und ja, «wir müssen den Rahmen sprengen», beispielsweise auch den Finanzsektor einbeziehen, wenn unser Wirtschaften künftig Allgemeininteressen ins Zentrum stellen soll. Auch der durch die Corona-Krise endlich breiter gewürdigte und als «systemrelevant» erkannte Care-Bereich ist anders zu gewichten. Ihm wären mehr Mittel, mehr Zeit einzuräumen. Motto: «Tun, was den Menschen dient, unterlassen, was ihnen schadet.» Vermerkt sei, dass die männlichen Verfasser die frühen feministischen Quellen solcher Postulate benennen. Beim zur Zeit besonders brisanten «Big Pharma»-Thema können sie auf vor Jahren entwickelte Denknetz-Ideen verweisen. In weltweit vernetzten Service-pu­blic-Strukturen würden Notlagen nicht weiter nach Profitkriterien beurteilt. «Pharma fürs Volk» ist dieser Abschnitt populistisch überschrieben.

Und die Revolution auf dem Umschlag? Radikal wäre eine derartige Wende, «die an der Wurzel unserer Gesellschaft anpackt», ohne Zweifel. Sich statt am Profit an Menschen und deren elementaren Bedürfnissen zu orientieren, ist aber zugleich ein höchst pragmatischer Ansatz. Was vom Pflege- und Gesundheitsbereich bis zu dezentralen «Klimawerkstätten» an praktischen Vorschlägen auftaucht, leuchtet ein und könnte allen nützlich sein. Nicht finanzierbar? Die aus der Schweiz und im globalen Vergleich gezeigten Zahlen – samt in Krisen wachsenden Ungleichheiten – rufen förmlich nach einem «Rückverteilen», nicht nur national. Auch das wird erfreulich deutlich: Gerechtigkeit ist immer grenzüberschreitend gemeint. Gewerkschaften haben ihre Kämpfe weltweit zu führen. Die nach katastrophalen Kriegen geschaffenen Vereinten Nationen bieten ein Instrumentarium, das mit Druck von unten als Friedensprojekt belebt werden kann. Exemplarisch zeigt sich in der Klimafrage, wie Fachwissen und Basisaktivität zusammenwirken können. In der Schweiz lässt sich bei Gemeindedemokratie oder Genossenschaftstraditionen anknüpfen, Neues nach Bedarf erfinden. «Vielfältig, nicht einfältig» soll und muss die bessere Zukunftsgesellschaft sein. Da haben Ringger, der gewerkschaftlich wie umweltpolitisch erfahrene (Denk-)Netzwerker, und Wermuth als zum Glück kaum gealterter Jungsozialist aus der Geschichte der Linken gelernt. Kapitalistisch kann die Welt nicht bleiben. Das wird plausibel. Vielleicht wäre statt auf Revolution eher auf Transformation zu setzen. Obschon das etwas zu technisch, das andere kämpferischer klingt. «Aber für Bescheidenheit bleibt uns keine Zeit mehr», heisst es im Vorwort, dessen Überschrift auch aufs Cover des lesenswerten und durchgehend leicht lesbaren Bändchens gepasst hätte: «So kann es nicht weitergehen.»

 

Alles nochmals kritisch prüfen

Auf den ersten Blick ist die Stossrichtung bei Christian Zeller, der eine «Revolution für das Klima» postuliert, sehr ähnlich. Ich las seine Schrift vorher, aber sie wäre auch geeignet, das Konzept der Service-public-Revolution nochmals kritisch zu prüfen: Wie werden die Möglichkeiten für Kompromisse eingeschätzt, die Rollen von Parteien, jene des Staates? Wie breit müssen, können Bündnisse sein, wenn sie zur Gegenmacht werden wollen und die Ziele der Transformation im Blick bleiben sollen? Reicht die Zeit? Durch die aktuelle «Dramatik der Erderhitzung» sieht der Wirtschaftsgeograf alle bisherigen «Vorstellungen des radikalen Reformismus und der sozialökologischen Transformation» in Frage gestellt. Ohne den radikalen Bruch mit dem Kapitalismus, die «gesellschaftliche Aneignung» von Produktionsmitteln sowie Grund und Boden wird es nicht gehen. «System Change not Climate Change» – die Parole auf dem Umschlag ist zugleich Leitmotiv des Buches. Es erhebt den Anspruch, ein strategisches Programm und generelle Modelle für die neue Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung zu bieten, mit der sich «globale Produktionsnetzwerke ökologisch umbauen» lassen. 

Von eleganten Green New Deals hält der Autor nichts. Wer der Eigentums- und damit der Machtfrage ausweicht, lüge sich und/oder anderen etwas vor. «Herrschende» und «ihre Regierungen», so sehr sie diesbezüglich guten Willen deklarieren, «ordnen die Klimapolitik der Wettbewerbsfähigkeit der grossen Konzerne in ihren Staaten unter», und das führt «in ein gesellschaftliches Desaster». Hart auch das Urteil über längst in der etablierten Politik eingebundene grüne Parteien sowie die Sozialdemokratie, welche «einem kapitalistischen Modernisierungsprogramm verhaftet» bleiben, egal ob sie Opposition oder vermeintlich an der Macht sind. Propagiert wird ein neuer «Ökosozialismus», der sich «auf grundlegende Errungenschaften des Marxismus und der Ökologie stützt, aber deren Irrtümer und Degenerierungen hinter sich lässt». Nicht nur hier überschreitet die Selbstgewissheit das erträgliche Mass. Pene­trant wird die wegleitende Weisheit einer historischen Internationale zelebriert, obwohl sogar der von Trotzki ausgehenden Ahnengalerie ein paar Fehlurteile angekreidet werden. Dass sich in der Klimajugend, an die sich der Aufruf zum Kampf richtet, das dafür unerlässliche «Klassenbewusstsein» entwickelt, ist zu bezweifeln. Nachdenklich stimmt die Intervention trotzdem.

Der einst in Basel – auch als Aktivist für alternative Mobilität – wirkende, seit längerem in Salzburg lehrende Professor trat diese Woche in der Schweiz an verschiedenen Klima-Veranstaltungen auf. Auch in Zürich stellt er seine Thesen am 4. und 5. September zur Diskussion.

 

Die grünrotbunte Vielfältigkeit

Nach dem ideologisch gestrengen Politprogramm noch ein Sammelband über «Sozial-ökologische Utopien», der im gleichen (Oekom-)Verlag erschienen ist. Er weitet den Blick, zeigt die ganze grünrotbunte Palette, spiegelt auch denkbare realpolitische Koalitionen. Am einen Rand wäre wohl Ernst Ulrich von Weizsäcker zu verorten, der gewohnt plakativ «eine spannende Reise zur Nachhaltigkeit» offeriert – mit einer neuen Aufklärung und Naturkapitalismus. Dessen erstes Prinzip: «Nutze alle Ressourcen drastisch produktiver.» Was ja für Firmen normalerweise profitabel sei. In den wichtigsten vier Bereichen wäre eine fünffache Steigerung möglich … Später wird auch der (Post-) Wachstumsproblematik eine Abteilung gewidmet. Dort verknüpft Felix Ekardt die Kapitalismuskritik mit «Suffizienz-Glück». Angesichts wechselseitiger Abhängigkeiten müssten «verschiedene Akteure sich gleichzeitig bewegen». Der notwendige Wandel sei kaum «rein politisch» zu schaffen, denn «jemand» muss diesen einfordern, die neuen Normalitäten einüben. In etlichen Beiträgen taucht die Transformation als Formel für eine schrittweise Annäherung an visionäre Ziele auf; an diese Hoffnung halte ich mich gern.

Ungewohnt dürften für viele die anarchistischen Utopien sein, die Rolf Cantzen beleuchtet. Hier geht es auch um tiefschürfende Industrialismus- und Technikkritik. «Austritt aus dem Kapitalismus» lautet der letzte Zwischentitel. Gerade weil sich Bedrohungsszenarien wie der Klimakollaps «für rechts- und linksautoritäre Politiken einer radikalen Beschränkung individueller Freiheitsrechte instrumentalisieren» lassen, seien Widerstände gegen solche Herrschafts- und Verbotskulturen wichtig. Wie ist «nachhaltiges und soziales Wirtschaften» mit individueller Freiheit zu vereinbaren? Dafür biete der Anarchismus kein Konzept – «ein kritisches Korrektiv hingegen schon». Aus diesem Denkansatz seien zudem früh Hinweise auf die Entfremdung des Menschen von der Natur gekommen. Was zum Schlussbeitrag dieses vielseitigen Bandes überleitet, wo Daniela Gottschlich und Christine Katz nach der «Bedeutung feministischer Utopien zur Bearbeitung der sozial-ökologischen Krise» fragen. Sicher hätten ohne sie weder die Care-Perspektive noch der Einbezug der Natur inklusive Lebensrecht für Tiere und Pflanzen jenen Stellenwert bekommen, den sie heute auch in neuen Jugendbewegungen haben.

Fridays for Future, die Radikalisierung der Klimaproteste generell, habe «vieles denkbar gemacht, was noch vor kurzem als unrealistische Träumerei erschien», wird irgendwo in der Mitte dieser Utopie-Tour festgehalten. Die bunte Bewegung muss bleiben!

 

Andreas Barthelmess: Die grosse Zerstörung. Was der digitale Bruch mit unserem Leben macht. Dudenverlag, Berlin 2020, 256 Seiten, 25.90 Franken.

 

Beat Ringger, Cédric Wermuth: Die Service-public-Revolution. Corona, Klima, Kapitalismus – eine Antwort auf die Krisen unserer Zeit. Rotpunktverlag, Zürich 2020, 214 Seiten, 17 Franken.

 

Christian Zeller: Revolution für das Klima. Warum wir eine ökosozialistische Alternative brauchen. Oekom Verlag, München 2020, 242 Seiten, 30.90 Franken. Infos zu den Diskussionsveranstaltungen in Zürich: sozialismus.ch.

 

Sozial-ökologische Utopien. Diesseits oder jenseits von Wachstum & Kapitalismus? Hrsg. von Benjamin Görgen und Björn Wendt, Oekom 2020, 331 Seiten, 38.90 Franken.

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