Die Hippies waren ihr zu esoterisch

 

Aufgezeichnet von Tim Rüdiger

 

Ihr erster Akt in der SP Schweiz war ein Aufruf an alle Frauen, den Saal zu verlassen. Das war 1973 an einem Parteitag in Biel. Die Zeit wurde knapp und SP-Präsident Arthur Schmid beantragte erfolgreich, ein Traktandum zur Reichtumssteuer der Diskussion von Frauenanliegen vorzuziehen. «Ganz unbedarft – ich war erst seit kurzem in der Partei – habe ich das Rednerpult betreten. Tatsächlich haben dann die meisten Frauen den Saal verlassen.» Man glaubt es Yvonne Lenzlinger gern, sie spricht emphatisch – und setzt aber auch hinter die Erzählung von Empörenswertem oft ein Lachen.

Kein Jahr später war sie Sekretärin der SP Kanton Zürich und im Vorstand der SP Schweiz. An einem internationalen Treffen fuhr sie dem deutschen SPD-Vorsitzenden Willy Brandt übers Maul. «Die Kleine da ist recht clever», sagte er, was sie nicht auf sich sitzen liess. «Das war eine furchtbare Begegnung», sagt Lenzlinger heute. Auch wegen dieser persönlichen Geschichte setzte sie sich zusammen mit Gret Haller und Micheline Calmy-Rey für die Abschaffung der SP-Frauen ein: «Wir waren der Ansicht, dass die wichtigen Fragen nicht von den Frauen alleine diskutiert, sondern in die Partei getragen werden sollten.» Damit blieben sie erfolglos. Trotzdem trug Yvonne Lenzlinger zu einem wichtigen Schritt für die vollständige Integration der Frauen in der SP bei: Die Unterstützung der ersten Fristenlösungsinitiative durch die ganze Partei – gegen den Willen der SP-Frauen.

Einmal ist sie bei den Nationalratswahlen auf dem zweiten Ersatzplatz gelandet. «Das Parlamentsmandat hätte ich aber gar nie angenommen – ich funktioniere nicht so.» Es sei ihr wichtiger gewesen zu agitieren und Menschen zu überzeugen. Und das stets vor allem: in Geschlechterfragen.

Dass Yvonne Lenzlinger 1941 in Rüschlikon geboren ist, entspricht einem kleinen Zufall der Geschichte: Ihre Eltern lebten seit den 1920er-Jahren in Bombay und der Vater war kaufmännisch tätig. 1939 reisten sie im Urlaub durch die Schweiz und befanden sich bei Kriegsausbruch im ‹Goldenen Löwen› in Kilchberg. Weil sich ihre Mutter, vormals Deutsche, vor einer Internierung im britischen Hoheitsgebiet fürchtete, sind sie geblieben. Als Yvonne sieben Jahre alt war, zog ihre Familie nach Basel – es klingt noch aus ihrer Stimme, dass sie sich als Baslerin betrachtet.

Viele ihrer Entscheidungen erscheinen impulsiv. Während des Jus-Studiums lernte sie Martin kennen – später Kantonsrat und Zürcher SP-Kantonalpräsident. Die Heirat folgte auf einen «coup de foudre». «Wahrscheinlich nur, weil der Vater einer Freundin eine gratis Scheidung angeboten hatte. Er gab uns keine sechs Monate – heute sind wir 52 Jahre verheiratet», lacht sie. Nach kurzer Zeit migrierten sie 1965 in die Nähe von San Francisco in die USA, wo auch ihre zwei Kinder zur Welt gekommen sind. «Eine tolle Zeit», wie sie sagt. Sie arbeitete für eine kostenlose Rechtsberatung, vieles sei im «Geist einer leicht aufmüpfigen Stimmung» geschehen. Sehr involviert war sie im Free Speech Movement, der Bürgerrechtsbewegung, bei der Women’s Lib und «selbstverständlich» bei den Anti-Vietnam-Demonstrationen. Auch Angela Davis habe sie gekannt, schwärmt Lenzlinger.

Von der Mentalität der Hippies hätte das Paar nur am Rande etwas abgekriegt: So sei etwa der Wunsch nach gemeinschaftlichen Wohnprojekten aufgekommen. «Wir waren auch mal in einer Selbsterfahrungsgruppe, aber das war uns alles ein wenig zu esoterisch – und zu unpolitisch.» Dann wurde Ronald Reagan zum Gouverneur von Kalifornien gewählt, Robert Kennedy in Los Angeles erschossen und Richard Nixon Präsident. «Politisch ist es völlig umgeschlagen. Wir sagten uns: In der Schweiz können wir mehr bewirken, in den USA sind wir nur zwei von 230 Millionen.» Sie zogen nach Hausen am Albis. Drei Tage vor ihrer Ankunft in der Schweiz, quasi als Willkommensgeschenk, wurde das nationale Frauenstimmrecht angenommen.

Als sprunghaft charakterisiert sie ihr Berufsleben: Nach der Tätigkeit als Parteisekretärin war sie Leiterin der Ausländerkommission unter dem Zürcher Stadtrat Max Bryner – zwei Monate später wurde sie in seinen persönlichen Stab aufgenommen. Nach vier Jahren wechselte sie ins Zentralsekretariat des Schweizer Syndikats Medienschaffender, wo sie durch ihr Engagement für die Revision des Urheberrechts in den Kontakt mit Filmschaffenden kam. Später wurde sie auf Drängen vieler Frauen Chefin der Sektion Film im Bundesamt für Kultur – «blöderweise», wie sie sagt. Schnell entwickelte sich eine Stimmungsmache gewisser Filmproduzenten gegen sie. Und die Stempelpflicht auch für Kader empfand die «Frühaufsteherin und Nachtarbeiterin» als absurd. Nach einem guten Jahr war sie wieder weg und stieg an einem Ort ein, wo ihr diese Eigenschaft nicht ungelegen kam: als Inlandredaktorin bei der ‹Woz›. Als zweitälteste im selbstverwalteten Betrieb spielte Yvonne Lenzlinger ein wenig das «Redaktionsmami»: «Es gab viele Junge, die einfach nicht so diszipliniert waren. Oft war ich es dann, die in ein paar Stunden eine Seite Text kompensieren musste, den jemand bei Redaktionsschluss noch schuldig blieb.»

1997 entschied sie während einer Reise auf Lipari, aufzuhören erwerbstätig zu sein: Sie lernte Portugiesisch und Arabisch, unternahm eine grosse Reise nach Nordamerika und war auf Mission als Menschenrechtsbeobachterin in Palästina. Sie sorgte sich um ihre Enkel und entlastete ihre Schwiegertochter fürs Studium. Vor drei Jahren zog sie mit Martin nach Winterthur-Hegi in das Mehrgenerationenhaus ‹Giesserei›. Ob es ihr letzter Sprung gewesen sei? – «Never say never!»

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