Red Rock

Im Dorf, in dem ich aufgewachsen bin, in der Nähe von Bern, gab es das «Red Rock». In diesem «Red Rock» hat die blonde Schalterangestellte der örtlichen, gleich neben der Kirche gelegenen Bank einem Mann kurz vor oder nach der Sperrstunde auf dem Tresen und unter vielen angetrunkenen Blicken eins geblasen.

So hat es sich zugetragen, vor ungefähr 25 Jahren, so wurde es auf der Stelle weitererzählt, wie ein Lauffeuer verbreitete sich diese Geschichte im an Skandalen sonst etwas zu kurz gekommenen Dorf, fand ihren Weg an alle Stamm- und Stubentische, lange, lange Wochen lang, und in den neuerdings häufiger anzutreffenden Schlangen vor den Schaltern dieser örtlichen Bank erzählten es sich die Bankkunden und auch jene, die dort gar kein Konto hatten, aber man wird ja noch anstehen dürfen. Irgendwann war sie dann weg, die blonde junge Schalterangestellte, und die Schlangen lichteten sich.

Das war vor 25 Jahren, und heute, nun, heute bin ich etwas müde, denn es hat sich nichts geändert. Während damals das ganze Dorf über diese Frau sprach, urteilte natürlich und nicht zu ihren Gunsten, habe ich nicht ein einziges Mal etwas über den Mann gehört, der ja zweifellos dabei gewesen sein musste und noch dazu ziemlich nahe dran. Aber die Schande, ja die Schande, sie war allein Frauensache.

So bin ich aufgewachsen und mit mir unzählige andere Frauen. Mit dem Wissen um das Unumstössliche nämlich, dass es einen Unterschied macht, ob ein Mann etwas tut oder eine Frau, und sei es das Gleiche. Wir sind aufgewachsen mit dem Wissen um den Platz als Frau in dieser Gesellschaft, den Wert, der uns beigemessen wird, und den Preis, den man für jede Abweichung, jeden Schritt weg von diesem Platz bezahlen musste und muss: Rechtfertigung, Erklärung, Entschuldigung, das ist die Währung, unsere Währung.

Heute stehen Frauen gemäss Gesetz die gleichen Rechte zu, und man müsste meinen, es sei nun besser. Aber wenn man liest, was Bettina Weber in der ‹SonntagsZeitung› über Feminismus schreibt (ausgezeichnet schreibt), dann sieht man, dass es nicht so ist. «Vor allem gut ausgebildete Frauen teilen sich nicht etwa Beruf und Familie hälftig mit ihrem Partner, sondern ziehen es (…) vermehrt vor, den Job aufzugeben, die Kinder grosszuziehen und das Fünfzigerjahre-Modell zu leben. Sie nennen es Wahlfreiheit (…)».

Das mit der Wahlfreiheit ist natürlich ein Witz. Die Wahlfreiheit in diesem Fall ist ein Synonym für Rechtfertigung, Erklärung und Entschuldigung, dafür, dass man nicht mehr kann, weil die Bedingungen nicht so sind, dass eine Frau über längere Zeit dieses gigantische Pensum von Beruf, Familie und Engagement einfach so stemmen könnte. Manchmal mag sie dann nicht mehr und gibt das auf, was man aufgeben kann (die Kinder sind ja da und bleiben): den Job. Ich kenne keinen einzigen Mann, der das aus den gleichen Gründen auch getan hätte.

Und in einer solchen Stimmung, in einer Gesellschaft, die das zwar sieht, aber nicht tobend und schreiend etwas dagegen unternehmen will, die die Ungleichbehandlung und Diskriminierung der Frau einfach hinnimmt, in einer solchen Gesellschaft muss man vielleicht nicht unbedingt die etwas eingeschränkte Polizistin einer rechten Partei bodigen, wenn sie sagt, an einer Vergewaltigung trage unter gewissen Umständen auch die Frau Schuld. Man muss zur Kenntnis nehmen, dass man mindestens nichts getan hat gegen ein System, das solche Gedanken geradezu fördert, denn wenn sie öffentlich geäussert auch unmittelbar zum Skandal führen, so sind sie doch im privaten Raum gang und gäbe. Die Gespräche in den Garderoben unserer Turnvereine und Fussballclubs sind nämlich keinen Deut besser als jene in den USA. Auch wir haben ein System entstehen lassen, das die Frau noch heute auf den Platz verweist: es ist kein gleichberechtigter. Wir sind weit davon entfernt, dass es für beide Beteiligten im «Red Rock» gleichermassen peinlich oder egal ist, wenn sie betrunken auf dem Tresen liegen. Das ist nicht gut.

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