Wünschenswert: ein œuil extérieur für den Feinschliff

Die Mehrheit der vierzehn ZHdK-Diplomfilme 2021 lassen sich grob in drei Kategorien unterteilen: Kurz & knackig, Kamera draufhalten und rätselhaft bleiben. Ausnahmen bilden ein recht klassischer Dokumentarfilm und eine Filmkomposition, worin die einzelnen Elemente klug miteinander in Einklang gebracht werden.

 

Aktuell scheint die langjährig zu beobachtende Erschwernis einer nicht gänzlich zuende gedachten Dramaturgie in den Werken der Filmstudierenden an der Zürcher Hochschule der Künste von einer neuen in den Hintergrund gedrängt zu werden: In annähernd der Hälfte der Abschlussfilme bleibt publikumsseitig bis zuletzt rätselhaft, ob und wenn ja, was der/die Filmherstellende damit eigentlich hätten erzählen wollen. Ob die Filme dabei formal den Anschein einer Dokumentation oder eines essayistischen Kunstexperiments erwecken, ist dabei nur sehr bedingt relevant. 

Die Unentschiedenheit, von der hier die Rede ist, meint keinesfalls ein offen gelassenes Ende, das einem Publikum beispielsweise eine Antwort auf ein Dilemma zur selbstständigen Reflektion überlässt, noch die Behandlung einer weit über die Zeitspanne einer Filmhandlung hinaus dauernden Entwicklung. Ärgerlich ist die Unentschiedenheit, die Raum, Zeit, Mühe, Mittel und Aufmerksamkeit für sich reklamiert und dann offenbar überhaupt nichts auszusagen hat oder zumindest nicht ausreichend in der Lage ist, dies in die jeweiligen Kunstmittel zu überführen. In aller Regel will ein Publikum im Mindesten die Chance erhalten, verstehen zu können. Der Einsatz von Hirnschmalz kann durchaus eingefordert werden, aber eine Entschlüsselbarkeit darf dennoch möglich sein.

 

Absicht oder keine

Am deutlichsten betrifft dies «L’autre côte de son âme» von Kathrin Schweizer. Das offensichtlich sehr enge Geschwisterpaar Lucie und Pierre verhandelt das existenzielle Thema der Reproduktion und den damit einhergehenden Druck (auf die Frauen). Dass Lucie überhaupt ungewollt (auch: ungeplant) schwanger ist, erschliesst sich einem aber nicht beim Zuschauen, sondern erst über den Filmbeschrieb auf der Hochschulseite. Darin liegt die Krux. Zusätzlich erschwerend für ein Verständnis ist die Rollenfokussierung, die sehr viel mehr Pierre auf die Leinwand bringt, als Lucie in der Auseinandersetzung mit ihrem Zwiespalt zu folgen. Sie ist die grosse Abwesende, Fliehende, sich aus der Situation Wegwünschende. Aber ihr Konflikt ist der eigentlich zentrale. Im Film in den Vordergrund rückt eine beidseitig theoretische Wunschvorstellung, die Körper untereinander tauschen zu können. Sich im intimen Zwiegespräch einer so grossen Vertrautheit von Geschwistern in eine Wunschtheorie jenseits aller Machbarkeit zu flüchten, um für einen Augenblick die Erschwernis abzuschütteln, ist gleichermassen nachfühlbar, wie dass eine finale Entscheidung reiflicher Überlegung bedarf. Worauf diese momentane Unentschiedenheit überhaupt fusst, müsste aber sehr viel expliziter vorangestellt werden, damit diese Dringlichkeit fassbar wird. Die formale Eleganz einer Atmosphärenherstellung allein genügt nicht.

Ziemlich direkt diame­tral gegenüber verortet Raphael Schulze-Schilddorf seinen Essay «Supernova», worin er einen Pfarrer und einen Physiker zwischen zufällig respektive absichtlich beiläufig wirkenden Schwarzweissbildern über Sinn, Ursprung, Endlichkeit von Leben und später zivilisatorischen Gelüsten wie Besitzenwollen, Freiheit und Eigenverantwortung sinnieren lässt. Weder die theologische und schon gar nicht die naturwissenschaftliche Kausalkette der Redner darf als selbstverständlich nachvollziehbar vorausgesetzt werden. Offensichtlich ist der Filmstudent höchstselbst der Protagonist, der die Fachpersonen zurate zieht, also primär das eigene Fortkommen im Sinn hat, wovon der Film einen Ausschnitt zeigt. Ohne Anfang, ohne Ende und auch ziemlich kryptisch in Sachen Herleitung oder gar Konsequenz. Die vermutete Beweisführung, dass es zuerst Zerstörung braucht, damit Neues entstehen kann, ist als Filmklammer viel zu abstrakt, um über die – dann wiederum recht banale – Feststellung hinaus etwas auszusagen. Wozu also die Fachpersonen mit ihrem schwer verständlichen Jargon?

 

Einordnung oder keine

Das langjährige Steckenpferd des Schweizer Films, die Dokumentation, wird als Herausforderung für eine rundum glückende Realisierung oft zu Unrecht unterschätzt. Mit Kamera hinhalten alleine ists nicht getan. Die Szenensammlung «So weit, so gut» von Leon Schwitter – Konsens: «es ist so heiss» – will vermutlich zu viel gleichzeitig. Komischer Realismus plus Hintersinn oder so. Die Einzelteile zerfleddern mangels klar eingeschlagenen Pflöcken, wohin jetzt die Reise hauptsächlich gehen soll. Slapstick, Gesellschaftskritik oder doch reine Fingerübung? Ähnliches passiert «Zigipouse» von Alan Sahin. Mag er jetzt seine ProtagonistInnen, führt er sie vor oder sind sie ihm letztlich egal, bleiben Mittel zum Zweck? Aus Alltagsbeobachtungen Poesie herstellen, ist halt schon Kategorie Kür. Marvin Meckes «Die Stadt, die es noch gibt» schwankt zwischen Touristikwerbung, Super-8-Familienfilm und zu wenig entschieden verdichteter Problemstellung einer Abhängigkeit von einem einzigen Wirtschaftszweig. Shafa Semos filmt für «Domiz 2» auch drauflos, bietet aber dank der Wahl des Sujets, einer Familie im Flüchtlingscamp, die mögliche Projektionsfläche, erkennen zu können, wie universell allzumenschliche Grundbedürfnisse sind. Unabhängig von Sprache, Hautfarbe, Religion und Geburtsort. Grenzt aber schon fast an ‹Exotenbonus›. Eine beherzte Reportage stellt auch Fragen. Völlig in der Schwebe, wenngleich klar Fiktion, bleibt auch «Antes de Cenar» von Manolo Zacate Lizárraga, der einen Blick auf eine Familienaufstellung von MigrantInnen wirft und herauskristallisiert, wie sehr sich die Second@sgeneration in Ansprüchen und Erwartungen von der tendenziell bereitwilligen Unterwerfung ihrer Elterngeneration unterscheidet. Die Anspielungen in den Figurenzeichnungen sind im Detail zu zahlreich, aber aus der Grundanlage heraus könnte – bei glücklicher Drehbuchentwicklung – durchaus ein Potenzial für einen Langfilm stecken. Bei den meisten der bisher angetippten Filme wäre mit einem fachkundigen œuil extérieur, das zur Feinjustierung von Holprigkeiten die entsprechenden Verbesserungen empfehlen würde, bereits sehr viel herauszuholen. Es sind keine heillos missglückten Versuche, sondern noch nicht bis in alle Fingerspitzen ausgefeilte Filme. Das wäre eine Aufgabe für die Hochschule. Genauso wie die total banale Vorgabe, welche Schriftgrösse von Untertiteln auf einer Leinwand überhaupt noch lesbar sind (und ob Englisch der Weisheit letzter Schluss sein soll).

 

Witz oder keiner

Das Erfreuliche an diesem Jahrgang: Die Sketches, also Ein-Idee-Kurzfilme sind durchs Band geglückt. Kurz & knapp, formal gekonnt realisiert und im Schnitt rechtzeitig auf den Punkt gebracht. In «Es muss» von Jumana Issa und Flavio Luca Marano durchlebt Silvia einen Scheisstag.  Im Beruf, im Verein, im Strassenverkehr und Zuhause bekommt sie Katastrophenmeldungen verkündet – immer von derselben Schauspielerin – und verändert ihr Standardlächeln dennoch bloss marginal. Was sich da wie aufstaut und vor allem wie es sich entlädt, bleibt der Fantasie überlassen. Lars Mulle begleitet eine bereits etwas ältere Badistammgästin, die sich von der Schliessung des Freibades partout nicht beirren lassen will, und auf ihre «Fischknusperli» beharrt. Also sie bleibt trotz Baulärm, Vorboten von unangenehmem Wetter und einem stoisch begriffsstutzigen Bademeister-Kellner einfach auf ihrem Platz sitzen. Bis sie bekommt, was sie will. Entgegen der Realität wird aus der Trotzoma auch noch die Sympathieträgerin… Gehetzte und geschniegelte Banker sind hierfür eher weniger prädestiniert, aber Jan-David Bolts «Phlegm» scheint auch eher auf Rache aus zu sein. Dem Superchecker Oscar fehlen nur noch wenige Meter bis zur Drehtür des Businessbuildings, als er inmitten der Betonwüste auf eine Weinbergschnecke tritt. Durch den Rückeroberungsgedanken ist sie es (und ihre Artgenossinnen), die ihn vom Weiterhetzen abhält – und nach einem Perspektivenwechsel letztlich die gesamte Armada der Giereuphoriker niederzwingt. Nicole Doppmanns Mia in «Folie à deux» leidet unter der Monotonie ihres Alltags in der offenen Psychatrie. Kurzerhand überredet sie einen Mann zu einem begleiteten Ausflug, den sie für mehr als bloss eindimensional begreifbaren Ausbruch zu nutzen weiss. Immer noch harmlos, aber effektvoll. Noch einen Zacken böser ist «Talponi» von Vanja Victor Kabir Tognola. Familie Talpone verabschiedet sich von der Nachbarschaft in die Ferien – Karibikinsel! Wow, finden alle. Doch die Familie versteckt sich im Wald, bis die Nacht he­reinbricht und kehrt heimlich in die abgedunkelte Wohnung zurück, wo sie mit Büchsenbohnen die Feriendauer zu überleben gedenkt. Nun, die Beweise für eine Ferienidylle sind mit den modernen Kommunikationsmitteln und -tricks ja herstellbar und der Knabe ist mit einem Ballergame ruhiggestellt. So ruhig, dass die Folgen förchterlich sind.

 

Herzblut oder keines

Die zwei verbleibenden Diplomfilme sind je in ihrer Art die ambitioniertesten. «Onur Calling» von Annik Faivre begleitet den türkischen Travestiekünstler Onur zur Gay Pride in Istanbul und dem Kommerzäquivalent in Zürich, wobei die Fragen, die sie, ihr Protagonist und die GästInnen am Esstisch stellen, viele der Ambivalenzen zeitgleich umreissen und zu einer finalen Beantwortung dem Publikum überantworten. Still sein und in Ruhe gelassen werden oder aufmucken und oberinstanzlich eins auf die Mütze bekommen? Pink-Money-Vereinnahmungen von politischen Demonstrationszügen kategorisch ablehnen oder in einem subversiven Akt in die wünschbaren Bahnen zu lenken versuchen? Der Fragen stellen sich viele. Die Antworten sind keineswegs profan. Für das persönliche Highlight dieses Jahrgangs sorgt Lea Gygli mit ihrem «Sie hàt wellà». Kameraführung, Locationwahl, Erzählform, Musikspur, Lichteinfälle, dramaturgische Verdichtung einer Ahnung in eine Gewissheit – alles in allem stimmig. Ein Abschied in der Erinnerung von der Busenfreundin. Ein Wechsel zwischen Traum, Wirklichkeit, Trauer, Fantasie und Wunschdenken. Darin verpackt die Verdrängung, die Ratlosigkeit, die Hoffnungssehnsucht, der Versuch einer Rückkehr zum courant normal. Aus der Ausnahmeperspektive einer Zurückgebliebenen nach einem – eingeredet nicht verhinderten – Suizid. Der Film ist herb und zärtlich, brutal und sinnlich, völlig verloren und wohlbehütet in einem Trost, der aus der Wildnis der Natur via alles verklebende und verschmutzende Erdknollen Rückstände am lebenden Frauenkörper hinterlassen. Spuren, die wieder helfen, zu spüren.

 

www.filmstudieren.ch

 

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