Wo wollen «wir» hin?

Es gibt vielerlei Denkfabriken. Nicht immer ist transparent, wer dort was für wen produziert. Die derzeit beim Deutschlandfunk laufende Suche nach einem «Wir» und nach globalgesellschaftlich gangbaren Wegen in die Zukunft verdient als Modell medialer Aufklärung unsere Aufmerksamkeit.

 

Hans Steiger

Aufmacher im Juni-‹Magazin› war zwar ein neues Krimi-Podcast-Angebot. Anlass meiner Begeisterung, von der ich hier etwas weitergeben will, sind jedoch die Beiträge der DLF-‹Denkfabrik›. Was das Deutschlandradio bietet, seit Hörerinnen und Hörer für 2021 die Suche nach dem ‹Wir› zum Programmschwerpunkt wählten, ist couragiert und einer «Körperschaft des öffentlichen Rechts» würdig.

 

Gemeinschaftlich, aber «diverser»

«Wenn sich eine Gesellschaft nicht mehr auf grundlegende Werte einigen kann, entzieht sie sich selbst den Boden – sei es in der analogen Welt oder im digitalen Raum. Wenn wir uns nicht mehr einig sind, was wahr und was falsch, was gut und was böse ist, können wir uns nicht mehr sinnstiftend miteinander auseinandersetzen.» So wird auf der Website die Suche nach dem Gemeinsamen begründet. In der Programmzeitschrift betont Wolfgang Thierse, Ex-Bundestagspräsident und Leiter der SPD-Grundwertekommission, dass eine vielfältige Gesellschaft «keine Idylle», sondern «voller Widersprüche und Konfliktpotenzial» sei. Das umfassende «Wir» brauche als «kulturelle Identität» verbindliche Vorstellungen von Freiheit, Gerechtigkeit, Solidarität, Menschenwürde und Toleranz. Dies wäre etwa «das Gegenteil von dem, worauf Identitätspolitik von rechts oder gelegentlich auch von links zielt». Sein im Juni publizierter Essay wurde im Juli durch Mithu M. Sanyal ergänzt. Sie setzte sich in «Identitti» romanhaft mit dem Thema auseinander, geht aber wie Thierse von der Kulturwissenschaft aus. «Vollkommen unironisch» bezeichnet sie das gesuchte «Wir» als «Sehnsuchtswort» – auch für sie! «Nur schaue ich von der anderen Seite drauf.» Die dringende Debatte sollte zu einem «diverseren Wir» führen. Wird zu wenig ausdifferenziert, bleibt es auf den dominanten Teil einer Gesellschaft bezogen. Solidarität über eigene Gruppen hinaus ist entscheidend. 

 

Ökologisch-soziale Transformation

Von den aktuellen Sendungen greife ich einen Dreiteiler von Mathias Greffrath he­raus, der als freier, engagierter Publizist «postpandemische Zukunftsentwürfe» wagte. Zielrichtung: die für global gutes Überleben nötige ökologisch-soziale Transformation. Im ersten Teil ging es am 13. Juni um die Rolle des Staates. Es mutete fast gespenstisch an, kurz vor den klimapolitisch verheerenden eidgenössischen Abstimmungsresultaten zu hören, «dass gerade das Gemeinwohl in einer pluralistischen Demokratie keine starke Lobby hat». Zitiert wurde ein konservativer Staatsrechtler, der dafür in den frühen 1970ern die Gefährdungen von Natur und Mensch durch die Industriegesellschaft als Beispiel nannte. Zwar habe jetzt das Pariser Abkommen, stellte Greffrath fest, einen welthistorischen Durchbruch gebracht, doch die Demokratie scheine der Klimaherausforderung nicht gewachsen. «Schwerfällig der Prozess und unentschlossen seine Akteure.» Hoffen liessen erstarkte Bewegungen von unten, internationale Verpflichtungen und das Instrumentarium der Justiz. So sei die erfolgreiche Klage gegen das laue Klimaschutzgesetz der Bundesregierung «ein grosser Moment in der Rechtsgeschichte» gewesen – und eine Aufforderung zu aktiver Arbeit auf allen Ebenen. Wissenschaft wie Wirtschaft wären durchaus fähig, die Wende «zu einer anderen Produktionsweise» einzuleiten. Das machte die zweite Folge mit Skizzen vorab zum Energiesektor plausibel. Allerdings müssten wir auch «unsere Lebensweise ändern», wie ein Experte eher beiläufig erwähnte. Und die Zeit zum Abwenden der Katastrophe wird knapp.

Gespannt erwartete ich den Schlussteil, wo die Bildung als ein entscheidendes Element angesprochen wurde. In der Vorschau fanden sich eher irritierende Formulierungen: «Wie bereiten wir die kommenden Generationen darauf vor, die Klimakrise zu moderieren, die Weltwirtschaft neu zu ordnen; ihre Konsumerwartungen auf den Prüfstand zu stellen» und «Bürger der Weltgesellschaft» zu werden? Mehr noch: «Wie machen wir sie so klug, dass sie die Komplexität dieser Welt verstehen, die notwendigen Veränderungen mittragen und Erschütterungen aushalten?» Ausgerechnet wir, die kollektiv über mehrere Generationen kläglich versagten, sollen Nachkommende auf das weit schwierigere Handeln in den sich abzeichnenden Notlagen vorbereiten? Auf diese Frage kam keine Antwort. Aber im Essay – der wie die vorhergehenden im Netz nachzuhören und mit Links zu Hintergrundtexten nachzulesen ist – wird der Ausblick mit Rückblenden verbunden. Der vom 68er-Aufbruch geprägte Greffrath beklagt «verpasste pädagogische Gelegenheiten» und bedauert das Scheitern sozialdemokratischer Gesamtschulansätze. Heute sieht er gar die öffentliche Schule als Ganzes in Gefahr – «der einzige Ort in dieser Gesellschaft, an dem Menschen so etwas wie eine klassische Öffentlichkeit erleben». Stattdessen werde nun nach dem kommerziell und individuell Profitabelsten gesucht. Die gleiche wirtschaftsliberale Logik wolle auch dem öffentlichen Rundfunk nur «das informationelle Schwarzbrot» überlassen, Nachrichten, etwas Kultur und Wissenschaft, während Profitsender für Unterhaltung, Fussball, «das Tingeltangel» sorgen.

 

Radiokultur & Erwachsenenbildung

Was der Deutschlandfunk in drei werbefreien Programmen bietet, ist weder Schwarzbrot noch Tingeltangel, sondern beste Radiokultur. Und dazu Erwachsenenbildung, wie wir sie in dieser Krisenzeit dringend brauchen. Noch ein Zitat aus dem Programmheft, das akute Pandemieprobleme mit Globalisierung, Migration, Ungleichheit und Klima verknüpft. «Die alten Ordnungen funktionieren nicht mehr, neue Stabilitäten sind nicht in Sicht. Damit wachsen Orientierungsverlust und populistisches Aufbegehren, aber auch der Bedarf für Zukunftsentwürfe.» Nutzen wir, zumal da das SRF-Kulturprogramm zurzeit wenig bietet, was die Denkfabrik freundnachbarschaftlich liefert.

 

 

Das Magazin. Die monatliche Programm-Zeitschrift des Deutschlandfunks ist unter www.deutschlandradio.de abrufbar. Auch zur Denkfabrik sind dort weitere Informationen zu finden.

 

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