Wichtige kleine Schritte gehen

In Schlieren und Dietikon kämpfen mit Markus Bärtschiger und Anton Kiwic zwei SPler um das Stadtpräsidium. Beide sehen trotz bürgerlicher Mehrheit eine reelle Wahlchance. Markus Bärtschiger setzt dabei vor allem auf seine Fähigkeit, einen Schritt nach dem anderen zu gehen, was ihm auch als Verwaltungsratspräsident des Limmattalspitals half, wie er im Gespräch mit Koni Loepfe erklärt.

 

Sie leben seit Ihrer Geburt 1962 fast ununterbrochen in Schlieren. Nie das Bedürfnis nach einer Veränderung verspürt?

Markus Bärtschiger: Ich studierte teilweise in den USA, aber nach Schlieren kam die Welt auch mit neuen Gedanken stets durch die Einwanderung. Mit dem Bau der Limmattalbahn stehen weitere Veränderungen und Urbanisierung bevor. Schlieren besitzt Vorteile, die bei der Durchfahrt kaum auffallen: Man ist schneller in der Zürcher City als von Oerlikon aus, aber auch rasch im Grünen. Man kann hier alles kaufen, die Ladendichte ist auch betreffend Auswahl grösser als etwa in Altstetten. Schlieren kennt eine Zen-tralörtlichkeit.

 

Rein baulich unterscheidet sich Schlieren etwa vom benachbarten Altstetten. Es sieht mit seinen vielen Pizzerias, Coiffeur- und Kosmetiksalons sehr nach Agglo aus.

Das ist so, die Entwicklung geht allerdings in Richtung Quartier von Zürich: mit Wohnungen etwa bis zum Boden und einer zunehmenden Verdichtung. Andererseits: Gehe ich in Schlieren an eine Veranstaltung, kenne ich 90 Prozent der Anwesenden beim Vornamen. Das ergibt ein Miteinander, zeigt aber auch, dass sich die gut 18 000 BewohnerInnen in zwei Gruppen unterteilen lassen: In die Schlieremer und in die Zugezogenen, die eher per Zufall hier leben und oft rasch weiterziehen und sich an Zürich orientieren. Ich diskutierte an den Wahlständen in den letzten zwei Wochen mit den PassantInnen fast mehr über Claudia Nielsen oder über Parkplätze am Limmatquai als über die Angelegenheiten Schlierens.

 

Schliessen die Alteingesessenen die Zugezogenen aus?

Die Zugezogenen engagieren sich wenig. Auf der Strasse höre ich oft, es ist gut, dass es die SP gibt, wir wählen euch. Engagieren wollen sie sich kaum je, sie seien ja nicht sicher, ob sie in zwei Jahren noch da seien.

 

Kann es sein, dass die SP sich nicht genügend änderte, um attraktiv zu sein?

Das Problem haben alle Parteien und die SP Schlieren änderte sich deutlich. Der Mittelstand prägt heute die Sektion, wobei die Anzahl AkademikerInnen im Vergleich zur Gesamtpartei eher klein ist.

 

In Schlieren fallen die vielen neuen Wohnblöcke auf, die alles andere als günstig aussehen. Verstärkt dies den Trend zum Mittelstand?

Die neuen Wohnungen sind wirklich nicht günstig. Aber die reichen Einfamilienhaushalte oder sehr gut verdienenden Paare zogen kaum in die neuen Wohnungen ein. Zunächst wechselte ein Teil der Einheimischen in die Neubauten, wodurch teilweise günstige Wohnungen frei wurden. In den neuen Wohnungen leben viele Studierende als Wohngemeinschaft und Clans, die es irgendwie schaffen, neben dem Auto auch noch die Wohnung zu bezahlen.

In Schlieren investierten grosse Pensionskassen. Mit ihnen konnte ich als Vorsteher des Baudepartements oft gut verhandeln und sie überzeugen, Häuser stehen zu lassen und Neubauten durch Verdichtung zu erstellen. Dabei halfen mir meine ökonomischen Kenntnisse, aber auch eine Flexibilität, die die Mehrwertabschöpfung vor der jetzigen Korrektur durch den Regierungsrat in einem kleinen Rahmen erlaubte. Schöpfen wir etwas weniger ab, wenn sie dafür günstigen Wohnraum stehen lassen (an dem sie auch ganz gut verdienen können), ergibt dies eine Win-Win-Situation. Schlieren entwickelt sich, auch durch den Zuzug der Deutschen, etwas in Richtung Mittelstand, aber vor allem verjüngte sich die Stadt. Das führt zu mehr Ausgaben in der Schule, dafür konnten wir bisher auf ein zweites Altersheim verzichten, wofür derzeit ein neuer Anlauf unternommen wird.

 

Schlieren gelang der Wandel von der reinen Industriestadt zu modernen Arbeitsplätzen. Steht es vor einer guten Zukunft?

In Schlieren gibt es Arbeit für  17 000 Beschäftigte und mehr Zu- als Wegpendler. In der Biotechnologie kennt man uns international als zweitwichtigsten Schweizer Standort nach Basel. Unsere Autobranche wandelte sich vom Altwagenverkauf zur Automeile, in der praktisch alle Marken mindestens mit einem Bürositz oder dem Europahauptsitz vertreten sind. Schlieren nimmt mehr als die Hälfte seiner Steuern von Firmen ein. Trotzdem existiert im Gegensatz zu früher keine Abhängigkeit von einzelnen Unternehmen. Neue Firmen melden sich bei mir mit ihren Bauwünschen, aber die Gespräche verlaufen auf Augenhöhe.

Schlieren profitierte in den letzten Jahren von viel Brachland. Günstiges Land ermöglichte Firmenneugründungen mit Risiken und vorerst kleiner Rentabilität. Die Brache ist verbaut, der Renditendruck für neue und bestehende Startups und KMU grösser. Schlieren wird abhängiger von der internationalen Wirtschaftslage und vom Wirtschaftswachstum. Aber wir blicken auch mit den vielen Kleinbetrieben, die teils Patente verkaufen können, zuversichtlich in die Zukunft. Zumal es uns gelang, die Entwicklung zu steuern.

 

Was reizt Sie am Stadtpräsidium?

Ich wechsle von einem einflussreichen Departement – wobei die Macht der Politik oft überschätzt wird – in ein anderes mit Einfluss, wenn auch einem anderen. Der Stadtpräsident verantwortet mehr als die anderen StadträtInnen die Gesamtsicht der Stadt, was für mich bedeutet, auf die Gerechtigkeit zu achten. Zudem wäre ich neben der Kultur und der Einbürgerung auch für das Personal zuständig. Ich kandidiere aber auch, weil es wichtig ist, dass die SP hinsteht, die Nachfolge ihres Toni Brühlmann anstrebt.

 

Wie sehen sie Ihre Chance?

In Schlieren dominieren die Bürgerlichen. Stimmen sie geschlossen, nimmt die Freisinnige Manuela Stiefel die Favoritenrolle ein. Natürlich ist es auch eine Persönlichkeitswahl. Wichtig bleibt aber, wie viele der Ungebundenen mit mir im Stadtpräsidium ein Gegengewicht geben wollen zur bürgerlichen Dominanz im Parlament und Stadtrat.

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