Von Arbeit bis Faschismus

Bücher zum 1. Mai: Drei Rezensionen von Hermann Koch.

Arbeit und Glück

«Jeder ist seines Glückes Schmied», lautet ein Sprichwort. Zu Beginn dieses Jahrhunderts blieb es nicht beim Sprichwort. Leute um Martin Seligmann, «mit enormen amerikanischen Finanzmitteln ausgestattet», entwickelten die «Positive Psychologie und Glücksforschung». Diese begann sich immer stärker weltweit durchzusetzen. Erst auf individueller Basis in psychologischen Therapien. Im Zentrum einer Behandlung steht nicht mehr die Krankheit, die meist von gesellschaftlichen oder familiären Faktoren beeinflusst ist. Zum Ziel der Therapie wird «das Glück». Der Einzelne muss «glücklich sein». Selber schuld, wer nicht  glücklich ist oder wird. Glück, so die «Positive Psychologie», kann man lernen. Es entstand eine «Glücksindustrie», die alles daran setzt, dass Menschen sich nie «wirklich» glücklich fühlen. Die «Glücksindustrie» hat somit immer zu tun. Und die Autorin und der Autor des vorliegenden Bucheszeigen auf, wie sich die «positive Psychologie» in der Wirtschaft durchzusetzen begann.

So erscheint der Verlust des Arbeitsplatzes «als Chance für einen persönlichen Wandel…, die neue Gelegenheiten bietet, sein Glück zu finden». Es liegt am Einzelnen, er muss es nur positiv angehen. Der «Zwang» zum Streben nach Glück wird somit «ein Werkzeug im Dienst der zeitgenössischen Macht». Was früher der Gehorsam gewesen sei, entspreche heute der «Arbeit am Selbst», kann man da lesen. Was «Glücksforscher» predigen, sehen die Autorin und der Autor als ein mächtiges Instrument für Organisationen und Institutionen, um sich «gehorsame Arbeitnehmer, Soldaten und Bürger schmieden zu können». Diese «Glücksexperten» vertreten demzufolge einen totalitären Individualismus und negieren gesellschaftliche Ursachen für Leid, Krankheit und Unglück. Die gesellschaftlichen Verhältnisse wollen sie nicht ändern.

Dasgut aufgebaute Buch ist streckenweise stark wissenschaftlich abgefasst. Es lohnt sich aber, es trotzdem zu lesen, weil es zeigt, wie wir mit dem Begriff «Glück» manipuliert werden.

Edgar Cabanas & Eva Illouz: Das Glücksdiktat – und wie es unser Leben beherrscht. Suhrkamp 2019, 245 Seiten, 31.90 Franken

 

 Geisteshaltung «Nationalismus»

Im Mai 1945 erschien in Grossbritannien ein Essay von George Orwell mit dem Titel «Notes on Nationalism». Darin geht Orwell der Frage nach, weshalb Menschen vielfach identitätsstiftende Gruppen bilden, die sich untereinander bekämpfen, was zum Nationalismus führt und was diesen vom Patriotismus unterscheidet. Nun ist dieser Text erstmals auf Deutsch erschienen. Zwei Dinge zeichnen nach Orwell den «Nationalismus» aus.  Da ist einmal die «Angewohnheit», dass sich «Menschen wie Insekten klassifizieren» und sich in Gruppen zusammenfassen liessen. Das kann eine Nation, ein Glaube oder eine andere gesellschaftliche Einheit sein. Hinzu kommt «die Angewohnheit, sich mit einer einzigen Nation oder einer andern Einheit zu identifizieren, dies jenseits von  Gut und Böse zu verorten». Für Orwell ist der Nationalismus «untrennbar mit dem Streben nach Macht verbunden». Dies im Gegensatz zum «Patriotismus», der «von Natur aus defensiv ist». Die «Hauptmerkmale nationalistischen Denkens» sind für Orwell: «Obsession», «Instabilität», «Gleichgültigkeit gegenüber der Realität». Diese Merkmale belegt er mit konkreten Beispielen, die auch heute noch Gültigkeit haben.

Im Nachwort stellt Armin Nassehi die Aussagen des Essays in die heutige Zeit mit dem Internet und den «Shitstorms» zu vielen Themen, welche nur noch schwarz und weiss kennen. Schon für Orwell war klar, dass «Nationalismus» keine spezifische Ideologie ist. Er beschrieb damit eine «Geisteshaltung»,die das «Nachdenken über so gut wie jeden Gegenstand beeinflusst». So sind neben «Gläubigen» aller Art auch «Linke» – Orwell erwähnt u. a. Trotzkisten – nicht vor seinem «Nationalismus» gefeit. Nach Orwell muss jeder Mensch eine «moralische Anstrengung» vollbringen, um nicht «Nationalist» zu sein.

Dem Satz von Armin Nassehi, dass Orwell uns mit seinem gut verständlichen Text «ein sehr aktuelles und diagnosefähiges Instrument» hinterlassen hat, kann man nur zustimmen.

George Orwell: Über Nationalismus. dtv 2020, 62 Seiten, 8.40 Franken

 

 Ur-Faschismus

Am 25. April 1995, dem 50. Jahrestag der Befreiung Italiens, hielt Umberto Eco in New York einen Vortrag. Er legte dar, welche Merkmale den «ewigen Faschismus» ausmachen. Dabei sprach er aus eigener Erfahrung, denn wie er im Vortrag erwähnte, war er 1942 zehn Jahre alt, als er «den ersten Preis bei den ‚Ludi Juveniles‘, einem freiwilligen Pflichtwettbewerb für junge italienische Faschisten» bekam. Er verbrachte dann zwei Jahre zwischen einander beschiessenden Faschisten und Partisanen, mit dem Ziel, «den Kugeln aus dem Wege zu gehen». Im Vortrag, der erstmals auf Deutsch vorliegt, listet er konkrete Merkmale auf, die den «ewigen oder Ur-Faschismus» auszeichnen, der immer wieder auftaucht. Hier einige seiner vierzehn Punkte dazu: Kult der Überlieferung und das Zusammenfügen von Ideen oder Philosophien zu einem neuen Weltbild; Ablehnungder Moderne; Kult der Aktion um der Aktion willenohne vorheriges Nachdenken; Appell an die frustrierten Mittelklassen; Verachtungder Schwachen; Machismo; Populismus usw.

Eco unterscheidet auch zwischen Totalitarismus, Nazismus und Faschismus. Für ihn gibt es nur den einen Nazismus, aber mehrere Spielarten des Faschismus. «Der Begriff konnte zu einer Sammelbezeichnung werden, weil ein faschistisches Regime auch dann noch als faschistisch erkennbar bleibt, wenn man ein oder mehrere Merkmale abzieht». Gleichzeitig warnt er: «Der Ur-Faschismus ist immer noch um uns, manchmal in gutbürgerlich-ziviler Kleidung… Unser Motto muss heissen: ‚Nicht vergessen’».

 

Im schmalen Band sind noch vier weitere kurze Texte von Eco. Einer befasst sich mit den «Migrationen des dritten Jahrtausends». Darin plädiert er, den Begriff «Immigration» von dem der «Migration» zu unterscheiden. Im Beitrag zur «Intoleranz» äussert er sich zur «political correctness», die sich für ihn immer mehr zu einem neuen Fundamentalismus entwickelt. Hier trifft er sich mit George Orwells «Nationalismus». Abgerundet wird das Buch durch ein Vorwort von Roberto Saviano.

Umberto Eco: Der ewige Faschismus. Hanser-Verlag 2020, 79 Seiten, 15.50 Franken

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