Vom Zentrum für Reisemedizin zum Covid-19-Referenzzentrum

Sein Traum ist es, bis 2030 HIV auszurotten. Prof. Jan Fehrs Berufung gilt übertragbaren Krankheiten. Eine davon bestimmt seit März auch das Geschehen im Zentrum für Reisemedizin, dem er vorsteht. Dort testen sie auf Covid-19, beraten, forschen und impfen bald auch.

 

Claudia Nielsen

Ausgerechnet auf Mitte März organisierte das Zentrum für Reisemedizin (ZRM) Abläufe und Räumlichkeiten neu. Statt dass sich die PatientInnen den Abläufen anpassen, passt sich nun die Raumorganisation den PatientInnen an. Es wurde umgebaut, renoviert, der Eingang verlegt, der Empfang neu organisiert. Alles war parat. Freundlich, funktionell, grosszügig und nach modernen medizinischen Prinzipien angelegt. «Man muss sich vorstellen, wie gross das Bedürfnis nach Überblick ist, wenn man ins Gesundheitswesen kommt. Oft fühlt man sich verloren und emotional sehr gefordert, wenn es um die eigene Gesundheit geht. Man soll beim Eintreten sofort sehen, wo’s lang geht und sich aufgehoben fühlen», sagt Jan Fehr. Aber auch ihm machte das neuartige Virus einen Strich durch die Rechnung. 

 

Von der Reise- zur Lokalmedizin

Am 11. März eröffnete er mit seinen 30 Mitarbeitenden das ZRM neu, am 12. März informierte er sie, die sich bislang vorwiegend um tropische Krankheiten gekümmert hatten: «Wir müssen helfen. Wir passen unsere Tätigkeiten an.» Am 13. März verordnete der Bundesrat auf den 16. März einen Shutdown. In dieser Zeit richtete das ZRM ein Covid-Testcenter im Innenhof ein samt Röntgengerät, und bereits Ende März fanden die ersten Tests statt. 

Dem erfahrenen Infektiologen war die Bedeutung verlässlicher Testresultate klar. Parallel zum Departement «Public and Global Health», dessen Leitung er 2017 übernommen hat, ist er Spezialist an der USZ-Klinik für Infektionskrankheiten geblieben. Da behandelt er vieles, was wir weit weg wähnen oder kaum mehr kennen: Tuberkulose, HIV-Infektionen, Malaria, Hepatitis, Bilharziose. Und neu Covid-19. 

Unverkennbar ist sein Stolz, als er durch das Zentrum führt, Neuerungen und Herausforderungen erläutert, auf das von seinem Team kreierte Piktogramm «Halte Abstand – zeige Nähe» beim Eingang hinweist. «Physischer Abstand ist eine der wichtigsten Vorsichtsmassnahmen. Umso mehr brauchen wir aber alle soziale Nähe. Die Begrifflichkeit ‹social distancing› ist total verfehlt.» Die Konsultations- und Behandlungsräume tragen in alphabetischer Reihenfolge Namen beliebter Reisedestinationen: Accra, Baku, Capri.

Zum Team gehören neu auch APNs (Advanced Practice Nurses, PflegeexpertInnen). Diese können einerseits gewisse ärztliche Aufgaben wie medizinische Reiseberatung übernehmen und sind andererseits besonders stark in der Planung, Umsetzung, Einführung und Begleitung von Programmen. Ihr Einsatz erlaubt, traditionelle Strukturen aufzubrechen und so zu gestalten, dass sie sich näher an den Bedürfnissen der zu betreuenden Menschen orientieren kann. So legt Jan Fehr grossen Wert darauf, P.S. eine APN vorzustellen und ihren massgeblichen Beitrag beim auf die Beine Stellen der Teststrassen und des mobilen Testens hervorzuheben.

 

Reisen ist alt, Reisemedizin neu

Es gibt bestimmt P.S.-LeserInnen, für die das frühere ZRM zu den Reisevorbereitungen in die Ferne gehörte. Malaria-Prophylaxe? Tollwut-Impfung? Typhus? Zika? Besonderheiten bei einer Vorerkrankung wie etwa einer HIV-Infektion? Auf Termin kann und konnte man sich selbst während des Shutdowns reisemedizinisch beraten und impfen lassen. Auch aktuell ist Tansania bei noch 30 bis 40 wöchentlichen Beratungen der Destinationsschlager. 

Offiziell ist die Reisemedizin eine junge Disziplin. 1989 führte die Uni Zürich den ersten weltweiten Reisemedizin-Kongress durch, anschliessend richtete sie eine breit zugängliche Beratungs- und Impfstelle ein. Dieses Zentrum für Reisemedizin ist die sichtbare Drehscheibe und Visitenkarte. Es gehört zum Departement «Public and Global Health» und dieses wiederum zum Institut für Epidemiologie, Biostatistik und Prävention der Universität Zürich. So kommen Prävention, Betreuung, Forschung und Lehre zusammen.

 

Public and Global Health, mangelernährt

Public Health (öffentliche Gesundheit) kann umso mehr bewirken, je umfassender die Betrachtung ist und je mehr auch Umwelt und Tiergesundheit einbezogen werden. Daraus entwickelte sich auch der ganzheitliche Begriff ‹One Health›, also ‹eine Gesundheit› oder, unter Einbezug der regionalen Unterschiede in der Welt, ‹Global Health›. Eben erfahren auch wir in der Schweiz schmerzlich, wie wenig sich ein Virus an Grenzen hält und wie sehr Tier- und Menschengesundheit zusammenhängen, sei es bei Antibiotikaresistenzen oder auf Nerzfarmen, wo sich Virusmutationen auf Menschen übertragen. 

Obwohl Lehre und Forschung in diesem Bereich genuin öffentliche und offensichtlich wichtige Aufgaben sind, sind die Mittel knapp. Übertragbare Krankheiten, war die Politik lange geneigt zu meinen, fänden vielleicht auf dem afrikanischen Kontinent statt oder in Asien. Entsprechend viel potenziell Nützliches wissen wir nicht. So wird Tuberkulose im Wesentlichen noch wie Ende der 1970er-Jahre behandelt, und eine wirksame Impfung gibt es noch immer nicht. Vielleicht wären wir weiter, wäre mehr Grundlagenforschung betrieben worden. Dass die Pharmaindustrie intensiver zu Krankheiten forscht, die viele Menschen in den Industrieländern betreffen, entspricht der Marktlogik. Sie forscht da, wo sie Medikamente dereinst mit (viel) Gewinn verkaufen kann.

 

Pest, Cholera und Pocken

Obwohl mit Ausnahme der Beulenpest im 14. Jahrhundert kaum eine Krankheit so viele Tote gefordert hat wie die Pocken, haben wir sie beinahe vergessen. Der letzte Fall in der Schweiz war 1933 gemeldet. Dank weltweiten Impfkampagnen konnten die Pocken 1980 für ausgerottet erklärt werden. Eine historische Ausnahme, meint Jan Fehr, die wir glücklichen Umständen und dem wirtschaftlichen Aufschwung der Nachkriegsjahre schulden. 

Bei Polio war dank immensem Aufwand derselbe Erfolg in Griffnähe, bis vor wenigen Jahren die Impfaktionen in Krisengebieten zum Erliegen kamen. «In zerrütteten Gesellschaften haben solche Präventionsarbeiten einen besonders schweren Stand. Dass Polio immer wieder an verschiedensten Orten aufflammt, ist ein schwerer Rückschlag», seufzt Jan Fehr. Und in Bezug auf Covid-19: «Eine Pandemie ist erst wirklich überstanden, wenn jedes Land sie überstanden hat. Sonst schwappt sie irgendwann wieder zurück.» 

Die Pest, im kollektiven Gedächtnis Westeuropas selbst Jahrhunderte nach den katastrophalen Ausbrüchen verhaftet, lebt in Nagetieren im südlichen Afrika, vor allem Madagaskar weiter. 2019 gab es im russisch-mongolischen Grenzgebiet nach dem Verspeisen von Murmeltieren vereinzelte Fälle von Pest, eine schwangere Frau kam dadurch ums Leben. Bislang gelingt es, ein Um-sich-Greifen zu verhindern. 

Damit dies auch bei HIV und Aids möglich wird, bedarf es noch viel Arbeit, Ressourcen und sozialer Veränderung. An diesem Komplex arbeitet Jan Fehr mit seinem «Ugandischen Zwilling», Prof. Andrew Kambugu in Kampala, mit dem er 2015 eine Forschungspartnerschaft ins Leben gerufen hat. Unbescheiden heisst die zum Verein gewordene Partnerschaft: Researchers for Global Health. Wen wunderts, setzt sich Jan Fehr dafür ein, dass die Covid-Impfungen auch für ärmere Länder zugänglich werden. Dies wird, nebenbei, auch den Industrieländern zugutekommen, ansonsten Reisende das Virus später wieder mit nach Hause bringen.

 

Covid-19 auch 2021

Weite Reisen würden bald wieder einfacher möglich, da man sich an Vorsichtsmassmassnahmen gewohnt sei. Eines von Jan Fehrs Szenarien für das Zentrum für Reisemedizin ist, dass sich der Betrieb Ende 2021 normalisieren und 2022 wieder auf Reisen fokussieren könnte. 

Der Zustand einer Ausrottung oder auch nur Eingrenzung ist bei Covid-19 in weiter Ferne. Am Zentrum für Reisemedizin läuft die Planung der Impfaktion, laut NZZ der grössten aller Zeiten, auf Hochtouren. Schon die Logistik ist eine Herausforderung. Der ab Januar verwendete Impfstoff muss bei minus 80 Grad gekühlt, vor dem Spritzen präzis gemischt, die Geimpften müssen eine Viertelstunde überwacht und alles muss vollständig dokumentiert werden. Das Zentrum für Reisemedizin ist als kantonales Referenzzentrum vorgesehen, welches die Konzepte entwickelt, an dem sich andere Impfzentren orientieren. 

Um über Prävention und Behandlung mehr zu erfahren, bietet das Zentrum für Reisemedizin auch eine Forschungsplattform – nämlich für «Corona Immunitas». Das wissenschaftliche Programm, zu dessen Gründer er gemeinsam mit Prof. Milo Puhan gehört, erforscht Ausbreitung und Auswirkung von Covid-19 in der Schweiz. Eines der Forschungsresultate lässt aufhorchen. Die ZürcherInnen haben bei Leuten mit einer Covid-19-Erkrankung nach vier Wochen Antikörpertestungen gemacht: Ein Fünftel von ihnen wies keine Antikörper auf. Darunter waren RaucherInnen überproportional vertreten.

 

Schadenreduktion – wie bei der Drogenpolitik

Als hätte er gerade nicht Herausforderungen genug, nimmt sich Jan Fehr in aller scheinbaren Ruhe Zeit für die Kommunikation: «Wir haben eine grosse Übersetzungsaufgabe. Wir müssen absolut transparent sein und gut erklären können, was wir warum tun.» Zwar könne die Impfung im Laufe des nächsten Jahres Erleichterung bringen, für Erlösung sei es zu früh. 

Auch müssten «Spill Overs» zu anderen übertragbaren Krankheiten im Auge behalten werden: Gibt es einen Zusammenhang zwischen Covid und Tuberkulose? Oder mit HIV? Mit vielen übertragbaren Krankheiten müssten wir leben lernen, könnten aber durch Prävention, Impfung und Medikation viel Schaden abwenden. Genau darum geht es Jan Fehr, in Analogie zur Drogenpolitik. Die moralische Brille dränge einen Teil der Gesellschaft und der Krankheit ins Abseits, von wo sie jederzeit hervortreten könne.

Die gegenwärtig rundum greifbare Anspannung geht dem Infektiologen nahe. «Nun, vor Weihnachten, segeln wir hart am Wind.» Vordringlich sei es, das Gesundheitssystem zu stabilisieren, schwere Erkrankungen und Todesfälle zu verhindern. Und darüber nachzudenken, wie wir als Gesellschaft als Ganzes mit all den auch sozialen Herausforderungen umgehen, er sagt: «Letztendlich ist eine solche Pandemie ein Stresstest für unsere Gesellschaft. Es geht darum, dass wir gemeinsam gut durchkommen.» Darum wünscht sich Jan Fehr einen «Adventsartikel über den Zusammenhalt der Gesellschaft, der Generationen – über Menschen und ja: auch Wärme in dieser kalten Zeit». 

 

Weitere Informationen: Zentrum für Reisemedizin (ZRM) (www.ebpi.uzh.ch/de/services/travelclinic.html); ZRM
Corona-Testcenter (www.coronatest.uzh.ch); Researchers for Global Health (www.r4gh.org); Corona Immunitas
(www.corona-immunitas.ch)

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