Strom- oder Spar-Lücke?

Eine alte Bekannte, die «Stromlücke», heute «Strommangellage» genannt, taucht mal wieder auf: Am 14. Oktober las ich in der NZZ, «47 Stunden ohne Strom: Das könnte der Schweiz schlimmstenfalls ab 2025 blühen, wenn nach einem harten Winter die Stauseen praktisch leer sind und nicht genug Strom importiert werden kann». Diese Angaben stammen aus dem ungünstigsten Szenario einer aktuellen, im Auftrag des Bundes erstellten Studie. Das Szenario geht davon aus, dass die Schweiz stromversorgungsmässig keinen Anschluss mehr an die EU hat.

 

Das wäre insofern blöd, als dass dort seit letztem Jahr das «Clean Energy Package» in Kraft ist. «Gemäss diesem müssen ab 2025 alle europäischen Übertragungsnetzbetreiber mindestens 70 Prozent der grenzüberschreitenden Netzkapazitäten für den Stromhandel innerhalb der EU freihalten», schreibt der Bundesrat in seiner Medienmitteilung zur Studie. «Wie dabei die Grenzkapazitäten zu Drittstaaten wie der Schweiz berücksichtigt werden müssen, ist in der EU-Gesetzgebung nicht geregelt. Dadurch könnten die Importkapazitäten der Schweiz deutlich eingeschränkt werden. Zudem könnten die durch den Stromhandel der Nachbarländer verursachten ungeplanten Stromflüsse weiter zunehmen und so die Netzstabilität der Schweiz gefährden.»

 

Bereits im Jahr 2007 hatte der Bundesrat ein Stromabkommen mit der EU zu verhandeln begonnen. Diese Verhandlungen endeten 2018, ohne Ergebnis. Seither hat der Bundesrat auch die Verhandlungen über ein Rahmenabkommen mit der EU abgebrochen. All das ruft nach einer Einordnung, konkret nach einem Blick ins Archiv, ist doch leider das Naheliegendste nicht mehr möglich, nämlich Hanspeter Guggenbühl (hpg.) zu bitten, fürs P.S. eine solche vorzunehmen.

 

«Eng betrachtet besteht die Versorgungslücke bereits. Denn die Schweiz verbraucht seit 2005 mehr Strom, als die Kraftwerke im Inland produzieren», schrieb hpg. im P.S. vom 11. Januar 2007, also vor knapp 15 Jahren. Und weiter: «Heute produziert die Schweizer Stromwirtschaft in der Schweiz und Frankreich zusammen (…) 76 Mrd. kWh oder rund einen Viertel mehr Strom, als im Inland verbraucht wird; diesen Produktionsüberschuss verkauft sie zu Spitzenpreisen und mit happigem Gewinn auf dem europäischen Markt.» Doch der Stromverbrauch im Inland steige weiter und die Produktion sinke, «weil die Laufzeit der AKW-Bezugsverträge mit Frankreich zwischen 2017 und 2040 stufenweise ablaufen und im Inland die ersten AKW vom Netz gehen».

 

Die Folge? Der Schweiz drohe ab 2020 eine Strom-Versorgungslücke, zeigten die Energieperspektiven des Bundesamtes für Energie und des Stromverbandes VSE: «Diese Lücke öffne sich im Winter bereits ab 2012, prophezeite letzten Sommer (d.h. 2006 / nic.) Heinz Karrer, Chef des Stromkonzerns Axpo (…).» Um die Stromversorgung mittelfristig zu sichern, brauche es deshalb im Inland neue Gas- und Kernkraftwerke. «Gleichzeitig aber bauen die – weitgehend staatseigenen – Stromunternehmen in grossem Stil thermische Kraftwerke im Ausland (…)», fasste hpg. zusammen: Mit allen Kraftwerken und Beteiligungen, die sie «im In- und Ausland besitzen, zurzeit bauen oder planen, können die Schweizer Stromfirmen ab dem Jahr 2010 insgesamt 109 Mrd. kWh Strom pro Jahr produzieren, davon annähernd die Hälfte im Ausland (…)».

 

Wie aber liess sich bei diesem Überfluss die Klage über die drohende «Stromlücke» rechtfertigen? «Die Schweizer Strommanager antworten, mit dem Bau von eigenen Produktionsanlagen in den wichtigsten Exportmärkten (…) verfolge die Schweiz primär das Ziel, ihre Position im internationalen Stromhandel zu stärken und bisherige Stromtransporte von Frankreich via Schweiz nach Italien schrittweise zu ersetzen.»

Diese Argumentation leuchte ein, befand hpg. Doch «ein Markt hält sich nicht an Pläne. Falls der europäische Strommarkt so liberal funktioniert, wie ihn die EU ankündigte, fliesst der Strom unabhängig vom Produktionsort dorthin, wo am meisten dafür bezahlt wird. (…) Mittelfristig kann das die Schweiz sein, falls der Stromverbrauch hier weiter wächst und keine neuen Kraftwerke gebaut werden. Schwer vorstellbar ist jedenfalls, dass in der Schweiz die Lichter ausgehen, während staatliche Schweizer Stromfirmen im Ausland Strom im Überfluss produzieren», brachte er es auf den Punkt.

 

Am 16. Juli 2009 schrieb Hanspeter Guggenbühl im P.S., «um alle geplanten Pumpspeicherkraftwerke zu betreiben, müssen die Elektrizitätswerke künftig viel mehr Strom importieren. Damit vergrössern sie die Stromlücke – wenn es denn eine gibt». Die Stromwirtschaft plane jedoch den Bau von zusätzlichen Gas- und Kernkraftwerken: «Die Alternative, den Stromhunger mit zusätzlichem Import zu decken, lehnen bürgerliche Parteien und Stromunternehmen mehrheitlich ab. ‹Auf Stromimporte ist kein Verlass mehr›, erklärt etwa Heinz Karrer, Chef der Axpo, des grössten Schweizer Stromproduzenten. Denn Strom werde auch im Ausland knapp. Zudem würden Importe zur Sicherung der nationalen Stromversorgung künftig nicht mehr durch das Leitungsmonopol privilegiert; dies im Unterschied zu den aktuellen Bezügen aus den AKW-Beteiligungen in Frankreich.» Zur Erinnerung: Das Zitat stammt von 2009 – die Verhandlungen über ein Stromabkommen mit der EU hatten 2007 begonnen…

Zum Scheitern des Stromabkommens mit der EU schliesslich hielt Hanspeter Guggenbühl im P.S. vom 2. Juni 2017 fest: «Beim Versuch, den nicht funktionierenden Strommarkt mit den Zielen einer umweltverträglicheren Stromversorgung zu vereinbaren, droht der politische Crash.»

 

Und heute? «Ein Drittel der fossilen Energie – und mithin des CO2-Ausstosses – könnte die Schweiz allein im Wärmebereich und Verkehr bequem einsparen oder ersetzen. Ein Bruchteil dieser fossilen Energie liesse sich verwenden, um neben Solar- und Windkraftwerken auch einige Gaskombi-Kraftwerke oder Wärme-Kraft-Kopplungsanlagen zu betreiben, die mithelfen, die vielzitierte ‹Stromlücke› zu stopfen», schrieb hpg. vor zehn Jahren, im P.S. vom 3. Juni 2011. In der NZZ vom 16. Oktober 2021 ist zu lesen, dass ein Verband aus der Energiebranche 2000 solcher Wärme-Kraft-Kopplungsanlagen fordert, kleine Gaskraftwerke, die sowohl Wärme als auch Strom liefern. Im Artikel wird SP-Nationalrat und Energiepolitiker Roger Nordmann zitiert – er finde den Vorschlag «vielversprechend». Bleibt noch das Einsparen von fossiler Energie: Mit einem Ja zum neuen Energiegesetz am 28. November rückt es zumindest im Wärmebereich in greifbare Nähe. Diese Chance packen wir!

 

 

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