Staatsaffäre

Jede Berufung auf den Rechtsstaat ist nur dann statthaft, wenn dieser den damit einhergehenden hohen Verpflichtungen auch gerecht wird, deren Einhaltung kontinuierlich überprüft und notfalls korrigierende Eingriffe zur Wiedererlangung der Blindheit von Justitia und der Gewaltenteilung vornimmt. Der frisch zum Leiter des französischen Auslandgeheimdienstes beförderte Major François-Georges Piquart (Jean Dujardin) befindet sich 1894 mitten in einer staatszersetzenden Schräglage der Institutionen, die darin gipfelt, den Artillerie-Hauptmann Alfred Dreyfus (Louis Garrel) wegen Landesverrates abzuurteilen, öffentlich zu degradieren und auf die Teufelsinsel vor Guyana zu verbannen. Mit diesem kriegsgerichtlich vorgeführten Bauernopfer war die damals wackelnde Machtallianz aus Militär, Aristokratie und Klerus ein leidiges Problem vorerst offiziell los.

 

Schon bevor der Schriftsteller Emile Zola seinen epochalen Essay «J’accuse…!» veröffentlichte und die Verurteilung von Dreyfus als genuin antisemitisch brandmarkte, die Beweisaufnahme unvollständig bis absichtlich fehlerhaft schimpfte und mit Major Ferdinand Walsin-Esterházy (Laurent Natella) den vermutlich tatsächlichen Geheimnisverräter ans deutsche Kaiserreich beim Namen nannte und den Präsidenten der Republik dazu aufforderte, vollständige Aufklärung herzustellen, kamen Piquart erste Zweifel. Ihm fielen in seiner neuen Funktion zahlreiche mangelhafte Zeugnisse in die Hände, die keiner ernsthaften Prüfung standhalten würden und alle für die Unschuld von Dreyfus sprachen. Roman Polanski verfilmt diesen als «Affäre Dreyfus» in die Geschichtsbücher eingegangenen Skandal in wahrlich meisterhafter Weise! Seine Detailversessenheit in der Ausstattung und der Wahl der Kameraeinstellung sowie die Exaktheit in der Schauspielerführung ergeben zusammen ein erdrückendes Abbild dieser weit verflochtenen Machtintrige und der schier hoffnungslosen Anstrengung der Kämpfer zur Wiedererlangung der französischen Rechtsstaatlichkeit. Kurz: Eine Wucht!

 

«J’accuse» spielt in den Kinos Arthouse Piccadilly, Houdini und RiffRaff.

nach oben »»»