Sackgasse

Als ich damals nach Zürich kam, stellte ich mit Freude fest, dass es eine Sprecherstrasse gibt. Noch dazu mit eigener Bushaltestelle. Es dauerte einen Moment, bis ich endlich dahinfuhr, dann tat ich es voller Spannung, stieg aus, und, nun, es war eine Sackgasse. Also die Sprecherstrasse ist eine Sackgasse. Das ist im Grunde genommen furchtbar demütigend, nicht wahr? Es ist, das kommt noch dazu, eine ausgesprochen kurze Sackgasse. Als wäre es also nicht genug Beleidigung, dass das keine anständige Strasse ist, ist sie auch noch übertrieben kurz. Ich würde sogar behaupten, dass es in der ganzen Stadt Zürich keine Sackgasse gibt, die kürzer ist als die Sprecherstrasse. Sollte ich jemals etwas zu sagen haben, schwor ich mir an Ort und Stelle, werde ich das ändern. Und tausche. Beispielsweise die Hohlstrasse gegen die Sprecherstrasse. Oder die Badenerstrasse. Einfach etwas sehr, sehr Langes. 

Das mit der Sackgasse fiel mir ein, weil ich den SRF-News-Beitrag über Laura Bucher sah, Regierungsrätin in St. Gallen und Mutter von zwei kleinen Kindern. Diese Kombination ist Grund genug für das SRF, ihr Fragen zu ihrem Familienalltag zu stellen, was alleine bereits eine Zumutung ist. Denn keinem einzigen Mann mit kleinen Kindern in der Exekutive oder in Chefposten, die ein 100%-Arbeitspensum verlangen (wie sinnvoll das an und für sich ist, ist ein anderes Thema), werden diese Fragen je gestellt. Nie will man von ihnen wissen, wie sie das nun familienintern organisieren, wie sie vereinbaren. Oder kann sich jemand daran erinnern, dass einem frisch gewählten Bundesrat die Frage gestellt worden wäre, wie er jetzt so den Tag plant, als Vater? Wurde seine Sekretärin je dazu interviewt, wie das nun sei, den Kalender eines Mannes mit Kindern führen zu müssen? Wurde der Mann je danach gefragt, ob das ein egoistisches Familienmodell sei, was er da lebe, so mit einem Vollzeitjob und seiner Frau, die ja auch noch arbeite? Nein. 

Aber genau das wollte man von der Regierungsrätin von St. Gallen wissen. Und so passiert, was immer passiert: Laura Bucher wird als Abweichung von der Norm dargestellt und muss sich für etwas rechtfertigen, was Männer seit je ganz selbstverständlich tun können. Und wir schreiben das Jahr 2020 und fast gleichentags, wie dieser Beitrag im SRF erschien, hielt Michael Schoenenberger in der NZZ fest, dass es keinen Vaterschaftsurlaub brauche und unserem Land zu Unrecht vorgeworfen werde, es sei gleichstellungspolitisch hintendrein. 

Dabei hat diese ungleiche Rollenteilung, diese sich hartnäckig haltende sogenannte Norm des arbeitenden Vaters und der sorgenden Mutter daheim, ihren Ursprung genau in der Zeit nach der Geburt des Kindes. Solange eine Gesellschaft es für auch nur annähernd vertretbar hält, nicht beiden Elternteilen Zeit mit dem frischgeborenen Kind ermöglichen zu wollen, kommen wir keinen Schritt weiter. Solange es nicht eine Selbstverständlichkeit ist, dass sich Mutter und Vater nach der Geburt zu gleichen Teilen um das Kind kümmern, bleibt die arbeitende Mutter die Abweichung von der Norm. Solange ArbeitgeberInnen nur den Mutterschaftsurlaub organisieren müssen, nicht aber den des Vaters, werden Frauen bei Anstellungen systematisch diskriminiert bleiben. 

Ich befürchte, dass es tatsächlich einfacher wird, die Hohlstrasse in Sprecherstrasse umzutaufen, als in dieser Diskussion einen Weg aus der Sackgasse zu finden. 

 

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