Mit dem Segen des Roboters

Im Museum für Gestaltung kann bis im Juni die Ausstellung «Planet Digital» besucht werden. Mit viel Möglichkeit zur Interaktion, faszinierender Objektgeschichte und verständlicher Wissensvermittlung in komplexen Themen zeigt die Ausstellung einen erfrischenden Ansatz an die gesellschaftliche Auseinandersetzung mit Digitalisierung. 

 

Sergio Scagliola

 

Es ist nicht nur die Utopie-Dystopie-Gegenüberstellung, die im Hinblick auf unseren Umgang mit Digitalisierung gerne inszeniert wird. «Planet Digital» gelingt eine relativ objektive Diskussion der Wirkungsdimensionen von Digitalisierung. So ist der Grundton klar – Technologie ist neutral, deren Nutzung nicht. Diese Neutralität wird besonders in den ausgestellten Objekten klargemacht. Sie demonstrieren den Umgang der Menschheit mit Technologie und visualisieren neben deren Evolution auch die Evolution der Menschheit in den letzten Jahrzehnten. Satellitenbilder zeigen die grossflächigen Veränderungen der Infrastruktur an Beispielen wie der Konstruktion von Datencentern in der Wüste um Las Vegas, dem Auf- und Abbau landwirtschaftlicher Nutzungsflächen in Saudi-Arabien oder der Erweiterung einer Kobaltmine im Kongo. Technologie wird so zur Dokumentation der Veränderung und erscheint gewissermassen als natürlicher Prozess. Die chronologische Aufreihung von Computermaus-Designs der vergangenen 50 Jahre, der Schrotthaufen, bestehend aus einem verschmelzenden Berg von jüngeren und älteren Bildschirmen – sie brauchen kein zusätzliches Medium, um den ihnen zugrundeliegenden Kommentar zum Kapitalismus und zur Leistungsgesellschaft im digitalen Zeitalter zu vermitteln. 

 

Analog-Digital

Die Objekte zeigen aber nicht nur die Neutralität von Technologie in einem Vakuum. Die Ausstellung scheint sich auch vorgenommen zu haben, die technisch hochkomplexen Aspekte neuer Entwicklungen und auch deren reale Limitationen an den Objekten aufzuzeigen: Beispielsweise wie eine Wand voller Lavalampen ein fundamentales Problem für eine Maschine – einen vollständig zufälligen Entscheid zu treffen – umgehen kann. 

 

Die Symbiose zwischen analog und digital und zwischen menschlicher und maschineller Interaktion ist generell sehr präsent. So werden auch fundamentale philosophische Aspekte der technologischen Entwicklung ins Zentrum gerückt. Gleich das erste Objekt neben dem Eingang zur Ausstellung ist ein Roboter, der einen Segen ausspricht. Das Druckpapier ist zwar alle, aber die Frage bleibt: Kann ein Programm, eine Maschine oder ‹künstliche Intelligenz› religiöse Kompetenz innehaben? Was wäre nötig, um diese zu beweisen? 

 

Interaktion über Objekte

Der Roboter ist ein beispielhaftes Ausstellungsobjekt. Ohne allgegenwärtige Interaktionsmöglichkeiten und Multimedialität wäre die Ausstellung wohl auch etwas langweilig. Besonders schätzenswert ist hierbei die Inszenierung von Videospielen aller Art. Sie visualisieren den künstlerischen Wert dieses Mediums und bieten einen Zugang über die artistische Qualität und nicht über die Ebene der reinen Unterhaltung. Die interaktive Multimedialität ist auch für die Weitläufigkeit der hier zu erfahrenden Sinneseindrücke besonders wichtig. Sinn um Sinn wird in eine digitale Umgebung verschoben: von einer VR-Brillen-Installation, wo man sinnestechnisch komplett aus der realen Welt gerissen wird, über Klangkulissen in kleinen Räumen, welche die Realität der ins Ausland verlegten Bergbauindustrie zur Fabrikation unserer Smartphones visualisieren, bis hin zu einem Kino mit klarer Dystopie-Tonalität und viel Witz zugleich in den gezeigten Kurzfilmen.

 

Utopische und dystopische Aussichten

Das Kino stellt die Kulmination der Utopie-Dystopie-Gegenüberstellung dar. In vier Kurzfilmen stellt ein fiktives Fernsehprogramm zu automatisierten, ‹intelligenten› Datenauswertungssystemen deren pragmatische, wirtschaftsoptimierende Chancen den grundrechtsverletzenden, imperfekten Risiken gegenüber – von strukturellem Profiling über Bankkreditvergabe bis hin zu Kindeswohlgefährdung, automatisierte Einschätzungen sind technisch völlig im Rahmen des Möglichen und sind bereits heute verbreitet implementiert. Das alles wird in einer sorgfältigen, visuell schön umgesetzten Videoproduktion demonstriert. 

 

«Planet Digital» zeigt, wenn man alle Ausstellungsobjekte zusammennimmt, eine differenzierte Auseinandersetzung mit grundlegenden Fragestellungen zur Digitalisierung, die bei den realen Anwendungen oft nur wenig diskutiert werden: Was heisst es überhaupt, digitale Technologie zu nutzen? Welche Auswirkungen hat die Umsetzung von Digitalisierung? Und ganz banal auch: Wie sieht die Technologie hinter diesem grossen Begriff ‹Digitalisierung› überhaupt aus?

 

«Planet Digital» im Museum für Gestaltung Zürich, Ausstellungsstrasse 60, bis am 6. Juni, Di–So: 10–17 Uhr, Mi: 10–20 Uhr.  

 

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