Laborversuch

Der Arbeitsmethode Provokation durch Banalisierung bleibt Timo Krstin in «Swamps – Die Neue Internationale III» treu. Unscharf bleibt die Trennlinie zwischen Kritik an und Herstellung von Fake-News.

 

Die Vehemenz, mit der Timo Krstin und Mbene Mbunga Mwambene nach eineinhalb Stunden Storytelling mitsamt den Zeitsprüngen, Logiklücken und Perspektivenverschiebung eine Parallelprofession als Journalisten in den Vordergrund rücken, kann für zweierlei stehen: Das Vorführen von faszinierend herbeileitbarer Verführung zu einer alternativen Wahrnehmung von Wahrheit als Masche, die hiermit entlarvt wird. Oder im Umkehrschluss die Absicht, eine letztlich sehr einseitig alleinpositive Darstellung von Josip Broz Tito als Lichtgestalt als belastbare Geschichtsumschreibung etablieren zu wollen. Die zuvor offen belassenen Leerstellen in der Stringenz sind Anzeichen dafür, dass die gesamte Anlage als eine einzige Infragestellung gelesen werden kann. Dass seine Thesen steil und die daraus ableitbaren Konsequenzen grenzwertig sein können, hat Timo Krstin in jeder seiner bisherigen Arbeiten bewiesen. Das Spiel mit Zuspruch und Widerspruch, respektive deren Unterscheidung erschwert er gemeinhin mittels Ausflucht in die Historie. Hier wird erneut das Jugoslawien Titos, dessen Form von Kommunismus – als blockfreier Staat im Zwist mit Moskau –, als ideale und in der Behauptung auch erstrebenswerte Organisationsform für eine Gesellschaft dargestellt. Ergänzt durch als privates Erleben verkaufte Erfahrung, die diese Lesart stützen soll. «Swamps (Sümpfe) – Die Neue Internationale III» (entgegen der Ankündigung durchs Band in Englisch) weist sämtliche Komponenten einer raffiniert austarierten Propagandamaschinerie auf: Emotionalisierbarkeit durch vorgeschobene persönliche Zeitzeugenschaft, exotische im Sinne von aussergewöhnlich ausgesuchten Beispielen, die die These einer Vorbildhaftigkeit stützen, und eine aktivistisch-agitatorische Verve, mit der ein Bühnenpersonal Einhelligkeit demonstriert. Dreh- und Angelpunkt ist ein Dreigestirn von Geschichten: Eine pharmazeutische Fabrik in der Vojvodina, die der Erzählung gemäss seit deren Gründung 1914 und über all die Unwägbarkeiten der Geschichte ihre zur Hauptsache vergesellschafteten Besitzverhältnisse beibehalten konnte. Die Legendenerzählung eines Heilers/Schamanen und dessen Sohns aus Zambia, woraus eine afrozentristisch behauptete Geschichtsbetrachtung entstehen soll, die im Kern aber die eurozentristische Ignoranz allem anderen gegenüber sehr simpel einfach umkehrt. Und eine Migrationsodyssee (der Vorfahren) von Mary John Udosen Essiet aus Nigeria durch die halbe Welt, die nach mehreren Zwischenschritten wie der Schulbildung im damaligen Jugoslawien und einer Arbeit am Band einer deutschen Chemiefabrik am vorläufigen Endpunkt Wien sich als mitmigrierendes Kind erst heimisch fühlen konnte, als die serbische Diaspora sie der sprachlichen Verständigung wegen als in ihre Mitte gehörend erklärte. Die Verwirrung der Verfolgbarkeit der Erzählentwicklung durch eine Überfrachtung mit Informationen in Kombination mit der Geschwindigkeit ihrer Präsentation gehört mit zum Plan der Krstinschen Gedankenanregungsmaschinerie – seit «Charles Bronson bin ich» 2015. Eines der Probleme dieser Herangehensweise besteht darin, dass eine aus lauter Nebensträngen geflochtene Erzählstruktur keinen eigentlich springenden Punkt hervorbringt und demzufolge auch kein für ein Publikum, zumindest das mit einer skeptisch-kritischen Begabung, ausreichend vereinnahmendes agitatives Gemeinschaftsgefühl verursacht, das für einen subversiven Ansatz für eine grundlegene Veränderung genauso vonnöten wäre wie für die im Titel angekündigte Internationalisierung der gemeinsamen Interessen. Insofern bleibts ein Laborversuch.

 

«Swamps – Die Neue Internationale III», bis 5.6., Gessnerallee, Zürich.

 

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