Keine Blumen

Mein Mami zum Beispiel hält rein gar nichts vom Muttertag. Immer schon. Erstens sei das ein Tag vor allem für die Floristen, die an den Heuchlerstuden, wie sie sie nennt, gut verdienten, was sie ihnen von Herzen gönne, man solle sie diesbezüglich nicht falsch verstehen. Zweitens und viel wichtiger brauche sie wirklich keinen Tag, an dem man sie hofiere, feiere und ins Restaurant ausführe, nur um sich dann für die restlichen 364 Tage des Jahres wieder nicht zu kümmern. Und im Übrigen kaufe sie sich die Blumen dann, wann sie wolle. 

 

Mein Vater hat sich das, muss man sagen, zu Herzen genommen und ihr mindestens am Muttertag keinen Strauss mitgebracht, eigentlich auch sonst nicht, wenn ich mich recht erinnere, aber eben, von solchen Liebesbezeugungen hält meine Mutter bis heute nicht viel, denn was nützen sie ihr, wenn vorher und nachher alles beim Alten bleibt. Sie hatte – nicht meinen Vater, wohlbemerkt – immer die Männer vor Augen, die betrügen, lügen und saufen und dann einfach an diesem einen, staatlich festgelegten Tag die Frau reich beschenken und ihr den Schmuus bringen, nur um dann wieder zum alten Muster zurückzukehren. Sie verlangte Respekt und Anerkennung an jedem Tag oder dann lieber gar nie. Wenn ich sie heute manchmal anrufe an diesem einen Sonntag und sage, du, ich wollte dir zum Muttertag gratulieren, reagiert sie immer gleich: «Spinnsch itz oder was?» Es ist eine Freude. 

 

So bin ich also aufgewachsen. Nun bin ich selber Mutter und auch mich berührt es komisch, wenn meine Kinder in der Schule basteln müssen, um mir das dann am Muttertag zu überreichen (zumal mein ältester Sohn letztes Jahr schrieb, «Danke Mami, dass du mich so viel fernsehen lässt», was nachweislich hinten und vorne nicht stimmt, aber dieser Ruf klebt jetzt wohl an mir und meiner Familie bis ans Ende seiner Schulzeit, das haben wir jetzt davon). 

 

Was lernen sie denn dadurch? Dass es einen Tag gibt, an dem man die Mutter ganz speziell feiert? So wie man einen Tag der Rechte des Kindes hat? Einen Weltkrebstag? Einen Tag der Wohnungslosen? Einen Tag der Depression? So gibt es den Muttertag oder den Tag der Frau. Sie reihen sich ein in die Tage, an denen man an Menschen oder Krankheiten denkt, die sonst vergessen gehen oder besonders tragisch sind. Deshalb schlucke ich auch am 8. März jeweils leer, wenn mir die Frau an der Kasse im Coop eine Rose in die Hand drückt. 

 

Sie, die vermutlich Teilzeit arbeitet in einem Tieflohnbereich, einige Jahre nicht gearbeitet hat wegen den Kindern und dann im Alter so als Geschenk für all das mit einer Rente belohnt wird, die tiefer ist als die des Mannes. Wenn alles schon früher schief lief, sitzt sie da an der Kasse als Alleinerziehende, mit einem vielfach höheren Armutsrisiko als Männer. Vermutlich verdient sie auch weniger als der Kollege an der Nebenkasse, obwohl er den genau gleichen Job macht. Dass er dann Filialleiter wird ist viel, viel wahrscheinlicher als bei ihr, weil für Frauen und gerade solche mit Kindern dieser Karriereschritt eher nicht vorgesehen ist. 

 

Deshalb halte ich nicht viel von diesem Jubiläumsjahr zum Frauenstimmrecht. Dass man uns erst vor 50 Jahren ein Recht zugesprochen hat, das uns schon längstens zugestanden wäre, ist kein Grund zum feiern. Erstens. Zweitens muss man mich als Frau jetzt nicht hofieren und mir den Schmuus bringen, sondern endlich Gleichstellung. Die Blumen, im Übrigen, kaufe ich mir selber. 

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