«Isch nöd mini Schuld»

Nur drei Anläufe und ein paar Monate Geduld hats gebraucht, bis alle Voraussetzungen zusammenpassten: ein freier Platz, ein gesunder Künstler und ein noch unverplanter Abend. Nur die Überraschung ist ausgeblieben: Die Erwartungen wurden übertroffen.

 

Wenn er träumt, ist Markus Schönholzer endlich seine beiden Schönholzer-Stimmen im Nacken los, die sein Handeln je in Richtung Vernunft und Ernst oder eben Freiheit und Lebenslust locken oder lenken möchten. Im Traum sind die Bedenkenträger endlich still. Es gibt keine Zweifel, keine falsche Bescheidenheit. Nur das hehre, alles überstrahlende Glücksgefühl, sekundiert von warmem, aufrichtigem Applaus. Im Traum ist plötzlich alles richtig und fair und verdient und… dann halt doch wieder bescheiden, unglamourös und mit einem kleinen Defekt behaftet. Vielleicht ists ja grad das Fehlen der beiden Schönholzers, was Markus selbst im Traum noch stutzen lässt, dass da doch was anders ist und ihn dann in der Ausmalung der strahlenden Grandezza einer ausserordentlich gewichtigen Preisverleihung an ihn als Person, als Künstler und als Ausnahmeerscheinung der Zeit plötzlich doch wieder so selbstgenügsam werden lässt. Ganz von allein. Und ohne Reue. Weil der Markus eben der Markus ist. Im Traum wie im Leben wie auf einer Bühne. 

 

Liebe ist Baumarkt

Aus seinen Liedern spricht das Leben. Vielleicht ein klein wenig verschroben im Blickwinkel und leicht fantastisch in den Lösungsansätzen, aber eigentlich doch immer das recht simple Leben. Vorwiegend stellt er Fragen, wie sie sich eigentlich alle hin und wieder stellen. Woran erkennt man Liebe? Ist es schon Liebe, wenn eine Frau ihren Mann Samstag für Samstag in den Baumarkt begleitet oder erst, wenn sie zur Erlangung einer Balance im Geben und Nehmen eine ergänzende gemeinsame Freitzeittätigkeit vorschlägt und er nach anfänglich zögerlichem Einwilligen auch daran grosse Freude findet? Sind es dann streng genommen gleich zwei Lieben oder ist diese Gegenseitigkeit erst die Voraussetzung dafür? Seine Frau und er haben jetzt jedenfalls zwei Fixtermine pro Woche: Einen für den Intellekt (Universalsenkkopfschrauben) und eine fürs Gemüt durch schwungvolle Ausübung körperlicher Nähe (Lindy Hop).

Der zentrale Schwierigkeitsgrad dabei ist lediglich die Bereitschaft aller männlichen Schönholzers, sich von ganz beiläufig auftauchenden Nichtigkeiten in einen nahezu wissenschaftlichen Forschungsdrang versetzen zu lassen und ob der Ersterkundung und der natürlich notwendigerweise folgenden Gegenprobe komplett aus dem Zeitgefühl zu fallen. Weil: Ist die Frage nach der exakten Anzahl Cornflakes in einer handelsüblichen Verpackung erst mal in der Neugier­region des Hirns aufgekommen, lässt sie einen sowieso nicht wieder los. Geht ja ganz fix und zur Essenseinladung bei Freunden werden schon nicht alle auf die Minute genau pünktlich erscheinen. Aus der Warte, die Markus Schönholzer für das Lied «Nütig» einnimmt, wird eine dermassen aufregende und gefährliche und faszinierende Expedition in bislang unbekannte Sphären des menschlichen Daseins, dass niemand auch nur im Traum auf die Idee käme, ihm diese klitzekleine Verspätung von ein paar Stunden vorzuwerfen. Bevor sich jemand im Publikum über eine leidlich egozentrische Weltsicht auch nur schon in Gedanken zu beschweren anfangen könnte, steht der Bühnenmarkus schon mit einem grossen Strauss an lavierenden Beschwichtigungen da: «Isch nöd mini Schuld, dä Schönholzer hät…» 

 

Nonchalanter Charmeur

Als begnadeter Charmeur entpuppt er sich auch gegenüber dem Publikum. Sogar in den fast schon als Publikumsbeschimpfung durchgehenden Realitätsbetrachtungen – unter Einschluss sämtlicher Möglichkeiten und Unwahrscheinlichkeiten, versteht sich – schafft er es, die Gunst der ZuhörerInnen auf seiner Seite zu behalten, weil seine generelle Warte sich als so positiv und konstruktiv he­rausstellt. Denn «me chönnt öppis schöns
druus mache» bezieht sich nur in einem Nebensatz auf die Frisuren der Anwesenden, mehrheitlich dreht sich seine Aufzählung von optischen Verbesserungsmöglichkeiten nämlich auf Äusserlichkeiten von Dingen, wobei ihm neun von zehn wenn nicht gar elf von zehn zufällig Befragten sofort beipflichten würden. Er bringts auf die Reihe, ganz unscheinbar wirkende menschliche Eigenarten in sympathisch ungekünstelten Worten in meist harmonisch klingende Lieder so zu verpacken, dass man ihm einerseits hinter der letzten Biegung der Handlungsentwicklung sowieso Recht geben will und andererseits schon auf dem Weg dahin schon so gut gelacht hat, als ob man sich selber beim Schwindeln ertappt hätte und grossmütig über die schon im Ansatz verunglückte Herangehensweise nur noch den Kopf schütteln mag, dass im Resultat einzig Beglückung herauskommt. So einfach wie wirksam, dass es nur Kunst sein kann.

 

«Schönholzer & Schönholzer», 20.11., Kellertheater,
Winterthur. www.markus-schoenholzer.ch

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