Adventsperlen aus himmlischer Höhe  

Um die Adventszeit steigt Rolf Schwarzenbach jeweils mit Seil und Säge in himmlische Schatzkammern hoch: Aus den Wipfeln von Weisstannen schneidet der Forstwart und Christbaumzüchter aus dem Horgenberg prächtige Mistelbüschel mit weiss leuchtenden Beerenperlen, die dann die vorweihnächtlichen Stuben seiner Kunden schmücken.

 

Arthur Schäppi  

Den Kopf tief in den Nacken gelegt, steht eine Gruppe Spaziergänger­Innen, Hündeler und BikerInnen unweit vom Ausflüglerparkplatz Nordecke im Horgenberg auf einem Waldsträsschen und richtet den Blick gebannt zum Himmel: Dort oben, gut 30 Meter über ihren Köpfen ist Rolf Schwarzenbach (54), Forstwart und Landwirt mit eigenen Christbaumkulturen, in schwindelerregender Mission unterwegs. Der Horgenbergler geht in seinem Revier auf vorweihnächtliche Mistelpirsch. Katzengewandt und mit zwei Kurzseilen, die er abwechselnd zu seiner Sicherung jeweils um den Baumstamm schlingt und dann mit einem Karabinerhaken an seinem Klettergstältli einklinkt, ist der Mann mit seiner zwischen den Zweigen immer mal wieder auftauchenden roten Jacke bis in den Wipfel einer rund 80-jährigen Weisstanne hochgekraxelt. Und offensichtlich nun dort im Mistelhimmel angekommen. «Phänomenal!», ruft der auf Baumpflege und heikle Fällungen spezialisierte Forstmann jetzt begeistert zum Waldboden runter, zückt die Handsäge und schwenkt eine erste Trophäe: ein Prachtsexemplar von einer Mistelstaude. Im luftigen Dachgarten des Baumriesen ist der Mistelsucher auf eine geradezu opulente Ansammlung der immergrünen Halbschmarotzerinnen mit ihren tiefgrünen, ledrigen Blättern und den leuchtend weissen Beeren gestossen. Nach gut einer Stunde hat Schwarzenbach ein paar Dutzend der stattlichen Mistelstauden geerntet und zu einem riesigen Bündel zusammengeschnürt. Dann schwebt er an einem langen Seil zusammen mit seiner Beute wieder zum Waldboden runter und legt die Büschel auf den bereitgestellten Transportwagen. Ihn fasziniere nicht nur der Anblick der Misteln in luftiger Höhe, sondern auch die «überwältigende Sicht übers Wipfelmeer», sagt er zu seinem ungewöhnlichen Hobby und kleinen Nebenverdienst. Ebenso wie seine Christbäume verkauft Schwarzenbach auch die Misteln direkt ab Hof. Misteln sind nicht nur ein beliebter Advents- und Weihnachtsschmuck. Die anthroposophische Komplementärmedizin etwa nutzt Mistelpräparate zur Krebstherapie. Der immergrünen Naturschönheit mit den dekorativen, aber giftigen Beeren werden auch magische Kräfte zugeschrieben. Und gemäss einem englischen Brauch bleiben Paare, die sich unter einem Mistelzweig küssen, für immer beisammen.

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