«Ich bin bis heute eine Überzeugte»

 

Wer heute reich an Jahren ist, blickt zurück auf ein ausgefülltes Arbeits- und Familienleben, auf politisches Engagement, auf interessante Begegnungen. Aus diesem Reservoir an spannenden Geschichten möchte die Redaktion schöpfen, und zwar im Rahmen einer lockeren Reihe von Porträts älterer Menschen: «Ein Blick zurück mit…» Dieses Mal mit: Charlotte Frey.

 

Aufgezeichnet von Tobias Urech

 

«Suchen Sie jemanden?» In ein SP-rotes Kleid gewandet steht die bald 99-jährige Charlotte «Lotti» Frey vor mir im Empfangsbereich des Altersheims Stampfenbach. «Ich muss zu Charlotte Frey» – «Das bin ich!», sagt sie. «Komm, wir gehen in mein Zimmer, dann siehst Du, wie schön man im Alter noch wohnen kann!» Kaum hat sie oben auf ihrem Zimmer in einem grossen Sessel Platz genommen, beginnt sie ohne Umschweife über ihr Leben zu erzählen.

Charlotte Frey ist am 8. Dezember 1917 in Burgdorf, Kanton Bern geboren. Dort wuchs sie als eines von fünf Kindern auf einem kleinen Bauernhof auf. Ihr Vater war allerdings kein Bauer, sondern Zugführer bei der damaligen Emmental-Burgdorf-Thun-Bahn, weswegen alle Kinder viel auf dem Hof arbeiten mussten. «Wir hatten kein Geld und mussten doch nicht hungern. Ich hatte eine schöne Jugend; es waren fröhliche Jahre – trotz der harten Arbeit.» Auf dem Hof hielten sie unter anderem Schweine, Schafe, Hühner und Bienen. Das Pflegen der Bienen hat ihr besonders gefallen. Eigentlich hätte sie auch nach der Hochzeit einen Bienenstock im Garten der Wohnbaugenossenschaft aufgestellt, wo sie mit ihrem Mann wohnte, doch: «Die Leute haben immer Angst vor Stichen. Dabei stechen Bienen nur, wenn sie sich bedroht fühlen.» Genau so wie Lotti selbst. Auch sie wehrte sich stets, wenn sie sich durch Unrecht bedroht sah. Doch dazu später.

Im letzten Schuljahr ist sie dann an einer Hirnhautentzündung erkrankt, die sie daran gehindert hat, ihren Traumberuf zu wählen – sie wäre gerne Köchin geworden. Doch wegen dem Dampf sei das nicht möglich gewesen. «In der Schule konnte ich nicht einmal mehr zwei und zwei zusammenzählen», so sehr habe die Hirnhautentzündung ihre geistigen Fähigkeiten gelähmt. Glücklicherweise erholte sich Lotti von ihrer Krankheit und sie entschied sich schliesslich dazu, Damenschneiderin zu werden. Und mit diesem Beruf sei sie sehr glücklich gewesen.

Nach Abschluss der Lehre in Burgdorf zog Lotti nach Bern und bekam dort eine Stelle im teuersten Atelier der Stadt. «Kein Kleid wurde dort unter dem Preis von tausend Franken verkauft. Das waren alles Wiener Modelle.» Zusammen mit acht anderen Schneiderinnen arbeitete sie für vierzig Rappen die Stunde. Das war viel zu wenig. Deswegen forderte Lotti mehr Lohn. Sie ging zum Chef und verlangte zwanzig Rappen mehr auf die Stunde, die sie und die anderen Angestellten auch tatsächlich bekamen. Doch wirklich gut leben konnte sie davon immer noch nicht. Kam hinzu, dass sie und die anderen Schneiderinnen täglich dreizehn Stunden arbeiten mussten, und das von Montag bis Samstag.

Eines Tages dann, als Lotti gerade ihren mitgebrachten Zmittag essen wollte – einen Apfel und ein Stück Brot –, entdeckte sie ein grosses Stück Fleisch im Abfalleimer, das wohl der Chef nicht fertig gegessen hatte. Es war noch warm.

Lotti war ausser sich. Schliesslich waren die Nahrungsmittel zu dieser Zeit wegen des Zweiten Weltkriegs rationiert. Während der Chef in Saus und Braus lebte, mussten die Angestellten hungern. Völlig aufgebracht ging Lotti zu den anderen Arbeiterinnen und beschloss mit ihnen, dass etwas geschehen musste. Nachdem sie als Sprecherin der anderen in den nächsten drei Monaten noch einmal bei zwei Gelegenheiten fünf Rappen mehr Lohn verlangt hatte, ihre Forderungen vom Chef allerdings ignoriert wurden, wandte sie sich an ihren Vater, der Mitglied der SP war. Er riet ihr, sie solle der Gewerkschaft schreiben.

Und so geschah endlich etwas. Die Schneiderinnen und der Chef mussten vors Einigungsamt, wo beschlossen wurde, dass den Angestellten tatsächlich mehr Lohn zustehe. Einiges mehr sogar. Der Stundenlohn wurde verdoppelt auf 1.20 Franken. Natürlich war die Freude gross unter den Schneiderinnen. Doch diese Freude währte nur kurz. Der Chef erpresste seine Angestellten: Sollten sie keine Verzichtserklärung auf die Lohnerhöhung unterschreiben, würde er ihnen kündigen. Das liess sich Lotti nicht gefallen. Sie ging. Und mit ihr die anderen acht Schneiderinnen.

Stolz erzählt sie, wie sie vier von ihren ehemaligen Kolleginnen eine neue Arbeitsstelle vermitteln konnte. Da sie nämlich schon acht Jahre auf ihrem Beruf gearbeitet hatte, erhielt sie viele Anfragen – trotz des fehlenden Arbeitszeugnisses. Die Anfragen leitete sie allesamt an ihre ehemaligen Kolleginnen weiter. Lotti selbst arbeitete später in einer Kleiderfabrik als Aufseherin von zwei Abteilungen. Auch dort setzte sie sich weiterhin gegen Ungerechtigkeiten ein.

1946 schliesslich heiratete Lotti. Ihren Mann hatte sie im Tessin, in Brissago kennengelernt, wo es ein Hotel für die Eisenbahnergewerkschaft und deren Familienangehörige gab. Ihr Mann war angehender Lokführer aus Zürich und auch der Grund, warum sie nach Zürich zog. An der Zeppelinstrasse standen nämlich günstige Genossenschaftswohnungen für EisenbahnerInnen zur Verfügung. Zwar zog Lotti zuerst ungern nach Zürich, doch sie habe sich schnell eingelebt, wusste zum Beispiel, dass man hier keinen «Anke» aufs Brot strich, sondern Butter, und heute kann sie sich nicht vorstellen, irgendwo anders zu leben.

Ihr Mann war auch der Grund, warum Lotti begann, sich in der SP zu engagieren. Er fand, sie müsse auch an die Versammlungen mitkommen. So kam es, dass sie jeweils Maibändel verkaufte und bei Abstimmungen die Stimmzettel auszählen ging. «Ich bin bis heute noch eine Überzeugte», betont Lotti. «Ich verpasse keine Abstimmung.»

Und genauso wie früher setzt sie sich gegen Ungerechtigkeiten ein. So war sie bis vor Kurzem noch Präsidentin des Heimrats und vertrat die BewohnerInnen des Altersheims gegenüber der Leitung. Oder sie verteidigte einmal eine Angestellte, die ein Kopftuch trug, vor den ablehnenden Kommentaren der anderen BewohnerInnen. «Es arbeiten hier Angestellte aus neun Nationen und verschiedensten Religionen. Wir sollten sie alle schätzen, denn sie arbeiten hart und machen ihre Sache recht. Es ist nicht selbstverständlich, dass sie sich um uns kümmern.»

Neben ihrem Engagement gönnt sich Lotti allerdings auch einmal etwas. So habe sie sich mit 95 Jahren einen grossen Traum verwirklicht: Sie ging Gleitschirmfliegen. Und bald soll es wieder so weit sein, erklärt sie stolz. Dann fliegt sie wieder über die Bergtäler und lässt die Ungerechtigkeiten des Alltags für einen kurzen Moment auf dem Boden der Realität zurück.

 

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