Gibt es «linke» Mittel gegen die Inflation?

Das Schreckgespenst der Inflation geht um: Was bedeutet das für unsere Wirtschaft? Michael Graff ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der ETH Zürich und leitet den Bereich Wirtschaftsprognosen an der Konjunkturforschungsstelle (KOF). Im schriftlich geführten Interview bringt er das Thema Inflation auf den Punkt. Die Fragen stellte Nicole Soland.

 

Die Inflation gilt mal als gut, mal als schlecht, sie hat folglich zwei Gesichter: Von was hängt es ab, ob sie das eine oder andere zeigt?

Michael Graff: Unter Inflation versteht man einen Anstieg der durchschnittlichen Konsumentenpreise, wobei die Preise der Güter und Dienstleistungen mit ihren typischen Verbrauchsmengen gewichtet werden. Die gemessene Inflation drückt also das aus, was der ‹typische› Haushalt erlebt. In der Regel steigen nun einige Preise stark, andere mässig oder gar nicht, und noch andere sinken gerade.

Im Augenblick beträgt die Inflation in der Schweiz nach letzten Angaben des Bundesamts für Statistik 2,5 Prozent (Preisniveauanstieg April 2022 gegenüber April 2021), für die Hauptgruppe Verkehr stiegen die Preise aber um ganze 10,0 Prozent, für Wohnen und die Energie um 4,1 Prozent, für die Nachrichtenübermittlung fielen sie dagegen um 0,1 Prozent, und für Nahrungsmittel gingen sie sogar um 0,3 Prozent zurück. Im Detail führt Heizöl mit 75,6 Prozent Preissteigerung die Liste an, gefolgt vom Luftverkehr (54,8 Prozent) und Gas (39,2 Prozent). Ganz unten stehen Beeren (-16,3 Prozent), Zitrusfrüchte (-15,0 Prozent) und die Abwassergebühren (-11,5 Prozent).

Wer nun einem überdurchschnittlichen Anteil stark steigender Preise ausgesetzt ist, erlebt mehr als die gemessene Inflation, andere Haushalte können in der gleichen Situation keine Inflation erfahren oder sich sogar über sinkende Preise der von ihnen konsumierten Güter und Dienstleistungen freuen. Gut oder schlecht ist sie also mal für die einen und mal für die anderen.

Eine soziale Schieflage folgt, wenn die Preise für das, was bei den Schlechtergestellten einen Grossteil der Ausgaben ausmacht, überdurchschnittlich ansteigen, was im Augenblick tendenziell der Fall ist. Wer aber weder fliegt noch Auto fährt, mit Solarpanels heizt und gern gut isst, kann sich dagegen gerade über sinkende Preise freuen.

 

Anders gefragt: Was genau ist gut an der Inflation, was schlecht, und was ist ihre Rolle im Gesamtsystem namens Wirtschaft?

Inflationsraten im niedrigen einstelligen Bereich werden allgemein als wünschenswert angesehen (in der Schweiz bis zu jährlich 2 Prozent), zum einen, weil man gern einen Sicherheitsabstand zu null sieht, von wo aus es schnell in eine Deflation kippen kann, aus der man schwer wieder herauskommt. Wenn alles billiger wird, ist es nämlich für die Einzelnen vernünftig, mit dem Kaufen abzuwarten, die Gesamtwirtschaft fällt dadurch aber in eine Abwärtsspirale. Umgekehrt ist es bei steigenden Preisen angezeigt, Käufe nicht zurückzustellen, wodurch die Wirtschaft stimuliert wird.

Hohe und dann auch zumeist stark variierende Inflationsraten haben dagegen im Ganzen negative Folgen. Zum einen versuchen alle, die überhaupt dazu in der Lage sind, sich mit der Flucht in Wertbeständiges vor dem Kaufkraftverlust zu schützen. Der Aufwand ist nicht unerheblich, und dass es gelingt, ist nicht sicher. Noch problematischer aber sind die Kaufkraftverluste von Löhnen, Transferleistungen und Renten. Wenn diese gar nicht, mit Verzug oder nur zum Teil an die Inflation angepasst werden, resultiert eine gesellschaftliche Umverteilung hin zu den Unternehmen und dem Immobilienbesitz, wo steigende Kosten zumeist direkt weitergegeben werden. Umverteilung gibt es zudem von Gläubigern zu Schuldnern, wenn der reale Wert bestehender Kredite dahinschmilzt.

 

Jüngst hiess es zuerst, es sei gut, dass die Inflation endlich etwas anziehe, dann hiess es alarmiert, jetzt sei sie in den USA schon bei über 8 und der EU bei über 7 Prozent, und kürzlich habe ich in der NZZ gelesen, es sei Wunschdenken gewesen, zu meinen, die Inflation sei bloss eine Folge des Krieges in der Ukraine und bald wieder weg: Sie werde uns noch mindestens fünf Jahre begleiten … Wie muss ich als Laiin das verstehen? Und wie wirkt es sich konkret auf mein Portemonnaie aus?

Seitdem die Zentralbanken nach der Finanzkrise 2007 und der folgenden Grossen Rezession die Geldmarktzinsen auf Rekordtiefstände gesenkt habe, vertritt die NZZ unermüdlich die monetaristische Auffassung, dass eine Politik des «billigen Geldes» unweigerlich in eine grosse Inflation führen müsse. Fast 15 Jahre passierte das Gegenteil, die Inflationsraten lagen praktisch überall unter den Komfortzonen der Zentralbanken, und phasenweise war sogar Deflation zu verzeichnen, was übrigens auch für die Schweiz gilt.

Das änderte sich erst, als nach den weltweiten und teils drastischen Beschränkungen im Verlauf der Pandemie und dann den Lockerungen die Wirtschaften rasant an Fahrt aufnahmen und das Angebot der Nachfrage nicht hinterherkam. Engpässe beim internationalen Gütertransport und unterbrochene Lieferketten verschärften die Knappheit noch dazu. Das war also eine klassische Überschussnachfrage, bei welcher der inflationäre Druck aufhört, sobald das Angebot wieder mit der Nachfrage Schritt hält. Ende Februar 2022 kamen dann noch die Preissteigerungen insbesondere für Öl und Gas infolge der Reaktionen auf die militärische Gewalt in der Ukraine hinzu. Diese dürften so lange für Probleme sorgen, bis in der Ukraine wieder die Waffen schweigen, auch wenn noch nicht absehbar ist, wann das sein könnte und welche Folgen für die Weltwirtschaft dauerhaft sein werden. Die Zentralbanken haben aber diese Probleme nicht verursacht und konnten sie auch nicht verhindern.

Dass wir jetzt dauerhaft mit höheren Inflationsraten rechnen müssen, folgt daraus nicht, eine Frage ist aber schon, wie stark sich die Notenbanken jetzt dagegen stemmen sollten. Auf Ihr Portemonnaie wirkt sich die Inflation gar nicht direkt aus, aber die Kaufkraft Ihres Bargelds und der sonstigen Geldguthaben sinkt, und zwar, wie oben erklärt, je mehr Ihr Konsum besonders teurer werdende Ausgaben verursacht, desto mehr. Bei einem Prozent Inflation halbiert sich die Kaufkraft des Geldes im Laufe von 70 Jahren, bei zwei Prozent dauert es immerhin noch 35 Jahre, bei sieben Prozent wie momentan in einigen Ländern nur noch zehn Jahre.

 

Wem nützt die Inflation am meisten, und wem schadet sie am meisten? Und warum?

Denjenigen, die bei ihren Einkünften keinen Teuerungsausgleich erhalten oder durchsetzen können, stehen auf der Verliererseite, ebenso die BesitzerInnen von Geldvermögen, das nicht mindestens Erträge in Höhe der Inflationsrate abwirft, also Bargeld und Guthaben auf Bankkonten und Sparbüchern.

In der Schweiz betrifft das auch bei der Pensionierung ausgezahlte Pensionskassenguthaben bzw. die daraus entrichteten Renten für die nicht ausgezahlten Guthaben. Das sind nominale Beträge ohne Inflationsschutz. Wie schnell die Kaufkraft von Geldvermögen sich selbst bei moderaten und ansonsten eher unproblematischen Inflationsraten verringert, habe ich ja schon oben vorgerechnet.

Beim Vergleich von AHV und Pensionskasse wird dieser Gesichtspunkt wohl häufig übersehen. Eine zum Zeitpunkt der Pensionierung ganz anständige Rente von der Pensionskasse kann bei normaler, noch mehr bei überdurchschnittlicher Restlebenszeit gravierend an realem Wert verlieren, und wenn man dem bei einem Kapitalbezug vorbeugen will, muss man das Guthaben riskant investieren, was die Möglichkeit hoher Verluste einschliesst. Immer gewinnen tut nur einer: der Anlageberater.

Die AHV wird dagegen im Umlageverfahren finanziert: Die aktuell Beschäftigten zahlen die aktuellen Renten mit ihren anteiligen Beiträgen am aktuellen Verdienst, und gemäss dem sogenannten Mischindex werden die AHV-Renten zur einen Hälfte um die Inflationsrate, zur anderen um das Lohnwachstum angepasst. Das erhält nicht nur die Kaufkraft, sondern lässt auch die ältere Generation vom Wachstum der Arbeitsproduktivität profitieren.

Schaden tut Inflation im Übrigen allen Gläubigern, die Zinssätze unterhalb der Inflationsrate vereinbart haben, vergleichbaren Schuldnern nützt sie. Wer eine Immobilie auf Kredit erworben und die niedrigen Hypothekarzinsen auf lange Zeit fest abgeschlossen hat, profitiert. Das gleich gilt für die Staatsschulden, die bei anziehender Inflation tragbarer werden, wenn sie, wie in der Schweiz zuletzt üblich, mit festen Zinsen und langen Laufzeiten aufgenommen wurden. Bei den in den letzten Jahren für Staatsanleihen üblichen Negativzinsen sprang für den Fiskus sogar ein Verdienst heraus, wenn Schulden aufgenommen wurden.

Der in der NZZ ständig geäusserte Missmut über die Geldpolitik der niedrigen Zinsen und neu die vermeintliche Inflationstoleranz der Zentralbanken inklusive SNB liegt wohl nicht zuletzt hieran: Bei höheren Zinssätzen und niedrigeren Inflationsraten werden staatliche Schulden schwerer tragbar und damit unattraktiver, und Staatsschulden sind in diesen Kreisen bekanntlich aller Laster Anfang.

 

In der Schweiz ist die Inflation bei zirka 2,5 Prozent, also einiges tiefer als in der EU: Warum ist das so? Was bedeutet es für unsere Wirtschaft?

Die Schweiz fügt sich seit Jahrzehnten auf folgende Weise in die europäische Finanzwirtschaft ein: Die Inflation ist hierzulande ein bis zwei Prozentpunkte niedriger, ebenso die Zinsen, und der Franken wertet

gegenüber dem Euro in ähnlicher Grössen­ordnung auf. Makroökonomisch ist das ein dynamisches Gleichgewicht, in dem real
alles beim Gleichen bleibt. Das erklärt aber nur einen Teil der aktuellen Inflationsdifferenz von rund fünf Prozentpunkten. Der Rest ist Glück, insbesondere die geringere Abhängigkeit von fossilen Brenn- und Treibstoffen. Für die Schweizer Wirtschaft und insbesondere für die SNB ist die Lage vorteilhafter als dort, wo die aktuell vergleichsweise hohen Inflationsraten auch die Inflationserwartungen in die Höhe treiben dürften, und dann ist es schwieriger, wieder in den normalen Bereich zurückzufinden, selbst wenn der ursprüngliche inflationäre Druck nachlässt.

 

Inflationsbekämpfung ist Aufgabe der Nationalbank – und von wem sonst noch? Wer sollte/muss jetzt etwas tun und was und warum das und nicht etwas anderes?

Ja, das ist Aufgabe der SNB und sonst von  niemandem. Das politische System trägt die Verantwortung dafür, gegebenenfalls die Folgen auszugleichen. Ansonsten ist es natürlich in einer inflationären Situation, bei der das Angebot die Nachfrage nicht bedienen kann, legitim zu fragen, ob man In­frastruktur- oder Aufrüstungsprogramme gerade jetzt lancieren sollte. Eine andere Frage betrifft die Lohnabschlüsse. NZZ und Wirtschaftsverbände werden sich absehbar beim erforderlichen Inflationsausgleich für die Löhne winden und eine Lohn-Preis-Spirale an die Wand malen, aber wenn ein Inflationsausgleich unterbleibt, bekommen wir eine Umverteilung von unten nach oben.

Ganz skeptisch bin ich bei einer bewusst inflationsgerechten Anpassung des individuellen Konsumverhaltens. Den Appell an verantwortungsvollen Konsum gibt es ja schon lange aus ökologischen Gründen und neu, um der russischen Wirtschaft zu schaden, aber hier wird meines Erachtens aus der «Eigenverantwortung» ein Fetisch gemacht. Wenn ich etwas «Böses» nicht kaufe und das viele machen, senkt das tendenziell den Preis für das Tabugut, und dann freuen sich andere, denen ethischer Konsum völlig egal ist. Hier sind politische und nicht individuelle Handlungen angezeigt.

 

Gibt es eigentlich «rechte» und «linke» Mittel gegen die Inflation? Worin bestehen sie, welche Vor- und Nachteile haben sie?

Wenn wir die herrschende wirtschaftswissenschaftliche Meinung als «rechts» klassifizieren, ist eine restriktive Geldpolitik das Mittel der Wahl, begleitet vielleicht noch von einer Entmachtung der Gewerkschaften. Das «schmutzige Geheimnis» bei E rsterem ist, dass restriktive Geldpolitik mit steigenden Zinsen die gesamtwirtschaftliche Nachfrage dämpfen und die Arbeitslosigkeit erhöhen soll, um den Preisdruck auf den Märkten für Güter und Dienstleistungen, aber auch auf dem Arbeitsmarkt zu reduzieren.

«Linke» Mittel kenne ich keine, ausser der Weltrevolution. Viele «linke» Regierungen setzen auf Preiskontrollen, aber das schafft Bürokratie sowie kreative und illegale Aktivitäten, sie zu umgehen, mit der Folge von Rationierungen, Schwarzmärkten und sich füllenden Gefängnissen. Am besten setzt man auf eine wirtschaftlich möglichst egalitäre Gesellschaft, dann sind auch die Kosten und Gewinne von Inflationen gleich verteilt.

 

Welche Mittel würden Sie anwenden, wenn Sie am Drücker wären, und wieso?

Wohl keine, aber mit Sicherheit weder Preiskontrollen noch steuerfinanzierte Verbilligungen einzelner Güter, wie momentan diskutiert oder in anderen Ländern schon eingeführt (zumeist für fossile Treibstoffe). Was momentan knapp und daher teuer ist, sollte ohnehin weniger gekauft werden, und da sollte man den Markt eher nicht aushebeln.

Der SNB höhere Zinsen zu verordnen, was die NZZ gern sähe, geht nicht wegen ihrer Unabhängigkeit, wäre aber auch nicht unbedingt angezeigt, wenn ich Königin der Schweiz wäre und das ignorieren könnte. Die Zinsschraube ist nämlich unwirksam bei importierter Inflation, und der momentane Preisdruck in der Schweiz ist vor allem auf steigende Importpreise zurückzuführen. Diese könnten neutralisiert werden, wenn man eine stärkere Aufwertung des Frankens zuliesse, als der SNB momentan anscheinend recht ist, womit sie die preisliche Wettbewerbsfähigkeit der Schweizer Exporteure unterstützt. Das wird hierzulande kaum hinterfragt, ist aber eine einseitige Politik pro Exportwirtschaft und contra Importeure, darunter massgeblich die Schweizer KonsumentInnen.

Im Übrigen: wenn schon nicht Weltrevolution, dann zumindest eine egalitärere Einkommens- und Vermögensverteilung sowie die Überführung der 2. Säule in die AHV, dann wären zukünftige Inflations- oder Deflationsphasen verteilungsneutraler als heute. Ein enormer Einmalgewinn für die Kaufkraft der Schweizer Portemonnaies wäre auch zu erreichen, wenn man den Heimatschutz für die Landwirtschaft aufgäbe: Die Ausgaben für Nahrungsmittel würden sich praktisch halbieren. Bei den Gesundheitsausgaben ist es noch extremer: Ohne Heimatschutz betrügen sie noch weniger als die Hälfte der heutigen. Wenn ich jetzt «am Drücker» wäre, würde ich aber vor allem auf eine deutlich stärkere Steuerprogression auf Einkommen und Vermögen zielen, wodurch auch viele Ungerechtigkeiten der momentan recht haushaltsspezifischen Inflation entschärft würden.

 

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