Reflektionsräume

Entlang von sechs Stationen führt Corsin Gaudenz sein Publikum in «Theater der Klient:innen» zu einer Hinterfragung von Arbeit.

 

Bildhaft gesprochen, ist «Theater der Klient:innen» ein virtuos über mehrere Banden erzieltes Goal. Sechs Personen – real und über Kopfhörer – erzählen, demons­trieren oder paraphrasieren ihre Tätigkeit respektive ihr Erleben als TeilnehmerInnen im sogenannten zweiten Arbeitsmarkt. Also institutionalisiert organisierte Beschäftigung. Die Fragen betreffen die Übereinstimmung von Wunsch und Wirklichkeit und stellen die Sinnhaftigkeit dergestalt infrage, dass zuletzt die eigene Festgefahrenheit in Bezug auf die Vermengung von Selbstwert und Werktätigkeit entblösst dasteht. Insofern erzeugt diese Bühnenarbeit eine recht direkte Rückbesinnung auf einhundertjährige ökonomische Utopien, deren Nichtrealisierung sich heute beispielsweise in der Care-Debatte widerspiegelt. Die Krux der Koppelung von Arbeit als Tätigkeit mit der direkt damit einhergehenden als zwingend erklärten Art von Entgelt. «Theater der Klient:innen» erschafft Möglichkeitsräume, wenn auch erst mal nur in Gedanken. An den Wänden prangen Fragen wie: «Wo sind deine Grenzen?», «Was sind deine Fähigkeiten?», «Was steht im Vordergrund: Der Prozess oder das Produkt?» Dazu ermöglichen sechs Personen (indirekte) Einblicke in ihr individuelles (Arbeits-)Leben respektive ihre Karrieren-Historie. Eine Viertelstunde erhält die Kleingruppe Publikum jeweils Zeit, sich auf das jeweilige Angebot einzulassen, das im exemplarischen Beispiel von Marja Lehtonen sehr einprägsam ausgeführt werden kann. Eine Wand mit gemalten Selbstportraits zeugen von einem grossen Fleiss. Ist das Beschäftigungstherapie oder Konzeptkunst? Und wer überhaupt verfügt über die Macht, diese Frage abschliessend zu definieren? In dieser Viertelstunde drapiert sie, Leiter auf, Leiter ab, ihre Werke nach einem nicht durchschaubaren Regelwerk immer neu um und schafft so für das Publikum die Atmosphäre, um sich der eigenen Haltung gegenüber der Kunst, der Arbeit, der Würde, des Hamsterrades und der eigenen Entfernung einer einst anvisierten Idealvorstellung des eigenen Lebens wieder gewahr zu werden. Es ist sehr wohl ein Kunststück, zum Denken eingeladen zu werden, das in der Folge die emotionale Klaviatur rauf- und runterspielt und die Zeit als tatsächlich völlig relativ erleben lässt. Die Aufforderung, das Jetzt bewusster wahrzunehmen, ohne dabei aufsässig belehrend oder besonders esoterisch zu werden, ist letztlich eine sinnliche Verführung.

 

«Theater der Klient:innen», bis 31.5., Fabriktheater, Zürich.

 

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