Generationenwechsel im A-Bulletin

Nach 44 Jahren und 877 A-Bulletin-Ausgaben verabschiedet sich das letzte Mitglied aus der A-Bulletin-Gründerzeit: Georg Pankow, er feiert dieses Jahr seinen achtzigsten Geburtstag! Während vier Jahrzehnten hat er – mit wechselnden TeampartnerInnen – dafür gesorgt, dass dieses Unikum in der schweizerischen Medienlandschaft regelmässig in den Briefkästen seiner heute 12 000 AbonnentInnen steckt. Zeit für einen Rückblick, für einen Ausblick – und Zeit, das Geheimnis um das titelgebende A zu lüften.

 

Hannes Lindenmeyer

 

An der Rolandstrasse Ecke Nietengasse liegt die Zentrale eines bis heute gesamtschweizerisch nicht unbedeutenden Netzwerks: das A-Bulletin. Mitgründer und seit Jahrzehnten Seele dieses ausseror­dentlichen und einmaligen Presseerzeugnisses waren Lisbeth Bieri und Georg Pankow. Vor mir liegt die Null-Nummer vom 9. März 1978; im Titel das bis heute gleich gebliebene Signet, ein Steuerrad mit acht Speichen, dazu die damalige Erklärung: A für Aufbau, Arbeit, Aktionen, Austausch, Atom, Aluminium, Adressen, Anzeigen. Absender: Das A-Haus an der Zürcher Forchstrasse, ein Abbruchhaus, im Keller die erste Aluminium-Sammelstelle von Zürich, im Parterre das A-Lädeli mit selbstgemachten Sachen von Frauen, im ersten Stock der A-Treff der ‹überparteilichen Bewegung gegen AKW (ÜBA-ZH)›.

 

Ein «Mitteilungsblatt» soll die Anti-AKW-Bewegung vernetzen

Nach der Begeisterung über die ‹saubere Atomenergie› der 1960-er-Jahre entstand bald eine kritische Gegenbewegung: Verschiedene Anti-Atom-Gruppierungen organisierten Demonstrationen und sammelten Unterschriften für die Atom-Schutz-Initiative. Höhepunkt: Die Besetzung des Baugeländes des geplanten AKW Kaiseraugst. Da diese Bewegung nur schlecht vernetzt gewesen war, kam Helia Blocher, eine Aktivistin jener Zeit, auf die Idee, die verschiedenen Gruppen sollten ein «Mitteilungsblatt» erhalten, in dem sie ihre Informationen, Standpunkte und Termine veröffentlichen. Ihr Vorbild: die ‹Tierwelt›. Zur Umsetzung dieses Projektes engagierte sie Lisbeth Bieri, die dann auch ihren Lebenspartner Georg Pankow mitbrachte. 

 

Eigentlich wollte Helia aber einen «Aufbau-Fonds zur Förderung Alternativer Projekte» gründen. Gemäss dessen Statuten sollte dieser die Gründung von Arbeitsgruppen unterstützen, die «autarke Siedlungen aufbauen», «Ausbildungen und Umschulungen zur Erlernung menschen- und umweltfreundlicher Berufe», biologischen Landbau, die Entwicklung sanfter Technologien, die Aufklärung über Atom- und Umweltschutz fördern. Das A-Bulletin war als eine ‹Arbeitsgruppe› unter einem geplanten grossen «Dachverband» vorgesehen. 

 

A steht für Alternativen – das A-Bulletin als analoge Plattform

1981, bei A-Bulletin Nummer 74, trennten sich aber die Wege von A-Bulletin und Aufbaufonds. Von nun an sind Lisbeth und Georg die Hauptverantwortlichen für das Bulletin. Ganz generell geht es ihnen um Alternativen: im Plural! Gewissermassen um eine Gegenthese zum damaligen konservativen Slogan Margaret Thatchers, «There is no alternative». Das Bulletin soll Menschen und Gruppierungen, die Alternativen zur Mainstream-Gesellschaft suchen und praktizieren, zusammenbringen.

 

Mit dieser Plattformidee dürfen sie als Pioniere der heutigen Social-Media-Welt gelten. Gemäss Definition geht es in den Social Media um das interaktive Teilen von Informationen, Ideen, Interessen, Meinungen, Angeboten und Nachfragen unter virtuellen Communities. Zwar ist das A-Bulletin ein reines Print-Organ, sonst aber stimmt diese Definition recht gut. Mit selber gestalteten «Mitteilungen» – Georg betont, dass es im A-Bulletin nicht um «Inserate» geht – teilen die tausenden Mit-Glieder (zum Abonnement gehört die Passivmitgliedschaft im Verein A-Bulletin) seit 44 Jahren untereinander ihre Angebote und Nachfragen in den verschiedensten Lebensbereichen: Wohnen, Arbeiten, Reisen, Wandern, Lernen, Meditieren, Musizieren, Gärtnern, z’Alp gehen, einander Dienstleistungen anbieten, PartnerInnen suchen. Die digitale Welt, so darf der langjährige Erfolg des A-Bulletins gedeutet werden, ist für die beteiligten Communities keine Konkurrenz. Im Gegensatz zu den meisten Printmedien liegt die Zahl der AbonnentInnen konstant auf hohem Niveau, die kontinuierliche Erneuerung des Abonnentenstamms zeugt von der Beliebtheit dieser Kommunikationsform. Die Menschen, die dank selber geschriebenen und gezeichneten «Mitteilungen» im A-Bulletin ihre WG-Mitbewohnerinnen oder ihren Alp-Partner, die Liebe des Lebens oder ein «Steihüsli im Tessin» gefunden haben, Jodeln, Waldbaden, Achtsamkeit oder Feuerlaufen gelernt haben, ihre jungen Büselis platzieren oder ihren Wechseljahre-Themen auf den Grund gehen konnten, gehen sicher in die Abertausende. Auch Vereine und Genossenschaften haben im A-Bulletin ihre ersten Mitglieder gefunden, vom Verein «Freunde der Aktion Tzigane» in der Nullnummer und der Genossenschaft Tigel bis zu verschiedenen Vereinen für solidarische Landwirtschaft.

 

Grüessli von Georg

Georg hat über alle diese Jahre die für die A-Bulletin-Community interessanten Themen ausgesucht und als Alleinredaktor bearbeitet. Ihm war immer wichtig, das Netzwerk A-Bulletin auch persönlich zu pflegen. Während Jahren versteckte er irgendwo zwischen den Mitteilungen handschriftlich persönliche «Grüessli». Langjährige Abonnent­Innen freuten sich immer auf diese Grües­sli, wie auf versteckte Ostereier. Georg kennt fast zu jeder Postleitzahl einen Namen, einen Verein, einen alternativen Betrieb, manchmal auch eine Geschichte. Lisbeth Bieri hat bis zu ihrem Tod 2016 dafür gesorgt, dass das A-Bulletin ‹funktionierte›: Mit der Mitgliederkartei, dem wichtigsten Kapital jedes Vereins, den Finanzen – und dem rechtzeitigen Beizug neuer Teammitglieder. Nach dem altersbedingten Rückzug von Georg sichert nun ein eingespieltes Team mit Ursula Borst in der Administration, Klaus Kläger als Gestalter und Daniel Hösli als Redaktor die Zukunft des A-Bulletins.

 

* Hannes Lindenmeyer ist im Vorstand des Vereins A-Bulletin.

 

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