Es lächelt die Einmütigkeit

Milo Raus «Wilhelm Tell» ist formal wie inhaltlich so klug gebaut, dass ihm der Zuspruch gewiss ist. Selbst dort, wo sich Widerspruch im Affekt bemerkbar macht, tendiert das innerliche Aber weniger zur Opposition als vielmehr zur Präzisierung. Was er damit herausschält: Der Mainstream scheint der Widerrede überdrüssig.

 

Entgegen aktueller Theatertendenzen weisen bei Milo Rau Titel und Inhalt nachvollziehbare Gemeinsamkeiten auf, die Schlaufen in Richtung typähnlicher Themenfelder sind organisch eingeflochten statt aufgesetzt, und die technische Verspieltheit nähert sich einer nicht mehr häufig zu beobachtenden Absicht zur Verführung des Pu­blikums. Eine atypisch gewordene Erfahrung, ein nachgerade sinnliches Erlebnis. Die inhaltliche Einmütigkeit, kondensiert in der Parole «alle unsere Anliegen sind wichtig», dürfte in einer idealen Welt nicht bloss wohlfeil beklatscht werden, sondern müsste an sich durch ihre bare Existenz eine Skepsis wecken. Ein einziger Stolperstein – die Scheinehe eines Sans-Papiers mit einer Schweizerin – stellt sich auf Nachfrage als allein dramaturgisch begründet heraus, was es erleichtert, die Frage, ob (Über-)Mut hier nicht vielleicht in Torheit gemündet haben könnte, wiederum getrost beiseite zu schieben. Durchatmen. Zufriedensein. Mit sich selbst.

 

Messe für Schafe

Die meta-kontextualisierte Abstraktion benötigt auf einer Bühne überhaupt nicht mehr verhandelt zu werden, sie steckt längst vollends verinnerlicht in der Auffassungsgabe des Theaterpublikums selbst. Subversiver ist in diesem Fall der Umkehrschluss der nachgerade religiös-sektenhaften Umgarnung, gestützt durch gezielte Einsprengsel von Beispielen von einfacher Bejahbarkeit, beinahe schon die Form einer Verheissung annehmend. Milo Rau und sein Dramaturg Bendix Fesefeldt verstehen es beängstigend durchtrieben, dem Volk das zu geben, was es sehen/hören will. Sie offerieren Zuspruch und Mitgefühl und begeistern mit Erleben und Kurzweil, bis die Regierten im Brot-und-Spiele-Angebot eine Errungenschaft erkennen und selbstständig mehr davon verlangen. Insofern trifft dieser «Wilhelm Tell» den Zeitgeist voll ins Schwarze. Der heldenhafte Tyrannenmord ist zurück auf der Ebene seiner sagenhaften Verklärbarkeit, worauf sich ein Nationalgefühl – o.k. Saalgefühl – standhaft berufen kann, um mit stolz geschwellter Brust eigentlich jedes erdenkliche Recht davon abzuleiten. Weil: Wer die hehre Absicht auf seiner/ihrer Seite weiss, kann nicht irren. Dass darüber das (Nach-)Denken in Verzug geraten könnte, wird lautstark mit Applaus verdrängt.

 

Neutralität

Milo Rau findet eine Vielzahl von formalen und inhaltlichen Entsprechungen, um anhand einiger konkreter Beispiele das hierzulande herrschende, letztlich paradoxe Grundgefühl gleichermassen bestätigend anzuspielen wie auch als kaum nachvollziehbar vorzuführen. Als Playback zur Filmtonspur, als filmisches Idyllenachspüren, als bildhafte Ensprechungen aus realen Erlebnissen, also als Beleg aus der Wirklichkeit, von der es auf der Pfauenbühne deren fünfzehn gibt. Das Lob und die Verteufelung desselben können auf dieselbe Münze passen. Der durch den Abend führende Song «I’m so tired of you, Switzerland», ist Seufzer, Anklage, Drohung, Sehnsucht und Koketterie zugleich. Die Neutralität ist eben eine Herausforderung. Mit der Definition aus dem Programmheft der Aufführung 1939 auf denselben Brettern, die die Welt bedeuten, beginnt der gesamte Abend. Gemeint ist eine Haltung. Zur Verteidigung der Freiheit. Einer Freiheit, die das Ensemble später in einer Lagerfeuerromantik mit «denn der Freie ahnt immer, dass er eigentlich unfrei ist» besingt. Die Blauhelmsoldatin verteidigt eine humanitäre Tradition im syrischen Kriegsgebiet, während dieselbe für eine Zwangsarbeiterin innerhalb der Landesgrenzen in ihrem Kindesalter nicht(s) galt. Eine Pflegefachperson beklagt die eigenen Arbeitsbedingungen, während ihr Gegenüber körperlich behinderte AkteurInnen aus einer gegenüberliegenden Perspektive in eine vergleichbare Kerbe der Unzufriedenheit schlagen, sich dennoch beide auf derselben Seite der Machtlosigkeit von Einzelmasken und/oder Minderprivilegierten wiederfinden. Das Stärkegefühl aus der Gruppe, die am selben Strang zieht – nicht unbedingt mit demselben Feindbild – als Schweizer Urmythos kommt in Milo Raus Tell-Version sonnenklar und emotionalisiert spürbar herüber, sodass die wohlfeile Saturiertheit im Publikum Urständ feiern kann. Der Revoluzzergedanke indes, Teil zwei des Mythos, wird in landestypisch sittsamer Manier höchstens aus der Distanz als theoretisch möglich, aber halt nur bedingt notwendig betrachtet. Was zu beweisen war…

 

«Wilhelm Tell», bis 28.5., Schauspielhaus, Zürich.

 

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