Tummelwiese der Eitelkeiten

1985 schrieb Neil Postman den Bestseller «Wir amüsieren uns zu Tode». Darin geisselt der Autor die zersetzende Wirkung des Fernsehens auf Politik und Gesellschaft. Das Buch ist Mitte der 1980er-Jahre entstanden, noch vor dem Internet, vor sozialen Medien. Sogar noch vor dem Kabelfernsehen. Also in der guten alten Zeit – sozusagen.  Als ich in den 1990er- Jahren Publizistikwissenschaften studierte, witzelte ich, dass Postman so was nur schreiben könne, weil er keine Ahnung vom realen Fernsehprogramm habe. «Wir langweilen uns zu Tode» wäre eher treffend. 

 

Der Rückblick auf vergangene dystopische Gesellschaftsanalysen hilft manchmal zur Relativierung der eigenen Reflexe. Der Untergang des Abendlands, der Sittenzerfall, die heutige Jugend – all diese Klagen sind wohl so alt wie die Menschheit selbst. Die Klage über die schädliche Wirkung von Medien wohl auch. Man muss sich also zuweilen selber fragen, ob man halt einfach ein alter Sack ist, der oder die sich nicht damit abfinden kann, dass die Welt sich ändert. Allerdings darf man auch nicht ins Gegenteil verfallen und vor lauter Euphorie über neue Technologien vergessen, dass es auch in der Geschichte immer wieder Beispiele von neuen Erfindungen gab, bei denen man die Gefahren unterschätzt hat. GLP-Nationalrat Jörg Mäder zog in einem Podcast einmal den Vergleich zum Viktorianischen Zeitalter, als die Radioaktivität entdeckt wurde. Sie wurde als Allheilmittel gepriesen und sogar der Zahnpasta beigemischt. Heute lachen wir darüber, aber vielleicht wird man dereinst auch über uns lachen, wie sorglos wir mit Daten, Fake-News, Sozialen Medien und Deep-Fakes umgehen. 

 

Kürzlich sah ich auf Netflix den Dokumentarfilm «Return to Space» über die Weltraumbemühungen von SpaceX, der Firma von Elon Musk. In diese Firma steckte der Unternehmer das Geld, das er mit dem Verkauf des Online-Bezahldienstes Paypal gemacht hat. Zu Beginn lief es nicht sonderlich gut. Denn Raumfahrt ist teuer und schwierig. Das war auch der Grund, warum der amerikanische Staat dafür nicht mehr die nötigen Mittel aufbringen wollte. Die Privaten sollen es richten. Dreimal missglückte bei SpaceX der Raketenstart. Beim vierten Mal glückte er. Und die NASA stieg ein.

 

Die Ökonomin Mariana Mazzucato veröffentlichte 2021 das Buch «Mission Economy. A Moonshot Guide to Changing Capitalism». Darin nahm sie die Mondmissionen der 1960er- Jahre als Ausgangspunkt für ein Plädoyer für richtige staatliche Innovationspolitik, die sich längerfristig und mutig an die Lösung der grossen Probleme der Gegenwart macht. «Moonshot» ist im Englischen nicht nur der Begriff für den Mondflug, sondern auch ein geflügeltes Wort für ein kühnes Vorhaben. SpaceX ist die Antithese zu Mazzucatos Buch. Denn der Staat hat hier aufgegeben, nach den Sternen zu greifen. Dieses Unterfangen überlässt man dem Wetteifern geltungssüchtiger Milliardäre. Musk hat nun den Kurznachrichtendienst Twitter für rund 44 Milliarden Dollar übernommen. Dabei gehe es ihm nicht ums Geld, sondern um die Meinungsfreiheit, sagt er. Das sei kein sonderlich guter Deal, heisst es jetzt in einigen Analysen. Musk ist zwar einer der reichsten Männer der Welt. Aber sein Vermögen von rund 200 Milliarden Dollar beruht auch auf der Bewertung seiner Aktien des Elektrofahrzeugherstellers Tesla. Das heisst, er kann die 44 Milliarden Dollar nicht einfach so aus der Portokasse finanzieren. Zum anderen ist Twitter eigentlich nicht sonderlich lukrativ. Im Gegensatz zu anderen sozialen Medien läuft hier das Werbegeschäft nicht. Doch die Geschichte von SpaceX zeigt, dass Musk das Risiko nicht scheut, viel Geld zu verlieren.  

 

Ob Twitter nun ein Impulskauf oder ein politisches Projekt oder einfach eine Geschäftsentscheidung war, ist also nicht ganz klar. Ebenso wenig wie die realen Folgen. Etliche TwitternutzerInnen,insbesondere von links, sorgen sich um die Zukunft der Plattform. Musks Plädoyer für Meinungsfreiheit lässt sie fürchten, dass Hassrede und Desinformation auf Twitter stark zunehmen werden. Auf der rechten Seite hingegen wird gejubelt. «Wir haben gewonnen», freut sich die Journalistin Anna Dobler, die wegen eines geschichtsblinden Tweets gefeuert wurde.   Welt-Reporterin Anna Schneider ist ebenso glücklich: «Der Meltdown der linken Aktivistenblase aufgrund Elon Musks Twitterübernahme ist das Schönste, das ich seit Langem gesehen habe. All die pseudoliberalen Neojakobiner, zur Kenntlichkeit entstellt.» Und auch deren Chef Ulf Poschardt hofft, dass jetzt endlich einer die «Diskursscharia von Woko Haram» aufbricht. Man fragt sich angesichts dieser Zeilen, ob es für Rechte noch andere Inhalte gibt, als den Linken oder Linksliberalen eins heimzuzahlen. «Own the libs» heisst das auf Englisch. Während beim amerikanischen Kulturkampf noch ein reales religiöses Fundament vorhanden ist, kann man in Europa mit dem Kampf gegen Abtreibungen oder gleichgeschlechtliche Ehen kaum punkten. Wo sich aber alle finden: Bei der Schadenfreude, wenn es darum geht, den Linken eins reinzubremsen.  

 

Ob sich Twitter gross verändern wird,, ist spekulativ. Und ob das überhaupt schlimm wäre – sowieso. Twitter ist seit je her nur das Tummelfeld einer kleinen Minderheit von JournalistInnen und PolitikerInnen, und der Schnittmenge daraus. Aber soziale Medien haben durchaus eine Wirkung auf die Demokratie. Und keine besonders positive, wie dies Jonathan Chait in einem grossen Essay in «The Atlantic» ausführt. Das Hauptproblem sei, dass die sozialen Medien zu einer Erosion von Vertrauen geführt hätten. In dem die Algorithmen so angepasst wurden, dass Emotionen belohnt werden. Studien zeigen, dass es einen Zusammenhang zwischen sozialen Medien und Vertrauensverlust gäbe. 

 

Für eine Demokratie ist das Vertrauen zentral. Dabei geht es nicht um einen blinden Glauben oder um ein unkritisches Verhältnis zu den Behörden. Sondern um ein Grund- und Urvertrauen, dass Institutionen funktionieren, dass man sich darauf verlassen kann. Der «Edelmann Trust Barometer», der weltweit Vertrauen in Institutionen misst, hat festgestellt, dass dieses Vertrauen in stabilen Autokratien wie China gross ist. In Demokratien aber massiv abgenommen hat. 

 

Um die Demokratie wieder zu stärken sei eine Regulierung von sozialen Medien wichtig, meint Chait. Das ist keine einfache Geschichte, weil die Meinungsfreiheit tatsächlich ein wichtiger Wert ist. Darum plädiert Chait dafür, die Regulierung so zu gestalten, dass nicht Moderation oder Ausschluss von Inhalten im Zentrum stehen, sondern die Anpassung von Mechanismen, die jetzt Polarisierung befördern. Und wer weiss, vielleicht werden die sozialen Medien auch tatsächlich amüsanter, wenn man sich weniger ärgern muss. 

 

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