Fünf Parteien im Abseits

Ich habe mich schon lange nicht mehr so geärgert wie über die Fraktionserklärung von SP, SVP, FDP, GLP und AL zu den Schulen, die Markus Späth (SP und ehemaliger Kantonsschullehrer) am Montag im Kantonsrat verlas: Weniger des Inhalts als des Tons wegen, mit dem Silvia Steiner als Bildungsdirektorin des Kantons Zürich und als Präsidentin der ErziehungsdirektorInnen die Leviten gelesen wurden. Ich werde mir Mühe geben, meine Ausführungen in einem anständigeren Ton zu verfassen, auch wenn es mir schwer fällt. Zunächst ein Kompliment an die EVP und die Grünen, die der Versuchung zur Schelte widerstanden, und durchaus eine Gratulation an die CVP, die ihre Regierungsrätin gut verteidigte.

 

Der Erklärung fehlt vor allem das Bewusstsein, dass sich sowohl die Erziehungsdirek­torInnen bei den Anordnungen zur Matura wie auch beim Hinauffahren der Schulen unter nur schlechten Möglichkeiten für eine entscheiden mussten und sie weder willens noch berechtigt waren, mittels Notrecht Kompetenzordnungen zu verändern. Die Schule ist in der Schweiz föderalistisch geordnet, und das bedeutet, dass verschiedene Kantone verschiedene Lösungen anordnen können, ohne dass sie deswegen etwas falsch oder ungehörig machen. Wem dies nicht passt, kann dies nach der Corona-Krise politisch zu ändern versuchen. Einfach der EDK, respektive den Erziehungsdirek­torInnen einen «überbordenden Eigensinn» vorzuwerfen, ist eine ziemliche Zumutung. Da fordern die gleichen PolitikerInnen, die den Regierungsrat des Kantons Zürich verdächtigen, via Notrecht seine Kompetenzen zu erweitern, gerade dazu auf, dies nun ihrerseits ohne Not zu begehen.

 

Wenn in der Schweiz jeder einzelne Kanton die Läden oder Restaurants unterschiedlich behandelt, fahren die ZürcherInnen nicht nur zum Wandern in den appenzellischen Alpstein, sondern auch zum Einkaufen, und streuen so das Virus. Bei der Schule fehlt dieser Effekt, und somit sind unterschiedliche Lösungen virologisch kein Problem. Und darum geht es derzeit bekanntlich.

Zur Erinnerung: Mit dem Lockdown soll die  Ansteckung durch das Coronavirus verhindert oder zumindest verlangsamt werden. Da die Ansteckung durch Tröpfchen erfolgt, bedeutet dies, Situationen, in denen mehrere Menschen längere Zeit relativ nahe zusammenstehen oder -sitzen, zu vermeiden; also Veranstaltungen, Versammlungen, Feste, Bars, Restaurants, Arbeit und Schule und vor allem der öffentliche Verkehr in vollen Zügen und Bussen. Das Schliessen der Schulen und vor allem der damit verbundene Heimunterricht durch die Eltern führte sicher wesentlich zu den leeren Zügen und damit zu einer Senkung der Ansteckungen.

 

Das Virus (darüber weiss man heute mehr als vor zwei Monaten) befällt die Altersgruppen unterschiedlich. Nach dem jetzigen Stand des Wissens der nationalen Task-Force (etwas Qualifizierteres gibt es in der Schweiz kaum) erkranken Kinder bis zehn Jahre seltener und harmloser, und vor allem sind sie keine Treiber der Epidemie. Das Virus überträgt sich mit grosser Wahrscheinlichkeit kaum oder selten von Kind zu Kind. Die Kinder werden von Erwachsenen angesteckt. Treiber sind Jugendliche und Erwachsene im Berufsalter, Hauptopfer Personen über 65 Jahre und Menschen mit Vorerkrankungen.

Die Schule besteht aus SchülerInnen, Lehrer­Innen, HortnerInnen und Eltern. Die Kinder zumindest in der Primarschule stecken sich gegenseitig kaum an, und ginge es nach ihnen, könnte man den  Unterricht recht pro­blemlos normal starten. Auf 100 SchülerInnen kommen in einem Schulhaus aber auch um die 30 Erwachsene und die Eltern, die sowohl zur Risikogruppe wie auch zu den Treibern (oder zu beidem) gehören. Die LehrerInnen und HortnerInnen können sich also in erster Linie gegenseitig anstecken. Das Gleiche gilt für die Eltern, zumal immer mehr Kinder in die Schule begleitet werden und dieser Besuch gerne noch mit einem Schwatz untereinander oder mit der Lehrperson verbunden sein kann. Hier einfach auf Normalzustand umzustellen, kann man mit guten Gründen als zu grosses Risiko einstufen.

 

Dazu kommen pädagogische Erwägungen und eine Empfehlung der Task-Force für einen Start in Halbklassen. So kann – dies behaupten zumindest teilweise die LehrerInnen (und sie spielen dabei schon eine Rolle) – der Lernzustand des einzelnen Kindes besser beurteilt werden. Mag sein: Nur, dass sich Kinder mit bildungsfernen Eltern schwer tun, galt schon lange vor Corona und hat sich in diesen sechs Wochen nicht so dramatisch zugespitzt, wie auch einige PolitikerInnen wie Petra Gössi entdeckt zu haben meinen. Dass die Tagesschulen etwa in der Stadt Zürich einiges für die Familien leisten und gegenüber den Horten eine Sparmassnahme darstellen, aber für die Förderung der Schwachen wenig leisten, vergessen auch linke BildungspolitikerInnen gerne.

Aber zurück zum beklagten Flickenteppich bei der Normalisierung: Die Situation im derzeit coronafreien Appenzell Innerrhoden, in der Waadt, in Zürich oder in Basel ist nicht dieselbe, und somit spricht nichts gegen leicht unterschiedliche Tempi oder Methoden beim Hochfahren der Schulen. Der Einwand wegen der fehlenden Betreuungsplätze und der Auswahl dieser durch die Schulleitung nach Systemrelevanz der Elternarbeit ist grundsätzlich berechtigt, aber vergisst, dass es in den letzten sechs Wochen schon so war. Warum das Gleiche, zahlenmässig deutlich verbessert, nun für wenige Zusatzwochen so dramatisch sein soll, verstehe ich nicht. Zumal es – obwohl sich die Behörden bei den Kitas und der Betreuung wahrlich nicht auszeichneten – bisher viel besser als erwartet funktionierte.

 

Man kann mit guten Gründen eine andere Lösung als die der Bildungsdirektion Zürich besser finden. Aber das ist kein Grund, ihre Lösung, die in Zusammenarbeit mit den doch nicht ganz unmassgebenden LehrerInnen erfolgte, nur noch als lebensfremd oder gar als eine Kapitulation vor dem Virus zu bezeichnen.

Als Kapitulation bezeichnen die fünf Parteien vor allem das Fallenlassen der Maturaprüfung und die Absicht, für die Maturaklassen im Juni keinen Präsenzunterricht mehr zu erteilen. Ich finde das so unverständlich, dass mir dazu fast nichts einfällt. Für die Betroffenen ist in dieser Situation nur eines relevant: Dass ihre Matura für das Studium zählt. Und ob es sich für eine Prüfung lohnt, die Virustreiber zu versammeln. Auch hier: Man kann das unterschiedlich einschätzen, aber dem ‹Gegner› sozusagen Feigheit vor dem Virus vorzuwerfen, ist einfach unanständig und fies.

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