Fast normal

Fast tönt es nach Normalität. Es wird gelockert! Essen in einer Beiz drin ist wieder möglich, studieren geht wieder vor Ort, man darf schwimmen im Hallenbad, wellnessen im Spa, mit viel mehr Menschen ins Kino, Feste feiern, die Sommerferien scheinen gerettet. Das ist mehr, als wir erwarten konnten, fast tönt es also nach Normalität, ein Ende ist plötzlich in Sicht, bis im August sollen sogar, vielleicht, wer weiss, alle Einschränkungen aufgehoben werden. 

 

Seit einem Jahr meine ich, dass das die Erlösung sein werde. So eine Nachricht. Ich schleppte mich nämlich mehr schlecht als recht durch diese Pandemie, das Homeoffice ist mir zuwider und ich sehne mich nach Händen, die ich drücken darf und Wangen, die ich so ganz nebenbei und selbstverständlich mit meiner berühre, wenn ich jemanden begrüsse, den ich ein wenig besser kenne. Nach Umarmungen und so Sachen halt. Und ich dachte, ich dachte wirklich, es würde alles in mir springen vor Freude, wenn das wieder in greifbare Nähe rückt, gar ein Datum in Aussicht gestellt wird. 

 

Aber jetzt geht es mir wie damals, als ich meine Zahnspange nach vielen Jahren endlich loswurde. Ich konnte den Termin beim Zahnarzt kaum erwarten, ich hatte üble Zeiten hinter mir, das Drama meiner Pubertät mit Zahnspange und Akne hätte nur noch durch eine Brille getoppt werden können, was mir aus wessen Güte auch immer dann doch erspart blieb. Auf jeden Fall fieberte ich auf diesen Moment hin, mich ohne Spange im Spiegel zu sehen, und dann passierte genau das, was heute passiert ist, nachdem der Bundesrat dieses Licht am Ende des Tunnels präsentierte: Irgendwie nichts, gepaart mit ein wenig Melancholie, eine Schwermütigkeit ergriff mich und auch die Erkenntnis, dass es damit gar nicht getan ist. Es lag ja alles gar nicht allein an der Zahnspange! Es lag ja alles gar nicht allein an der Pandemie. 

 

Die Zahnspange hatte mich nur begleitet auf dem Weg ins böse Erwachsenenleben, in dem Aussehen wichtig war, in dem man gehänselt werden konnte, ohne dass der Trost der Eltern etwas vom Schmerz gelindert hätte, in dem man alleine war mit der eigenen Unsicherheit und wusste, dass nie wieder etwas wie vorher sein würde. Die Zahnspange, was weiss ich, hatte den steinigen Weg vom Kind zur jungen Frau wohl nur beschleunigt oder einfach noch ein wenig schlimmer gemacht, aber es wäre auch ohne Drähte auf den Zähnen übel genug gewesen und so oder so passiert. Und nun erinnerte ich mich heute ausgerechnet an diese vermaledeite Zahnspange, weil das Gefühl eben genau das gleiche war, beklemmend wie damals, denn ich wusste nun definitiv, im Angesicht einer nahenden Normalität, dass der Mensch ist, wie er ist. Das wäre wohl sowieso passiert, die Erkenntnis, niemand wird netter, grosszügiger, empathischer durch eine Krise, wenn er es nicht vorher schon war. Aber genau das meinte ich eben. Aber es ist falsch. Kurzfristig können Menschen gut sein, wenn sie, gerührt ob sich selbst, mit Tränen in den Augen, klatschend auf dem Balkon stehen, aber eben, dann vergeht es wieder, so wie eine Sentimentalität, die man sich gönnt, wenn Weihnachten naht und der Spendenbrief dieses kranke Kind mit Schläuchen in der Nase im Arm der völlig erschöpften Mutter zeigt. Dann zahlt man ein, dann vergisst man wieder.

 

Die Spange ging weg, das Leben wurde nicht wie vorher, die Pandemie wird weggehen, und es wird keine neuen Mehrheiten geben, keinen Konsens darüber, dass die existenzielle Not so vieler, die Einsamkeit, die Armut, die ungleichen Startbedingungen gemeinsam behoben werden müssen. Das tönt dann doch wieder fast normal. 

 

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