Schön bös

Eva Roth entwirft mit «Falls China kommt» eine Parabel über freiwillige Unterordnung aus Furcht vor dem imaginär Schlimmsten.

 

Wenn niemand nichts Genaues weiss, alles Hörensagen aber nur fürchterlich klingt, erscheinen die Verlockungen der Vorhölle nachgerade paradiesisch. Familie Beispiel gibt alles auf und stellt die moralischen Fühler auf Verzückung ein, alles Künftige in Silicon City unter der Prämisse Glücksgriff anzusehen. Und siehe da, alles proper, wohlorganisiert, durchgetaktet und in sich stimmig. Der Jüngste wird entführt, doch der elterliche Schock verkehrt sich in Bewunderung, als sich die Möglichkeit eröffnet, dies in die Warte zu überführen, es wäre zu seinem Besten. Der Kinderort, so wird gesagt, trimmt die Kleinen auf Erfolg. Nur die Garantie darauf verlangt Vorschussvertrauen, aber weil hier auch alles andere so perfekt ist, gerät die elterliche Überwindung dafür zur Beiläufigkeit. Für alle ist gesorgt. Helen (Rula Badeen), Eric (Robert Barandowski) und ihr Teenager Tommy (Krishan Krone) erhalten je fixe (Arbeits-)Rollen zugewiesen und im örtlich gängigen Punkteprogramm einen ansehnlichen Anfangskredit, mit dem sich ausgiebig shoppen oder Fremdsprachenkenntnisse auf die humanoide Festplatte alias Hirn laden lässt. Es ist die jugendliche Neugier von Tommy, der auch mal nach links oder rechts schauen möchte, die sie alle in Misskredit bringt. Durch Sippenhaft ist auch das Kindswohl des abwesenden Kleinsten in Gefahr und damit fühlt sich das elterliche Verantwortungsgefühl dazu eingeladen, höchstselbst Druck auf Tommy aufzubauen, ihm Schuldgefühle zu implantieren und alle Verantwortung auf seinen Schultern abzuladen. Gegen Zweifel hilft das Erinnern an das potenziell drohende Elend, «falls China kommt». Jonas Darvas inszeniert in der ‹Stückbox›-Tradition zurückhaltend und lässt dem Text den Vorrang, derweil Jens Seiler Stimmungs-Lichteffekte findet. Die Themenfelder, auf die diese freiwillige Selbstbescheidung aus einem diffusen Angstgefühl heraus passen könnte, sind gross an der Zahl. froh.

 

«Falls China kommt», 20.5., sogar Theater, Zürich.

 

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