Egoistengejammer

Auch in der Ägäis ist jetzt Winter. Wie bei uns. Minustemperaturen und viel Schnee. Wart ihr auch schlitteln? Eine blöde Idee, muss ich im Nachhinein sagen, obwohl ich völlig im Rausch war ob dem Weiss, der Sonne, dem blauen Himmel. Ich hatte vergessen, dass es mir beim Schlitteln viel zu schnell viel zu schnell ist. Und es deshalb nicht unbedingt Sinn macht, sich eine Stunde schwitzend einen Berg hochzukämpfen, nur damit es dann runter noch anstrengender ist, weil man in voller Fahrt seine Füsse derart in den Schnee rammen muss, dass man noch bis im Frühsommer Muskelkater hat. Ich hatte das völlig vergessen, also dass Schlitteln ja gar nichts ist für mich, was mich total nervte. Gut, mich nervt ja gerade alles im Moment. Ich bin so hässig mit der Welt und auch mit mir, mit mir vor allem. 

 

Also zum Beispiel nervt, dass mich ganz ernsthaft die Tatsache umtreibt, dass meine Skiferien vermutlich nicht stattfinden. Wir hatten in Österreich gebucht, das geht ja nun nicht, weil die Hotels bis Ende Februar geschlossen bleiben müssen, und so haben wir sofort reagiert und wollen jetzt ins Engadin, und das ist, wenn es so weitergeht, sicher flächendeckend in Quarantäne bis zu den Sportferien. Ich werde also die Kinder nicht am Vormittag vollzählig in die Skischule verschieben, um im Spurt zurück ins Hotel und dort in die Wellnessabteilung zu hechten, aus der ich erst fünf Minuten vor Abholen der Kinder wieder raussprinte. Das ist ein verwöhntes Gejammer, oder? Corona-Egoismus heisst das, habe ich gelesen. Also dass man nach Schlupflöchern sucht, um Corona zu entwischen und dabei schon auch riskiert, das Virus zu holen, sich anzustecken und dann als symptomfreier Mastersuperspreader daheim alle anzustecken. 

 

Mein Skiferiengejammer nervt also, genau wie das jener, die sich darüber auslassen, dass die Schneeräumung jetzt so Riesenwälle zwischen Trottoir und Strasse hinterliess, Wälle, die man zugegebenermassen nur mit Bergschuhen überqueren kann, aber sicher nicht mit Kinderwagen oder gar im Rollstuhl oder wenn man älter als 35 ist. Und das alles für die Autos und zu Lasten aller anderen. Andere jammern, dass die Impfungen gegen dieses Scheissvirus nun nicht schon in Massen zur Verfügung stehen, sondern so tröpfliweise kommen und es sicher so ist, dass, bis wir dran sind, schon die nächste Mutation der Mutation durch ist und alles also nichts mehr bringt. Das nervt alles immens. Dieses Jammern. Egoistengejammer, wie meins wegen der Skiferien. 

 

Auch in der Ägäis ist es Winter. Diesen Satz las ich kürzlich in einem Gastbeitrag im ‹Tagesanzeiger› von Jean Ziegler und Ilias Panchard. Auch in der Ägäis ist es Winter und wenn man jetzt zufällig in einem Flüchtlingslager dort lebt, dann sind ausfallende Skiferien, Schneehaufen auf Gehwegen, die zwischen Häusern durchführen, in denen man hier so wohnt und das Impftempo in einem der Länder mit dem weltweit besten Gesundheitssystem eher kein Thema. Weil man sitzt da vermutlich in einem Sommerzelt, ohne Heizung, ohne fliessendes Wasser, man hat Krätze, die Kinder werden von Ratten gebissen und die Toilette teilt man sich mit 300 anderen Menschen, die in der gleichen Situation sind. 

 

Ich meine, das passiert jetzt. In diesem Moment. In diesem Moment, in dem ich diese Zeilen schreibe, in der Wärme, gerade einen Schluck von der Kurkuma Latte getrunken habe, während ich die Bio-Orange doch nicht essen will. Könnt ihr euch vorstellen, wie sehr ich mich nerve?

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