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Das international renommierte Dokumentarfilmfestival Nyon «Visions du Réel» wird dieses Jahr gestreamt. Kein Zukunftsmodell.

 

Von Suzanne Zahnd

 

Kaum eine Branche, die in diesen Tagen nicht versucht, irgend eine verquaste Simulation ihrer selbst in den virtuellen Raum zu stellen. Viele unken dabei, dass das ohnehin die Zukunft sei. Nicht so die Direktorin des Dokumentarfilmfestivals „Visions du Réel“, Emilie Bujès. Sie sagt es in einem srf-Radiointerview klar und deutlich: «Manchmal frage ich mich schon, ist es richtig oder ist es falsch? Ich werde mich so lange wie möglich verweigern, dass das nicht die Zukunft ist. Ich glaube, ein Festival ist ein Fest. Ein Festival ist ein Ort, wo man sich austauscht und schreit und lächelt und sich umarmt.»

 

Das online-Modell ist also alles andere als erwünscht für künftige Festivalausgaben. Aber, Kristallkugel beiseite, schauen wir auf die Gegenwart und damit auf das Experiment, das Bujès und ihr Team eben lanciert haben. Es ist ziemlich radikal, denn das Festival wird mehr oder weniger 1:1 nachgestellt im Internet. Bujès: «Nach wochenlangen Verhandlungen, um den Zuschlag für die Filme zu erhalten, und einem freundschaftlichen Ringen zwischen den Festivals, überwiegt die Solidarität, der Wunsch, sich zu vereinen und zu bekräftigen, dass wir gemeinsam bestehen werden, mit der festen Überzeugung, dass die Produktion und die Verteidigung des künstlerischen Schaffens und des Kinos wesentlich sind, auch und ganz besonders in Zeiten wie diesen.»

 

Heuer kommt also nicht das Publikum zum Festival, sondern das Festival zum Publikum. Angefangen bei der Festivaleröffnung vom 16. April und dem Eröffnungsfilm «Reunited» der dänischen Regisseurin Mira Jargil. Sie begleitete für ihren Film ein syrisches Ärzte-Ehepaar, das mit seinen zwei Kindern geflüchtet ist auf dem steinigen Weg zur Wiedervereinigung, nachdem sie dank einer undurchsichtigen Bürokratie über die Welt verstreut wurden: der Vater wird nach Kanada geschickt. Die Mutter kämpft von Dänemark aus jahrelang dafür, dass die Familie wieder zusammenkommen kann, denn nicht nur ihr Mann ist fern, sondern auch ihre Kinder wurden von ihr getrennt und stecken in der Türkei fest. «Reunited» ist ab dem 25. April auch dem Publikum online zugänglich.

 

Spotlicht auf Davos

Ebenso der Film «Davos» von Daniel Hoesl und Julia Niemann, der ebenfalls Weltpremiere feiert am Visions du Réel, der u.a. auch die Kehrseite der Schicksale der Geflüchteten zeigt, nämlich das World Economic Forum, wo sich alles, was Macht und Geld hat, seit Jahren trifft, um,  nach Eigendeklaration, eine «bessere Welt» zu befördern. Aber eigentliche Hauptdarstellerin ist Davos selber. Der Film hat einen fast schon irritierend neutralen Blick und enthebt sich jeglichen Kommentars. Es wird auch nie seitens der Filmcrew interveniert, interviewt oder in irgend einer Form manipuliert. Der Film ähnelt vielmehr einem Listentext im Theater. Gegensätzlichstes wird kommentarlos nebeneinandergestellt: Davos, der Kurort, Davos, das Zweitwohnsitzparadies, der Skiort, Heimat von Bergbäuerinnen und Bergbauern. Davos, wo Menschen auf der Flucht vorläufig gestrandet sind, hier in Gestalt von jungendlichen Männern vornehmlich aus Afghanistan. Davos, wo einst Kirchner wandelte und litt, aber auch Thomas Mann spazierte. Und mitten drin das World Economic Forum – mittlerweile ein sehr muskulöses ökonomisches Standbein eines guten Teils der 10’000 Bewohnerinnen von Davos. Wir sehen Frauen in Gummistiefeln, die tote Kälber mit Heu abreiben, in der Hoffnung, dass sich doch noch der Lebensodem regt. Daneben die Damen am WEF, fast durchgängig mit  blonden Mèches, betroffen in die Welt schauend, wenn es ums Elend der Geflüchteten geht. Wir sehen den Betreuer im Zentrum für unbegleitet geflüchtete Jugendliche, der sich beim gemeinsam verfassten Rap in den Vordergrund drängt. Den Kommunikationsverantwortlichen des WEF seine Hoffotografen briefen; sie möchten doch das Schöne fotografieren und bitte die nötige Distanz einhalten, weil schliesslich die very important persons «free walking around» seien hier in Davos. Donald Trump inklusive. Die Aneinanderreihung der gegensätzlichen Welten in Davos gerät zu einer etwas unterkühlten Realitätsschau, die dann plötzlich (eben wie der Listentext im Theater) ihren Sog entwickelt und zu einem Spiegel der Welt gerät. Mit unvorteilhafter Neonbeleuchtung. Eine Welt, in der eine Dame in leitender Funktion in einer der grössten Banken der Welt im Brustton der Überzeugung sagt, dass die Veränderung zu einer besseren Welt das eigentliche Ziel des Kapitalismus sei. Interessant, dass eben diese amerikanische Grossbank JP Morgan, ihr Arbeitgeber, nicht lange nach diesen Aufnahmen am letzten WEF 2019 unter Anklage steht, dass sie Kleinanleger im grossen Stil über den Tisch gezogen hat. Mittlerweile gibt es ein offizielles Gerichtsverfahren, auf der Anklagebank ist in diesem Zusammenhang u.a. auch die Crédit Suisse. Und niemand wundert sich. In diesem Sinne bezieht «Davos» seine Schärfe eben gerade aus der neutralen Betrachtungsweise. Eine Schärfe, die sich erst in der Reflexion des mündigen Zuschauers entwickelt und nicht vom Regie-Duo aufoktruiert und zu Tode erklärt wird.

 

Reichhaltiges Programm

Dies nur zwei Filme aus dem Programm des Festivals «Visions du Réel». Es lohnt sich auf jeden Fall, das Programm möglichst bald zu studieren und sich für die jeweils 500 Plätze pro Film anzumelden. Manche Filme sind schon jetzt ausverkauft. Es bleibt aber immer noch eine grosse Auswahl, denn das Angebot ist reichhaltig: 189 Dokumentarfilme aus aller Welt können auf der Internetplattform gratis gestreamt werden. Die Tickets sind gratis. Einfach Emailadresse angeben und schon ist man dabei. Immer vorausgesetzt, man gehört zu den ersten 500. Wer sich auf der Website nicht zurecht findet, braucht nicht zu verzweifeln. Bis zum 2. Mai gibt es eine Hotline, die weniger geübten Online-BesucherInnen unter die Arme greift.

Nicht nur die virutellen Säle sind «wie richtig». Auch die Wettbewerbe werden vollumfänglich ausgetragen, und die Jurys für die 130 Filme der offiziellen Selektionen werden online tagen und am 3. Mai wie gewohnt auch 2020 ihre Preise vergeben. Die Filme des nationalen Wettbewerbs werden jeweils für 24 Stunden auf der Plattform des Festivals angeboten. Ohne Zuschauerbegrenzung, aber nur für ZuschauerInnen aus der Schweiz.

Last but not least: Auch das Herzstück des Festivals, die beliebten Masterclasses, finden online und sogar interaktiv statt. Dieses Jahr werden sie bestritten von der französischen Filmemacherin Claire Denis (29. April), Petra Costa aus Brasilien (30. April) und Canada-Schweizer Peter Mettler (1. Mai). Ganz ohne Zuschauerbegrenzung. Und natürlich sind auch die Filme der Masters im Programm.

Wer weiss, vielleicht wird diese Online-Ausgabe des «Visions du Réel» doch noch zukunftsträchtig, indem sie Menschen animiert, sich mal einzuloggen, die sonst gar nie auf die Idee gekommen wären, zu einem Dokumentarfilmfestival ins Welsche zu fahren. Und es vielleicht 2021 dann tun, in echt, mit schreien, lächeln und umarmen.

 

www.visionsdureel.ch

Hotline: +41 22365 44 55 täglich von 9 – 20 Uhr

 

 

 

 

 

 

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