«Die ‹Haupstadt› soll das Selbst­verständnis der Region verändern»

Mit über 1000 AbonnentInnen hat das neue Berner Medium «Hauptstadt» einen guten Auftakt im Crowdfunding hingelegt. Über was der «Neue Berner Journalismus» berichten wird, erläutert Mitgründer Joël Widmer im Gespräch mit Natali Abou Najem. 

 

Herr Widmer, die «Hauptstadt» wirbt mit dem Slogan «Neuer Berner Journalismus» – Was ist denn neu daran? 

Joël Widmer: In erster Line liegt die Neuerung in der Art, wie der Journalismus entsteht. Mit einem Crowdfunding sind wir bereits in der Entstehungsphase anders aufgestellt als andere Medien. Wir haben ein gemeinnütziges Geschäftsmodell ausgearbeitet. Unser Journalismus soll durch unsere LeserInnen finanziert werden. Wir sind werbefrei und machen keinen Klick-Journalismus. Zudem pflegen wir flache Hierarchien und profitieren von der Crowdintelligenz unserer Gruppe. Daraus wird dieser neue Journalismus entstehen.

 

Was verstehen Sie unter einem gemeinnützigen Geschäftsmodell? 

Dieses Geschäftsmodell bedeutet, dass man nicht für Profit, sondern für LeserInnen arbeitet und den Journalismus allen zugänglich macht. Bei uns fliesst jeder Leser­Innen-Franken in den Journalismus und kein Franken an AktionärInnen. ‹Hauptstadt› erfindet aber dieses Geschäftsmodell nicht neu, es gibt’s ja schon in Basel oder in Zürich. Wir wollen dies nun auch in Bern etablieren. Orientiert haben wir uns auch am erfolgreichen Finanzierungsmodell und Crowdfunding der ‹Republik›. Sie haben eine Million Überschuss erwirtschaftet und das rein durch die Finanzierung durch LeserInnen. Sie erhalten auch keine Medienförderungen, anders als die grossen Medienkonzerne. 

 

Stichwort Medienförderung – von welchen Geldern wird die Hauptstadt finanziert? 

Wir streben einen rein von LeserInnen finanzierten Journalismus an und wollen so eine möglichst grosse Unabhängigkeit erreichen. Für den Unternehmensaufbau stehen wir aber auch im Gespräch mit verschiedenen Stiftungen und der Burgergemeinde für eine Anschubsfinanzierung. Je einen Beitrag für das Crowdfunding haben wir bereits von der Basler Stiftung für Medienvielfalt und einer Berner Stiftung erhalten. Die Bindung zu den LeserInnen ist uns jedoch am wichtigsten – das versuchen wir durch das Crowdfunding zu erreichen. Wir verstehen das Crowdfunding zudem als Markttest: Hey, wir bieten euch einen neuen lokalen Onlinejournalismus an, wollt ihr das? In nur eine Woche haben wir schon über 1900 LeserInnen davon überzeugt. Das ist ein schöner Erfolg! Hätten wir weniger also 1000 Menschen mit unserem Angebot erreicht, hätten wir auch die Zelte abgebrochen. Das Ziel ist es ja, dass LeserInnen in uns investieren und wir ihnen etwas anbieten, was sie auch wirklich lesen wollen. 

 

Sie haben flache Hierarchien erwähnt. Wie sieht dann der Businessplan konkret aus?

Wir wollen im ersten Quartal im nächsten Jahr ein Online-Portal für den Grossraum Bern bereitstellen und uns langfristig mit etwa 4000 AbonnentInnen selbstfinanzieren. Je nach Abstimmungsergebnis kommen noch die Gelder der geplanten Medienförderung hinzu. Der Businessplan sieht vor, dass wir beim Start etwa fünf Vollzeitstellen besetzen können, wobei eine Stelle für Marketing und Geschäftsführung eingeplant ist. Die vier restlichen Stellen sind für journalistische Inhalte vorgesehen. Das Ziel ist eine kleine, aber professionelle Redaktion. 

 

Sie haben die Republik für ihre Unabhängigkeit und Strategie gelobt. An welchen Strategien orientieren Sie sich sonst noch?

Wir stehen schon jetzt in Kontakt mit anderen unabhängigen Medien und streben Kooperationen an. So hat uns unter anderem Simon Jacoby von ‹Tsüri.ch› in der Konzeptphase schon mit Inputs und Erfahrungsaustausch weitergeholfen. Sie setzen den Schwerpunkt auf den Austausch mit den LeserInnen und organisieren dazu auch Veranstaltungen. Dies werden auch wir in Betracht ziehen, wenn wir dann effektiv im ersten Quartal im nächsten Jahr starten. Jetzt während des Crowdfundings betreiben wir in der Berner Münstergasse bereits ein Pop-up-Café, damit wir in der Stadt auch physisch präsent sind. 

 

Ein Pop-up-Café? 

Wir wollen damit eine Art Hauptquartier haben. Es war schlussendlich ein Zufall, dass wir das koreanische Kultrestaurant Chun Hee in der Altstadt zwischenmieten konnten. Die Räumlichkeiten können zum Coworking genutzt werden, oder einfach nur zum gemütlich einen Café zu trinken. Ab 13 Uhr haben wir geöffnet: Dann kann man Flyer holen, vor Ort den Liveticker mit den bereits gekauften Abonnementen verfolgen und gegen Abend dann bei den verschiedenen Veranstaltungen dabei sein oder Feierabend-Gespräche mit uns führen. Wir freuen uns auf Inputs zu konkreten Artikeln bis hin zu geschäftlichem Ratschlägen. 

 

Welche konkreten Inputs haben Sie bereits erhalten?

Von älteren Semestern kommt öfters der Wunsch, die ‹Hauptstadt› als Print-Produkt anzubieten. Dieser Erwartung können wir jedoch nicht gerecht werden, da es rein finanziell für uns nicht möglich sein wird. Aber wir sind sehr offen für weitere Ideen und Erwartungen an uns, damit wir das auch im Laborgedanken im ersten Jahr umsetzen können.

 

Welche Zielgruppe haben Sie definiert und wen wollen Sie mit dem Crowdfunding ansprechen? 

Wir betreiben das Crowdfunding sehr breit und haben lange über mögliche Zielgruppen diskutiert. Die Eingrenzung fällt schwer, da es nicht vom Alter abhängt, sondern von der Bereitschaft, ein Abonnement von 120 Franken zu zahlen. Anders formuliert, ist unsere Zielgruppe: kaufkräftige urbane Menschen in Bern, die sich für publizistische Inhalte interessieren. Auch Junge sollen durch unser Online-Angebot Lokaljournalismus konsumieren können. Gleich nach dem Start des Crowdfundings hat sich spontan ein Kontakt mit einer journalistischen Klasse der Hochschule der Künste Bern ergeben. Bei einem Brainstorming-Anlass haben wir uns gemeinsam überlegt, wie diese Zielgruppe zu erreichen wäre. Die Lösung ist wohl: Man muss Journalismus dort publizieren, wo die Leute sind. Junge Menschen lassen sich auf Instagram beispielsweise gut erreichen. Und genau das versuchen wir jetzt auch mit einzubeziehen in unser Labor für Lokaljournalismus. 

 

Was versteht sich unter einem Labor für Lokaljournalismus? 

Wir haben kein Millionenbudget und es ist alles noch am Entstehen. Wir passen uns den Bedürfnissen und der Nachfrage laufend an. Es ist einerseits ein Test, ob die Menschen überhaupt an Lokaljournalismus interessiert sind – eine Frage, die unser gut laufendes Crowdfunding schon ein stückweit beantwortet hat. Anderseits starten wir ein Experiment und fragen uns: Mit welchen Inhalten und in welcher Form sind die Menschen am besten zu erreichen? Ob es nur Text sein wird, oder auch Podcasts und Radio, wie wir auf Instagram oder via Newsletter die Inhalte verteilen werden, wird sich noch laufend zeigen.

 

Braucht es überhaupt noch mehr Lokaljournalismus in Bern?

Unbedingt – die Frage ist eher warum nicht? Es braucht doch auch lokale Medienvielfalt. Die ‹Berner Zeitung› und der ‹Bund› sprechen nach der Fusion nur noch mit einer Stimme. Dazu kommt die SRG mit dem Regionaljournal. Regionale Fernsehsender wie ‹TeleBärn› ergänzen das Angebot noch, doch dann hört es mit der professionellen Berichterstattung schnell auf. Wir erweitern mit der ‹Hauptstadt› das Angebot. Für die Demokratie braucht es nicht nur auf der nationalen Ebene Medienvielfalt, sondern auch lokal. Das ist wichtig. 

 

Auf was bezieht sich der Name Hauptstadt, welches Zeichen wollen Sie mit diesem ambitionierten Begriff abgeben? 

Hauptstadt ist ein starker Begriff – das stimmt. Wir wollen für die Hauptstadtregion schreiben und publizieren. Mit dem Namen wollen wir ein Zeichen für die Region Bern und Agglomeration setzen: ein Zeichen des Selbstbewusstseins. Der Begriff Bundesstadt hält die Region kleiner als sie ist – die ‹Hauptstadt› soll auch ein wenig das Selbstverständnis der Region verändern. Wir wollen professionellen und guten Journalismus machen, der nahe an den LeserInnen und konzernunabhängig ist – dieses Vorhaben ist ambitioniert. 

 

Mit welchen Inhalten dürfen LeserInnen rechnen, nachdem sie im Voraus bereits in ein Abonnement investiert haben? 

Wir wollen konstruktiven lösungsorientierten Journalismus anbieten, der den Grossraum Bern mitgestalten soll und nicht nur bewahrt. Unser Vorhaben bedeutet, dass wir in der Entwicklungsphase mit den LeserInnen im engen Kontakt stehen wollen, wie wir das bereits mit dem ‹Hauptstadt›-Café versuchen.Wir planen eine sehr sanfte Paywall. Grundsätzlich sollen die Inhalte für alle zugänglich sein: Die Artikel werden ab einem bestimmten Zeitpunkt frei zu lesen sein. Ganz sicher werden wir einen Newsletter anbieten, über den man auch ohne Abo Zugang zu den Inhalten hat, die wir publizieren. Unser Journalismus soll auch werbefrei bleiben. Aber in welchen Formaten und über welche weiteren Kanäle wir publizieren werden, wissen wir noch nicht. Das werden wir im Laborgedanken im stetigen Austausch mit unseren LeserInnen ausprobieren.

Kooperation gehört schon jetzt ein wenig zur DNA unseres Projektes. Egal ob es sich um eine Kooperation innerhalb des Grossraums Bern handelt mit anderen unabhängigen Medien. Oder eine grössere Reportage mit der ‹Bajour›, ‹Republik› oder auch ‹Tsüri.ch›. Jede Stadt ist anders, aber durch gemeinsames Kooperieren lassen sich Kräfte bündeln. Die Idee geht vom simplen Artikelaustausch bis zu gemeinsamer grosser Recherche.

 

Was passiert nach dem Crowdfunding? 

Vor einigen Tagen waren wir uns noch unsicher, ob wir überhaupt starten können. Doch das Bekenntnis von über 1900 künftigen LeserInnen ermöglicht es uns, weiter zu planen. Wir werden nach dem Crowdfunding unseren Businessplan überarbeiten und hoffen auf definitive Zusagen von Anschubsfinanzierungen. Wir planen einen Newsletter, der an Werktagen erscheinen wird. Der Laborgedanke sieht aber vor, dass wir uns abgesehen vom Newsletter davon zu lösen versuchen, täglich eine gewisse Anzahl Inhalte zu publizieren. Wir wollen keine Klicks verkaufen und auch keine Radiostruktur aufbauen, die stündlich ihre HörerInnen mit News abdecken. Dieses Laborvorhaben soll solche heute vorhandenen Strukturen bei Tageszeitungen und Radios aufbrechen und neu flexiblere Prozesse aufbauen. Das kann dazu führen, dass für gewisse Artikel länger recherchiert werden kann. Wir wollen qualitativ guten Journalismus machen und nicht nur Schlagzeilen produzieren.

 

Und ab wann können sich dann Ihre LeserInnen oder HörerInnen durch Ihr Angebot informieren?

Momentan sind wir mitten im Unternehmensaufbauprozess und mit Marketing beschäftigt. Schritt für Schritt bauen wir aber alles für den geplanten Start auf – das nötige Geld erhalten wir ja erst durch das Crowdfunding und von Stiftungen, da wir ja keine Mäzene im Hintergrund haben. Die Redaktion entsteht ab Dezember und im neuen Jahr, damit wir dann hoffentlich im März publizieren können!

 

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