Identität

Maike Lex setzt in ihrer Inszenierung von Daniela Janjics vielsprachig über­setztem Text auf intuitives Begreifen.

 

Ungarisch, Albanisch und Serbisch/Kroatisch (letztere sind eine Geschichte für sich) sind akustisch ausreichend gut unterscheidbar. Maike Lex und das vielsprachige, internationale Ensemble von «Das doppelte Leben» schaffen es allein mit den Mitteln des Schauspiels, die inhaltliche Verständlichkeit trotz Sprachbarriere zu gewährleisten. Selbst nehmen sie die teils im Satz ändernde Sprache auf die Schippe, als die in die Vojvodina reisende Mila (Alabana Agais und Patricija Bronic) um Hilfe sehnend flüstert: «Do you speak english?» Die grossen Handlungsbögen werden im Kern immer wieder auf Deutsch zusammengefasst, sodass publikumsseitig nie das Gefühl eines Verlorenseins entsteht. Zumindest ist es nicht grösser, als das inhaltlich thematisierte.

 

Mila ist super in der Schweiz integriert, als ihr ein behördlicher Brief mitteilt, sie habe in Subotica an der serbisch-ungarischen Grenze ihre Erbschaft anzutreten. Eine Fotografie, die sie mit einer Doppelgängerin in Kinderjahren zeigt, steigert ihre vorübergehende Verwirrtheit um einen weiteren Dreh. Sie kann sich kaum an ihre Kindheit erinnern. Und als sie diese rekonstruiert, passt diese mit der heute erlebbaren Realität vor Ort überhaupt nicht zusammen. Was die Frage impliziert, wie sie überhaupt auf die Idee kommen konnte, dass allein sie sich fortentwickelt habe. Auf ihrer Busreise trifft sie auf Zirkusartisten mit umgekehrter Reiserichtung, aber ohne Geld und Schengenvisum, dafür einer unterschiedlichen Interpretation des Einflusses der Vergangenheit auf das Heute (Boris Kucov und David Bubos). Die Suche nach ihrem damaligen Ebenbild führt sie bis nach Pristina, wo eine Verwechslung einen weiteren Dreh alias zusätzliche Facette eines Ich-Seins reinbringt.

Das Stück ist eine grundsätzliche Selbstbefragung, kombiniert mit der Infragestellung eines Zusammenhangs von Identität und Nationalgefühl und trotz der Komplexität intuitiv komplett fassbar.

 

«Das doppelte Leben», 22.10., Theater Winkelwiese, ZH.

 

Spenden

Dieser Artikel, die Honorare und Löhne unserer MitarbeiterInnen, unsere IT-Infrastruktur, Recherchen und andere Investitionen kosten viel Geld. Unterstützen Sie die Arbeit des P.S mit einem Abo oder einer Spende – bequem via Twint oder Kreditkarte. Jetzt spenden!

nach oben »»»