Demokratische Menschen

Ich weiss nicht so recht, ob es eher zu den Erfolgen oder zu den Nebenwirkungen unserer ausgeprägten Demokratie zu zählen ist, dass wir hierzulande zu allem eine Meinung haben. Haben wollen und müssen. Es ist mir jetzt einfach aufgefallen, dass auch ein Virus nicht davor geschützt ist, die Meinungen zu teilen. Ich hielt diesen Themenbereich bisher für ungeeignet, sich in pro und contra zu empören, aber ich habe mich getäuscht. Es gibt die Befürworter und die Gegner zu Corona. Die Hysteriker und die betont Gelassenen. 

 

Aktuell nerven mich besonders Letztere. Die, die Fotos ihrer Reise nach Norditalien posten: «Alles voll lässig hier, die Menschen sind ganz normal, Cafés geöffnet auf der Piazza». Oder Bilder von leeren Gestellen: «Irgendwelche Idioten haben die Desinfektionsmittel leergekauft, haha, Händewaschen genügt und ich, ich bin so cool, ich mache nicht mal das, soeben habe ich mich extra anhusten lassen». Es nervt mich, weil ich meine, dass ziemlich unbestritten ist, dass sich dieses Virus schnell verbreitet und wir gut daran tun, das nicht noch zu unterstützen. Es nervt mich, weil ich meine, dass es keine besonders überragende Intelligenz braucht um festzustellen, dass ich, sagen wir aus Mailand kommend und wer weiss, vielleicht angesteckt, auch symptomfrei jemand anderes anstecken könnte und das Ganze dann irgendwann bei einem Sitznachbar im Tram mit einer Immunschwäche oder einer Nachbarin mit einer Lungenkrankheit landet, für die die normale Grippe ebenso wenig lustig ist wie das Corona-Virus. Es nervt mich, weil es geht nicht um mich und dich, die wir nicht zu Risikogruppen gehören. Am Tag, an dem der Bundesrat Grossveranstaltungen mit über 1000 Menschen verboten hat, fand am Abend ein Konzert im Hallenstadion nicht statt. Das Fernsehen war vor Ort, sie hatten richtig spekuliert, dass diese Information nicht bei ganz allen angekommen ist. Ein Mann wurde interviewt, der sagte, das mit dem Virus habe ihn bis jetzt einfach nicht interessiert und er fände es sowieso übertrieben. Aber ab jetzt interessiere es ihn, weil ab jetzt sei er ja persönlich betroffen. 

 

Es offenbart, wie wir funktionieren. Erst wenn wir uns persönlich betroffen fühlen, interessiert es uns. Was mich verzweifeln lässt. Muss man uns alle einmal in ein überfülltes Boot setzen, mit dem wir übers Mittelmeer fahren müssen, um eine persönliche Betroffenheit mit Menschen herzustellen, die dort tagtäglich elendiglich ertrinken auf ihrer Flucht? Muss man uns allen einfach einmal spontan kündigen und 150 Absagebriefe schicken, um Mitgefühl mit Arbeitslosen zu erreichen? Eine Weile als Putzfrau arbeiten, um zu merken, dass dieser Lohn vielleicht ein wenig zu tief ist so fürs Auskommen? Oder sollten wir die Uninteressierten und Unbetroffenen schnell an die türkisch-syrische Grenze fliegen, am besten mit ihren kleinen Kindern, und mal schauen, wie lange es dauert, bis sie verzweifeln ob dieser Politik? 

Im Moment sind wir also nicht unbedingt aufgerufen, unsere Meinung zum Corona-Virus kund zu tun. Eher sollten wir dafür sorgen, dass wir nicht durch fahrlässiges Verhalten zu einer Verbreitung beitragen. Wir sollten uns aber dringend äussern zu jenen Ungerechtigkeiten, die uns – als DemokratInnen und Menschen – vielleicht nicht persönlich betreffen, aber mehr interessieren und empören sollten als alles andere. 

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