«Das Hochhaus ist nicht zum Verdichten gedacht»

Die Stadt Zürich aktualisiert zurzeit ihre Hochhausrichtlinien. Weshalb das nötig ist – und weshalb gerade jetzt –, erklärt die Direktorin des Amts für Städtebau, Katrin Gügler, im Gespräch mit Nicole Soland.

 

Sind Sie ein Fan von Hochhäusern?

Katrin Gügler: Was ist ein Fan? Ich umschreibe es mal so: Die Faszination für den Bautyp Hochhaus ist mir als Architektin natürlich nicht fremd. Doch das Hochhaus ist auch als Varianz spannend, als Ausdruck dessen, wie wir Städte und Häuser bauen können, als Bildnis des vertikalen Dorfes. In Honkong oder Singapur etwa gibt es Siedlungen, in denen mehrere Tausend Menschen wohnen, übereinandergestapelt gewissermassen. Das mag für unsere Verhältnisse unvorstellbar klingen, doch dort gehören solch neue Fragen des Zusammenlebens in der Vertikale dazu. Das Hochhaus verdeutlicht aber auch, was die Menschen dazu bewegt, in die Höhe zu bauen statt in die Breite: Es ist die phänomenale Aussicht, gepaart mit der ursprünglichen Sehnsucht nach Höhe, wie sie bereits die Bibel mit dem Turmbau zu Babel thematisiert.

 

Ohne Hochhäuser keine Stadt?

Hochhäuser zeigen uns auf, wie unterschiedlich wir Stadt bauen können und welche Auswirkungen es hat, ob wir uns für die Höhe entscheiden – oder fürs Wohnen mit Bodenbezug, für das, was der Gartenstadtbewegung zu Beginn des 20. Jahrhunderts vorschwebte und was heute wieder neue Bedeutung erlangt. Beim Wohnen mit Erdbezug ist letzteres, die Erde, zentral, beim Wohnen im Hochhaus die Luft und die Aussicht – und natürlich auch die Möglichkeit, auf die Stadt runter schauen zu können. Hätte ich einen Nachmittag lang Zeit, in einem Hochhaus aus dem Fenster blickend die Stadt zu entdecken, es würde mir garantiert nicht langweilig. Ich bin auch fasziniert von den technischen Möglichkeiten, davon, welch filigrane Türme sich aus harten Materialien wie Stahl und Glas konstruieren lassen.

 

Sie würden demnach gerne, sagen wir mal, in einer kleinen 2-Zimmer-Wohnung im 20. Stock in einem der Hardau-Türme leben?

Für meine Familie wäre das etwas eng (lacht), aber wenn ich allein wäre, warum nicht? Ich befürchte allerdings, das dürfte schwierig werden: Diese Wohnungen sind begehrt; es bewerben sich sehr viele Menschen, wenn eine ausgeschrieben ist. Reizen würde es mich aber auf jeden Fall. Vor allem die Aussicht stelle ich mir grandios vor: Ich lebe zurzeit erdgebunden, meine Aussicht ist mein Garten.

 

Die Stadt aktualisiert zurzeit ihre Hochhausrichtlinien. Wie geht sie dabei vor?

Wir haben uns für eine Testplanung entschieden, denn eine solche ist sehr gut geeignet für ein Aktualisierungsprojekt: Eine Testplanung lädt zu einem engen Austausch mit vielen Beteiligten ein und bringt unterschiedliche Lösungsansätze. Es arbeiten verschiedene Dienstabteilungen mit, aber auch externe ExpertInnen, und es gibt ein Begleitgremium, das den Blick von ausserhalb der Stadtverwaltung gewährleistet. Bei der Testplanung geht es zudem längst nicht nur um das Hochhaus als solches, sondern um einen breiten Themenmix – von der Ökologie über das Klima, die Lärmproblematik und die Grün- und Freiraumgestaltung bis hin zur Funktion der Erdgeschosse. Die Stadt tritt dabei in einen Dialog mit dem Kanton und verschiedenen Verbänden, und nach der ersten und der zweiten Phase des zweistufigen Verfahrens findet ein Echoraum mit VertreterInnen aus Politik und Bevölkerung statt. Damit wollen wir sicherstellen, dass wir einen Prozess durchführen, welcher der Dimension des Themas gerecht wird.

 

Weshalb werden die Hochhausrichtlinien gerade jetzt revidiert?

Sie stammen aus dem Jahr 2001, und unter Fachleuten ist man sich einig, dass solche Richtlinien zirka alle 15 bis 20 Jahre revidiert werden sollten. Es ist also einerseits Zeit, andererseits macht die Überprüfung auch in Abstimmung mit dem neuen kommunalen Richtplan Sinn. 

 

In der Ausschreibung zur Aktualisierung der Hochhausrichtlinien vom 10.5.19 heisst es allerdings auch: «Die bauliche Entwicklung seit 2001 zeigt, dass zwar die Mehrheit der realisierten Hochhäuser im Rahmen der Vorgaben der Hochhausgebiete entstanden sind, es aber dennoch Hochhäuser und Hochhausplanungen gibt, die den Hochhausgebieten und -richtlinien nicht entsprechen.» Was der Architekt Horst Eisterer im Interview im P.S. vom 21. Februar erklärte – in Zürich würden Hochhäuser dort gebaut, wo sich ein Grundstück und ein Investor fänden – ist demnach nicht ganz von der Hand zu weisen?

Ich bin mit Herrn Eisterer insofern einverstanden, als dass die Hochhausrichtlinien in der Vergangenheit tatsächlich manchmal zu wenig streng eingehalten wurden. Mit der Aktualisierung hatten wir denn auch keine Lockerung im Sinn, im Gegenteil: Die Richtlinien haben eine gewisse Schärfung nötig.

 

Inwiefern?

Hochhäuser müssen beispielsweise einen «ortsbaulichen Gewinn» bringen; so steht es im geltenden Planungs- und Baugesetz (PBG) des Kantons. Dort sind auch noch weitere Anforderungen ans Bauen von Hochhäusern formuliert, wie etwa jene, dass die Qualität dieser Bauten «besonders gut» sein muss und nicht bloss «genügend». Trotz dieser Vorgaben ist bislang allerdings an gewissen Stellen recht wenig passiert – der Tiger ist etwas zahnlos. Wir brauchen deshalb ein griffigeres Instrument.

 

Was verstehen Sie darunter?

Die Vorgaben müssten nicht nur besser eingehalten, sondern vor allem besser durchdacht werden. Grundsätzlich gilt: Je mehr man sich beim Bauen ausserhalb der Norm bewegt, desto besser muss eine Baute gestaltet sein. Niemand findet, alle Hochhäuser in Zürich stünden am völlig falschen Ort. Doch zurzeit ist der Bautyp Hochhaus im Trend, wir haben sehr viele Anfragen dazu, und umso wichtiger ist es, jetzt unser Instrumentarium zu überprüfen: Wo stehen wir? Wie viele Hochhäuser sind ausserhalb der in den Richtlinien bezeichneten Gebiete gebaut worden, und welchen Gewinn bringen sie? Dabei dürfen wir nicht vergessen, dass für alle Hochhäuser an solchen Orten ausserhalb der Hochhausgebiete stets eine Sondernutzungsplanung nötig ist, zum Beispiel ein Gestaltungsplan.

 

Wenn umgekehrt geltende Richtlinien zu wenig beachtet werden, macht das die Sache doch auch nicht besser.

Das sehe ich anders: Ein Gestaltungsplan ist ein Instrument, mit dem sich sowohl der Stadt- als auch der Gemeinderat befassen müssen. Damit ist grundsätzlich gewährleistet, dass an einem Hochhaus, das am «falschen» Ort entstehen soll, ein öffentliches Interesse gegeben ist. Der bauwillige Investor mit dem passenden Grundstück allein reicht also nicht aus. Ein Gestaltungsplan ist zudem kein Spaziergang: Bis er rechtskräftig verabschiedet ist, vergeht seine Zeit, und es steckt vor allem viel Arbeit dahinter. Denn wer immer gegenüber den geltenden Bauvorschriften etwas geändert haben will, muss seinen Wunsch im Falle eines Rekurses juristisch auch begründen können. Kurz: Kein Hochhaus wird leichtfertig am «falschen» Ort gebaut.

 

Zurück zu den Richtlinien: Was daran soll sonst noch «geschärft» werden?

Nehmen wir als Beispiel das direkte Umfeld eines Hochhauses: Hier reicht es nicht aus, bloss an den Schattenwurf zu denken. Wir müssen besser abwägen, wie die Erdgeschossnutzung aufzugleisen ist und was sie beinhalten sollte. 

 

In der Ausschreibung ist dazu nachzulesen, «dass die Erdgeschossnutzungen oft auf ein Minimum beschränkt bleiben, der öffentlich nutzbare Raum oft mehrheitlich der Erschliessung dient und wenig Nutzungen für die Quartierbevölkerung bietet». Wie liesse sich das ändern?

Das Erdgeschoss des Hochhauses repräsentiert gewissermassen dessen menschlichen Massstab: Es ist der Raum, in dem man sich bewegt. Was im Sockelgeschoss stattfindet, ist matchentscheidend dafür, ob man die direkte Umgebung als lebenswert wahrnimmt, als einen Ort, an dem man sich gerne aufhält. Dem Erdgeschoss und seiner Nutzung kommt entsprechend eine sehr grosse Bedeutung zu. Genauso wichtig ist aber auch die Gestaltung: Stimmen die Proportionen? Bleibt unser Blick beim Vorbeiflanieren an einem Vordach hängen oder an passenden Storen, oder haben wir einen blankpolierten Turm vor Augen? Je besser das Erdgeschoss ins Quartier passt und je präziser es das aufgreift, was den Menschen dort wichtig ist, desto besser passt auch das ganze Hochhaus in seine Umgebung. Das gilt es in den neuen Richtlinien besser zu verankern.

 

Mit einer guten Erdgeschossnutzung lässt sich somit der «falsche» Standort kompensieren?

Die Standortfrage ist immer wichtig: Auch innerhalb der als «Hochhausgebiet» bezeichneten Gegenden ist nicht jeder Ort, jede Ecke oder Strassenkreuzung gleich gut als Hochhausstandort geeignet. Die Planung eines Hochhauses ist stets ein mehrstufiger Prozess: Zuerst entscheidet das Baukollegium, ob der gewünschte Ort geeignet ist. Dann wird die zweite Bautiefe unter die Lupe genommen, sprich die nähere Umgebung. Danach folgt die Diskussion darüber, wie die Erdgeschosse bespielt werden sollten, und so weiter.

 

Der Kanton möchte in der Stadt Zürich weitere 80-100 000 EinwohnerInnen unterbringen, Verdichten ist angesagt. Doch im Gestaltungsplan zur Überbauung einer der letzten grossen städtischen Baulandreserven zwischen Thurgauer- und Grubenackerstrasse heisst es, dass die maximal zulässige Ausnützungsziffer gemäss Grundordnung zirka 241 Prozent entspricht und mit dem Gestaltungsplan auf zirka 267 Prozent erhöht wird. Die Siedlung Kalkbreite jedoch kommt ohne Turm auf eine Ausnützungsziffer von 282 Prozent: Weshalb braucht es an der Thurgauerstrasse unbedingt Hochhäuser?

Das Hochhaus ist gemäss PBG tatsächlich nicht zum Verdichten gedacht. Es lässt sich mit dem Hochhaus meist keine grössere Ausnützung erzielen als mit einer Arealüberbauung mit siebengeschossigen Gebäuden samt entsprechendem Ausnützungsbonus. Steht das Verdichten zuoberst auf der Prioritätenliste, ist die klassische Blockrandüberbauung tatsächlich ein sehr effizientes Instrument. Umgekehrt ist es trotzdem nur logisch, dass auf einer derart grossen Fläche mitten in bereits weitgehend überbautem Gebiet, wie wir es an der Thurgauerstrasse vorfinden, das Verdichten ein Gebot der Stunde ist. Aber es gilt auch hier wieder der Grundsatz, dass die Überbauung besonders gut in die Umgebung eingepasst werden muss.

 

Weshalb geht die Stadt dann nicht auf den Vorschlag des ehemaligen Berner Stadtplaners, Professor Jürg Sulzer, ein, der für die IG Grubenacker individuell gestaltete Einzelhäuser im Ensemble, die sogenannten Wohnhöfe Grubenacker, skizziert hat? Sie böten eine ähnlich hohe bauliche Dichte wie die Testplanung der Stadt, und die bestehende Siedlung Grubenacker werde «sorgfältig integriert», heisst es im Begleittext zur Skizze.

Dazu möchte ich vorausschicken, dass sich ein einfacher Entwurf mit einem ausgearbeiteten Gestaltungsplan nicht eins zu eins vergleichen lässt. Für mich steht aber fest, dass man, wollte man mit Jürg Sulzers Vorschlag der «Wohnhöfe Grubenacker» tatsächlich dieselbe Dichte erreichen wie mit unserem Gestaltungsplan, auf dem Areal bis zu zehngeschossige Häuser bräuchte. Das wären gemäss Definition Hochhäuser, und sie kämen teilweise auch direkt angrenzend an die Einfamilienhäuser entlang der Grubenackerstrasse zu stehen. Unser Projekt hingegen reagiert situativ, mit Hochhäusern entlang der Thurgauerstrasse und lediglich drei- bis fünfgeschossigen Gebäuden zur Grubenackerstrasse hin. Im Übrigen ist es ja nicht so, dass wir Jürg Sulzers Vorschlag keines Blickes würdigen: Das Thema der Durchwegung, das er aufgreift, haben wir bereits aufgenommen. Das Wichtigste beim Vergleich seines Vorschlags mit unserem Gestaltungsplan ist jedoch etwas Anderes.

 

Was denn?

Den Gestaltungsplan darf man sich nicht als eine Art Schablone oder Schnittmuster vorstellen, demgemäss später einmal Hochhäuser in Beton gegossen werden: Er stellt vielmehr die äussersten Grenzen dessen dar, was möglich ist. Oder anders gesagt: Was Sie als Visualisierung zum Gestaltungsplan anschauen können, ist so etwas wie ein sehr weit gestrickter Pulli. Dass ihn der gebaute Körper dereinst bis in den letzten Winkel prall ausfüllen wird, ist höchst unwahrscheinlich. Wir haben das vor nicht allzu langer Zeit beim Hochschulgebiet Zürich Zentrum gesehen: Aufgrund der Visualisierungen befürchteten viele AnwohnerInnen riesige Türme und Klötze – und waren bass erstaunt, als das effektive Bauprojekt vorgestellt wurde. Die zuvor teils harsche Kritik am Projekt verstummte innert kürzester Zeit.

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