CoroNarzissmus

Empörte, Rechtsextreme, Wirtschaftsvertreter und Verschwörungstheoretikerinnen protestieren gegen die «Diktatur» behördlicher Pandemie-Schutzkonzepte. Viele sind massnahmenmüde, und viele Junge foutieren sich sowieso. Was haben sie gemein? 

 

Eine ungeheure narzisstische Kränkung im Leben aller Menschen ist, dass ihr Dasein von grundlegender Hilflosigkeit geprägt ist: gegenüber der Natur, gegen Krankheit und Tod, aber auch gegenüber den Entbehrungen, die die Teilnahme an der Kultur erfordert. Nach Freud hat die Religion die Funktion, den Menschen mit dieser Kränkung zu versöhnen; sie ist eine Wunscherfüllungs­phantasie, die den Schutzbedürftigen den ersehnten allmächtigen Vater schenkt.

 

Auch im Stolz auf kulturelle Höchstleistungen (Nationalismus) wird die Kränkung abgewehrt, denn er ermöglicht allen die Identifikation mit der herrschenden Klasse. Freud hoffte (laut Wikipedia), durch die Stärkung des Intellekts eine Erziehung zur Realität zu bewirken, das Bewusstsein zu wecken, dass Ansprüche des erwachsenen Menschen an andere Personen, Institutionen oder höhere Mächte infantil, egoistisch und illusorisch seien, und stattdessen die Akzeptanz der Ohnmacht und Hilflosigkeit zu fördern. Dies ist trotz einem fulminanten Aufstieg der Wissenschaften nicht geschehen. Peter Samol hat (im ‹Widerspruch› 73) dargelegt, dass der Narzissmus heute die neue Gesellschaftsnorm bildet. Dessen aktueller Kränkung – durch die Krankheit, die Selbsteinschränkungen, das Angewiesensein auf andere und auf Lenkung von oben – wird mit Unverwundbarkeitsphan­tasien begegnet.

 

Mit der Demontage der einen Religion in der westlichen Welt ist (im Gegensatz zu Freuds Wunschvorstellung und nach Lacans Vorhersage) leider auch das allgemeinverbindliche Gesetz der kulturellen Ethik brüchig geworden. Ohne diesen ordnenden Pol zerfallen Bedeutungen in unverbindliche Wissens-Einheiten (statt der zehn Gebote gibt es Buchstabensuppe). Die monotheistische Religion wird durch Götzendienerei ersetzt – die Huldigung einer Vielzahl selbsternannter Führer mit ihrem Versprechen, in ihrer Nicht-Ethik sei die Kränkung durch die Unterordnung unter die Gesetze der Gemeinschaft obsolet. In ihrer besonderen Wahrheit (alternative Facts) ist es auch zwecklos, nach einer Ordnung, dem Sinn oder den Tatsachen hinter den angebotenen Deutungen zu suchen. In Verschwörungstheorien wird übermächtigen Führern die Potenz zugetraut, die Geschicke der Welt zu lenken. Im Umkehrschluss wird ein übermächtiger Führer herbeigesehnt, der die Geschicke der Welt lenken kann.

 

So nennen Corona-Leugner oder -Müde Schutzkonzepte totalitär und fordern zugleich von Obrigkeiten, die offen zugeben, ihre Massnahmen auf teilweisem Unwissen zu gründen, Allwissenheit. Man kann dies eher als Hysterie denn als Vertrauen in den demokratisch mitgestalteten Staat deuten. In ihrem besonderen Bewusstsein, das nicht auf Logik und Realismus angewiesen ist, ruft die Hysterie eine höhere Instanz an, die für ihre absurden Symptome verantwortlich sein und sie davon erlösen soll. Ihr Kampf hält die Illusion von der Existenz dieser höheren Instanz aufrecht, auch wenn letztere typischerweise beim Auftreten der Hysterie im Verschwinden begriffen ist. Das verheisst für die Demokratie nichts Gutes.

 

Wir leben trotzdem nicht in einer Diktatur. Lasst uns abstimmen, protestieren, Unterschriften sammeln, zivilen Ungehorsam üben – und die Schutzmassnahmen verantwortungsvoll mittragen. 

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