Alles in Butter, Mutter?

Die Schuld am Frausein ist gewachsen. Schuld an der Schuld ist die neoliberale Marktgesellschaft, die Frauen zum Glücklichsein verpflichtet.

 

Woran krankt eigentlich der Feminismus? Oberflächlich gesehen sind sich die Frauen offenbar nicht einig, ob die Gleichberechtigung erreicht ist oder nicht; gräbt man tiefer, steht sogar in Frage, ob es Frauen überhaupt noch gibt. Eigenschaften, die zur Emanzipation besonders quer stehen, sind scheinbar die Mütterlichkeit und allgemein die Abhängigkeit in familiären Beziehungen.

Aber auch heute noch ist die menschliche Zuwendung, das Beziehungshafte an sich, kulturell bei der Frau und Mutter festgeschrieben. Können wir auf solche Abhängigkeiten in unserer neoliberalen und ‹durchgegenderten› Gesellschaft verzichten?

 

Stillen und das Beziehungshafte

Wir alle sind über die reine Versorgung hinaus von anderen abhängig. In der Bezogenheit formt sich unser Ich. Nehmen wir das Stillen: Dabei erfährt das Kind durch die Deutung der Mutter erst, was sein Verlangen war – nach Wärme, Zuspruch, Nahrung, oder Dialog – und es lernt, dass es auch für die Mutter wichtig ist, weil sie ihm solche Bedeutung schenkt. Aus dieser körperlichen, beziehungshaften und symbolischen Hingabe konnte mit der Erfindung von industrieller Säuglingsmilch (durch die Schweizer Firma Nestlé, die heuer ihr 150-jähriges Bestehen feiert) etwas herausgelöst werden.

Es kann nun ‹verbessert› und mit Fachwissen ‹aufgewertet› von der Mutter losgelöst verabreicht werden. Theoretisch könnte man Säuglinge nun maschinell stillen. Das Beziehungshafte scheint obsolet, die Abhängigkeit überwunden. Praktisch stellt meist ein Mensch mit dem Fläschchen die Beziehung wieder her; jedoch anders als zuvor: Die zersetzte Abhängigkeitsbeziehung wurde in eine Schnittstelle zur Mehrwertproduktion verwandelt.

Ohne dass Mütter direkt gemolken würden, wirft das neue Stillen genug Kapital ab, um einen globalen Konzern zu alimentieren. Ferner wurde es zur Lifestyle-Frage, deren Beantwortung nach Ratgebern ruft, was neuen Mehrwert generiert. Und die Mütter haben die ‹Freiheit› gewonnen, wie die Väter als familiär Abwesende ihr Können ins kapitalistische System einzuspeisen. Win-Win-Win also?

 

Werden Frauen vom Pflegeroboter abgelöst?

Nicht ganz. Denn die Mütter hinterlassen Pflege- und Betreuungsbedarf, der wiederum, aufgrund ihrer ‹sozialen Ader›, von Frauen gedeckt wird. Dabei sind Frauen mit neuen Unterwerfungen konfrontiert. Das Beziehungshafte wird auch am Arbeitsplatz atomisiert und nach industriellen Qualitätskriterien in profitable Bahnen gelenkt.

Die Hoffnung der Frauen, dass sie diesen Berufen eine der weiblichen Rolle entnommene Professionalität aufprägen könnten – etwa einen ethischen Standard der ganzheitlichen Pflegebeziehung – wurde bitter enttäuscht. Sie müssen akzeptieren, dass ihr Können mit Experten- und Technokratenwissen zur Warenförmigkeit zersetzt wird (Stichwort: Pflegeroboter). Beziehungshafte Arbeit an sich scheint wertlos. Die elementare Abhängigkeit, die Frauen in diesen Tätigkeiten nach wie vor erleben, wird nicht mehr als menschliche Grundtatsache angesehen, deren Schattenseiten besser auf beide Geschlechter verteilt werden sollten. Sondern sie wird einem weiblichen Verschulden, dem Festhalten am Allzuweiblichen, Häuslichen, Mütterlichen angelastet.

 

Zum Glücklichsein verpflichtet

Seit der Feminismus fast gänzlich in der Genderdebatte abgehandelt wird, ist diese ‹Schuld am Frausein› eher noch gewachsen, da die Geschlechterrolle – als Resultat geschickt gewählter Identitätsbausteine – selbstauferlegt scheint. Mit der bedingungslosen Unabhängigkeit und der Wunschidentität zu idealen Teilnehmerinnen der neoliberalen Marktgesellschaft geworden, sind Frauen nun zum Glücklichsein verpflichtet. Ihre verzettelten Identitäten verunmöglichen gleichzeitig jede kollektive Betroffenheit und bringen die Frau als Subjekt politischen Widerstands zum Verschwinden.

Paradoxerweise ist sie aber doch für das Scheitern der Emanzipation verantwortlich. Nicht zuletzt verschleiert die neoliberale Welt mit ihrer Ungebundenheit, ihrem wertneutralen Experten-Wissen, ihren (angeblich) rein technischen Sachzwängen und ihren freien Kaufentscheiden, dass wir in einer neopatriarchalen Gesellschaft leben, die Frauen weiterhin strukturell benachteiligt. Das erschwert es uns, feministische Forderungen aufzustellen – etwa nach einem Lohn für Hausarbeit, nach gerechter Bezahlung in der Pflege und Betreuung oder einer stärkeren Abgeltung unserer Gratisleistungen bei der Altersvorsorge.

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