Warum die Frau die Kosten für das Kind trägt

Frauen müssen mit der Geburt eines Kindes happige Lohneinbussen in Kauf nehmen. Die Einkommenseinbussen werden auch sieben Jahre nach der Geburt nicht kompensiert. 

 

Lucas Tschan*

 

Die Schweiz kann sich mit vielem schmücken: Anziehungspunkt für internationale Organisationen, schöne Berge und Seen sowie die beste Schokolade der Welt. Eine progressive Familienpolitik gehört aber sicherlich nicht dazu: Die schweizerische Gesetzgebung sieht nur 14 Wochen bezahlten Mutterschaftsurlaub vor (im Vergleich zum OECD-Durchschnitt von 18 Wochen), Väter erhalten zurzeit gar nur einen Tag frei bei der Geburt ihres eigenen Kindes – selbst bei einem Umzug erhält man in der Regel zwei Tage. Die institutionelle Kinderbetreuung ist teuer und deckt nur eine Minderheit von Kindern unter vier Jahren ab. All diese Faktoren haben einen wesentlichen Einfluss auf die Beschäftigungsquote von Männern und Frauen in der Schweiz, wie Zahlen des Bundesamtes für Statistik zeigen: Der Anteil erwerbstätiger Männer ist mit 75 Prozent höher als derjenige von Frauen mit 61 Prozent. Was zudem auffällt: Die Beschäftigungsquote von Frauen im Alter von 30 bis 45 Jahren und über 55 Jahren ist deutlich niedriger als die von Männern. Zudem gehört die Schweiz zu den OECD-Ländern mit dem höchsten Anteil von Frauen in Teilzeitbeschäftigung. Nach Angaben des Bundesamtes für Statistik arbeiten derzeit sechs von zehn erwerbstätigen Frauen in Teilzeit, aber nur 1,7 von zehn Männern. Die Statistiken deuten darauf hin, dass viele Frauen beschliessen, ihren Beschäftigungsgrad zu verringern oder zumindest vorübergehend ihren Arbeitsplatz zu kündigen, sobald ein Kind geboren wird. Doch wie akkurat ist diese Vermutung? Um den Hinweisen auf den Grund zu gehen, habe ich im Rahmen einer Master-Seminararbeit an der Universität Luzern untersucht, was mit den Beschäftigungsgraden und folglich mit den Löhnen von Männern und Frauen in der Schweiz passiert, sobald das erste Kind geboren wurde.

 

Die Daten für die Auswertung stammen aus dem Schweizer Haushalt-Panel, einer vom Nationalfonds mitfinanzierten, seit 1999 jährlich durchgeführten Befragung. Sie ist eine der umfassendsten sozialwissenschaftlichen Erhebungen des Landes. Insgesamt umfasst der Datensatz Informationen von 226 117 Haushalten von 1999 bis 2016. Für die vorliegende Fragestellung wurden die Angaben von Frauen und Männern berücksichtigt, die zum ersten Mal Mutter oder Vater wurden, fünf Jahre vor bis zehn Jahre nach der Geburt des Kindes. Es handelt sich um 8887 Daten von insgesamt 911 Personen (420 Frauen, 491 Männer) und können daher als repräsentativ betrachtet werden. Zudem wurde das statistische Modell so konstruiert, dass Faktoren wie Ausbildung, Alter oder berufliche Stellung berücksichtigt werden und somit der ‹reine› Lohnunterschied berechnet wird.

 

Die erste Grafik zeigt eindrücklich, was mit den Löhnen von Frauen und Männern passiert, vor und nach der Geburt des ersten Kindes: In den Jahren vor der Geburt des ersten Kindes, scheinen sich die Median-Nettolöhne von Männern und Frauen anzugleichen, auch wenn eine gewisse Differenz bestehen bleibt (die oft beschworene nicht erklärbare Lohn­ungleichheit). Zwischen dem Jahr vor und während der Geburt des ersten Kindes erleidet die Lohnkurve der Frauen einen sichtbaren Knick nach unten. Logischerweise spielt da der Mutterschutz eine Rolle, welche viele Frauen oft unbezahlt verlängern. Was danach passiert, ist aber erstaunlich: Selbst zehn Jahre nach der Geburt des ersten Kindes verdienen Frauen im Median nur knapp 40 000 Franken pro Jahr, während die Männer bei inzwischen über 100 000 Franken Netto-Jahreslohn angelangt sind!

Die logische Frage lautet natürlich: Warum passiert das? Die Hauptursache liegt in der bereits beschriebenen Pensumsreduktion von Frauen nach der Geburt des ersten Kindes. Grafik 2 zeigt eindrücklich, wie stark Frauen ihre bezahlte Wochenarbeitszeit reduzieren – um ziemlich genau die Hälfte, um genau zu sein – während die Männer gleich viel arbeiten wie vor der Geburt des ersten Kindes. Auch hier gilt: Selbst Jahre nach der Geburt des ersten Kindes ist keine Angleichung an die Verhältnisse vor der Geburt zu erkennen. Weitere Auswertungen innerhalb der Seminararbeit zeigen zudem, dass die unbezahlte Haushaltsarbeit bei Frauen nach der Geburt des ersten Kindes signifikant zunimmt, währenddessen sie bei Männern weiterhin gleich bleibt.

 

 

 

Mutterschaftsstrafe auch bei Vollzeit
Nun ist es eigentlich jedem beziehungsweise jeder selbst überlassen, ob er oder sie weniger arbeiten und sich mehr der Erziehung und unbezahlten Arbeit widmen möchte. Dazu gleich mehr, vorher aber noch eine andere Analyse. Um den Teilzeiteffekt zu isolieren, habe ich das gleiche Modell nur auf vollzeitarbeitende Mütter und Väter angewandt, sprich der Datensatz wurde auf Personen reduziert, welche vor und nach der Geburt des ersten Kindes einer 100 Prozent bezahlten Anstellung nachgingen. Dadurch wurde der bereits reduzierte Datensatz noch etwas verkleinert und daher sind nicht für alle Jahre statistische Rückschlüsse möglich. Das grosse Bild lässt sich aber trotzdem interpretieren: Das Bild vor der Geburt des ersten Kindes gleicht dem allgemeinen Bild: Die Löhne der Frauen liegen unter den Löhnen der Männer, beide Kurven zeigen aber nach oben. Nach der Geburt des ersten Kindes stagnieren die Löhne der vollzeitarbeitenden Frauen allerdings, währenddessen die Löhne der vollzeitarbeitenden Männer sehr stark nach oben gehen (die starken Schwankungen am Ende der Kurven ist auf die angesprochene statistische Unschärfe zurückzuführen). Das ergibt wiederum eine klaffende Lohnschere nach der Geburt des ersten Kindes, selbst bei Vollzeit arbeitenden Frauen und Männern.

 


Was können wir hier vermuten? Frauen scheinen eher auf eine lohnsteigernde Karriere zu verzichten nach der Geburt des ersten Kindes, während die Männer im Beruf Vollgas geben und entsprechend höhere Löhne einfahren. Zudem kann auch vermutet werden, was sich zudem mit Erkenntnissen aus anderen wissenschaftlichen Studien decken würde, dass Frauen oft Jobs annehmen, welche ihnen eine gewisse Flexibilität lässt bei der Kinderbetreuung. So ist es dann oft die Mutter, welche das kranke Kind von der Kita holt oder mal früher Schluss macht, weil die Kita um halb sechs abends schliesst. Oder sie werden schlichtweg bei der Jobsuche diskriminiert, wie ein Paper eines Forscherteams rund um den Schweizer Daniel Oesch von der Universität Lausanne aufgezeigt hat: Anhand von systematischen Umfragen bei Schweizer Personalvermittlern, zeigten sie, dass Müttern 2 bis 3 Prozent tiefere Löhne zugewiesen werden, im Vergleich zu Nicht-Müttern. Laut Studie sei dies aufgrund von Vorurteilen, weil angenommen werde, dass Frauen mit Kindern weniger produktiv sind als Frauen ohne Kinder.

 

Für eine progressive Familienpolitik
Jede oder jeder von uns kennt Frauen im Umfeld, welche nach der Geburt des ersten Kindes auf 80 oder 60 Prozent reduzieren. Dass aber die durchschnittliche Frau in der Schweiz nach der Geburt des ersten Kindes nur 40 Prozent arbeitet, ist doch bedenklich. Ich werte diesen Satz absichtlich negativ, da die geschlechterinterne Reduktion aus meiner Sicht Nachteile für Frauen bringt: Jahrelange, teure und vom Staat finanzierte Ausbildung verpufft im Nichts und generiert keine Steuereinnahmen auf Löhnen. AHV und Pensionskassenbeiträge werden zum Teil erheblich vermindert und die Wiedereinstiegschancen in den Berufsmarkt werden mit jedem Jahr Pause kleiner. Selbstverständlich steht es jeder Frau (wie auch jedem Mann!) frei zu, die Arbeit zu reduzieren. Aber es ist zumindest fraglich, ob viele Frauen freiwillig auf ihr Pensum verzichten, oder ob dies nicht den familien- und lohnpolitischen Gegebenheiten der Schweiz geschuldet ist. Wie wir bereits gesehen haben, besteht bereits vor der Geburt des ersten Kindes eine Lohndifferenz bei Frauen und Männern. Daher liegt es nahe, dass das wirtschaftlich weniger potente Subjekt die Beschäftigung reduziert, um der Kinderbetreuung nachzugehen – und das ist wie beschrieben mehrheitlich die Frau. Ein weiterer Punkt könnten die im internationalen Kontext sehr hohen Betreuungskosten für Kitas sein. Eine aktuelle Studie des Bundesamtes für Sozialversicherungen ergab, dass 19 Prozent der Eltern mit Kindern im Vorschulalter die angebotenen Kinderbetreuungsplätze nicht nutzen, weil sie sie für zu teuer halten. Für Eltern mit Kindern im schulpflichtigen Alter beträgt der entsprechende Anteil 11 Prozent. Zudem scheint das Angebot an Kitas die Nachfrage nicht zu decken: Fast 20 Prozent der Kinder im Vorschul- und Schulalter können aufgrund fehlender freier Kinderbetreuungsplätze trotz der Bedürfnisse der Eltern nicht im gewünschten Umfang betreut werden. Die Studie kommt zu dem Schluss, dass das aktuelle Angebot an Kinderbetreuungsplätzen den tatsächlichen Bedarf der Eltern in der Schweiz nicht deckt.

 

Diese und weitere Massnahmen, wie zum Beispiel die flächendeckende Einführung von Tagesschulen, könnten in der Schweiz endlich ein Umdenken in der Gesellschaft bewirken. Was wir nämlich brauchen, sind nicht mehr Teilzeitstellen für Frauen, sondern Akzeptanz für Vollzeit arbeitende Mütter. In den meisten Ländern dieser Welt ist es selbstverständlich, dass Mutter und Vater fünf (wenn nicht mehr) Tage die Woche arbeiten. In meiner zweiten Heimat Portugal wird keine Frau dumm angeschaut, wenn sie im Deux-Piece und einem Kinderwagen den öffentlichen Verkehr benützt, sondern ihr wird ein Platz freigemacht und der Kinderwagen wird ins Tram gehievt.
Fast alle Politiker möchten sich für Familien einsetzen, aber nur wenige betrachten das ganzheitliche Bild. Wir brauchen eine radikale Reform der Kinderbetreuung, damit unsere Zukunft, welche auf genügend Nachwuchs beruht, gesichert ist. Ökonomen verschiedenster Länder sind auf Grund der gleichen Analysen wie ich zum selben Schluss gekommen und haben die Vorlage für eine griffige Familienpolitik, die den Namen auch verdient, geliefert. Nun ist die Politik an der Reihe den Ball zu versenken und Nägel mit Köpfen zu machen. Das ist das mindeste, war wir der heutigen Generation von Mädchen schulden, welche nach wie vor in einem sehr traditionellen Umfeld von Arbeitsteilung aufwachsen.

 

 

*Lucas Tschan schliesst gerade den Masterstudiengang in politischer Ökonomie an der Universität Luzern ab. Die Forschungsarbeit entstand im Rahmen seines Studiums

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