117 Jahre Coopi – jetzt ist Schluss

Sergio Scagliola

 

Mit dem Aus des Restaurants ‹Cooperativo› findet sich das Erbe der historischen italienischen ArbeiterInnenbewegung in einer neuen Ära wieder. Es gilt, die eigene Geschichte zu würdigen. 

 

Das ‹Coopi› schliesst. Damit verabschiedet sich im März nächsten Jahres ein Ort der politischen Vernetzung und Diskussion, der zu einer respektierten Institution für die hiesige Linke geworden war, aus dem Quartierbild Aussersihls. Aber wieso? Konkursgefährdet ist das Restaurant in der Nähe des Stauffachers nicht. Der Entscheid hat mit Würde und der Funktion, die das Coopi innehatte, zu tun. Die gastronomische Leistung soll nicht auf Biegen und Brechen erhalten werden, nur um grosser Ungewissheit durch die Mietzinse und mögliche weitere Covid-Wellen ausgesetzt zu sein. Nach fast 120 Jahren und fünf Standorten ist deshalb mit der Gastronomie voraussichtlich Schluss. 

 

Lenin, 68, Tagesschau

 

1905 gegründet, war das Coopi insbesondere bis nach dem Zweiten Weltkrieg ein Knotenpunkt, wo politische und kulturelle Prominenz Europas verkehrte, plante oder einfach innehielt. Wie etwa Lenin, der hier 1917 seine letzte Mahlzeit vor seiner Reise im plombierten Wagen nach St. Petersburg ass. Andrea Ermano, Präsident der Società Cooperativa Italiana Zurigo, die das Cooperativo betreibt, erinnert sich auch an die Konzeption der schweizerischen Tagesschau, die im Coopi durch Dario Robbiani und Renzo Balmelli erdacht wurde. Und sogar Benito Mussolini besuchte das Coopi am 1. Mai, als er noch Sozialist und Chefredaktor der sozialistischen Zeitung L’Avanti war – bevor seine faschistische Geheimpolizei OVRA die italienischen AntifaschistInnen, die im Coopi ein und ausgingen, schikanierte und beschattete. Auch die SP feierte ihre Wahlsiege hier, wo auch die Jugendbewegung organisierte und agierte, ebenso wie die Gewerkschaften. Mit der Schliessung dürfte dieses politische, kulturelle und historische Erbe Aussersihls jedoch nicht vollständig verloren gehen. Ermano erklärt: «Das Cooperativo hat fast 120 Jahre lang einen gewissen Beitrag im Bereich der Politik und der internationalen Verständigung geleistet, hat Bücher, Zeitungen, Veranstaltungen, Filme und Sendungen geprägt.» Dieser Beitrag verschwindet zwar nicht durch die Absenz eines Restaurants, die Società besteht weiter, aber den historischen Schauplatz in Aussersihl könne man ohne Hilfe von Institutionen nicht bewahren, führt Ermano weiter aus. «Wenn jemand dafür sorgen will, dass der Standort bestehen bleibt, machen wir gerne weiter. Wenn nicht, sind die Mietzinse in Aussersihl für eine kleine Genossenschaft aber unerreichbar.» Schliesslich scheitert es in erster Linie am Geld – die Mietzinssituation in der Stadt Zürich lasse es nicht zu, weiterhin ein Restaurant an diesem Standort am Leben zu erhalten. Deshalb hat die Società beschlossen, die Option für die Verlängerung des Mietvertrages bis 2028 nicht auszuüben. 

 

Das Ur-Forum

 

Dabei darf nicht vergessen werden, was die Funktion des Cooperativo war. Die Gründungszeit der Società war bewegt, politische Auseinandersetzungen wurden sehr hitzig geführt und teils auch von Gewalt begleitet. Das Cooperativo nahm dabei eine Rolle als offene Plattform zur friedlichen Diskussion und Konfrontation ein, als kommunales Schlichtungsforum. Das gastronomische Angebot kam als Ergänzung dieses kulturellen Knotenpunkts dazu. «Das ist auch unser Core-Business sozusagen, wir sind ein Kulturzentrum. Ein Ort, an dem man sich trifft, um über Politik und Kultur zu sprechen. Und das ist 120 Jahre später als ein Restaurant unter Tausenden nicht mehr umzusetzen», erklärt Ermano. Wird diese Funktion des Cooperativo als öffentlicher politisch-kultureller Ort also nicht mehr benötigt? Ermano meint: «Das hängt nicht nur von uns ab. Orte, an denen man sich treffen kann, gibt es schliesslich viele, ob Kanzlei, Boy oder Coopi spielt keine grosse Rolle. Auch ohne Restaurant wird diese Tradition nicht zugrunde gehen.» Die Società geht dabei auch mit der Zeit. Während der Pandemie haben die GenossInnen die Vernetzung wortwörtlich ins Netz verlegt – was neue Möglichkeiten eröffnet. Die Zeitschrift «L’Avvenire dei Lavoratori», die ebenfalls von der Società herausgegeben wird und deren Newsletter 20 000 LeserInnen in aller Welt erreicht, hat so einen neuen Ort zur offenen Diskussion gefunden. Von den hiesigen Cervelli, wie die eingewanderten AkademikerInnen auch genannt werden, über Aussersihler ArbeiterInnen bis zur Bloggerin in Neuseeland – Vernetzung besteht auch fortan. Dennoch: Es ist ihm anzumerken, weitermachen würde Andrea Ermano schon gerne, auch in einer anderen Form. Und der Umzug ist nach fünf Standorten vielleicht auch schon tief in der Coopi-Tradition verankert. Wenn neue Formen der Vernetzung in einem neuen Cooperativo stattfinden, würde die Società aber schon gerne im Chreis Cheib bleiben – wo Schriftsteller Ignazio Silone «Fontamara» schrieb, die SP, Gewerkschaften und die Jugendbewegung ihre Sitzungen abhielten und wo «Sozialtheologe Leonhard Ragaz sich in alten, aber unvergessenen Zeiten rumtrieb». 

 

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