Die Frage nach dem guten Leben

Anfang Mai wird der fünfte Aktionsmonat (siehe Kasten) in der Offenen Kirche St. Jakob eingeläutet. Das diesjährige Thema lautet «Gutes Leben? Für alle!». Kirchgemeindepräsident Hannes Lindenmeyer erklärt im Gespräch mit Leonie Staubli, was es damit auf sich hat.

 

Wie sind Sie zum Thema «Gutes Leben? Für Alle!» gekommen?

Hannes Lindenmeyer: Die Themen der letzten vier Jahre hiessen «Wieviel Erde braucht der Mensch?», «Heimat», «Zusammenleben» und «Wachstum». Sie sind alle miteinander verwandt. Was sich im Laufe der letzten Jahre herausgebildet hat, ist eine Kontinuität von Gruppen, die jedes Jahr dabei sind, wie zum Beispiel die Plattform Genossenschaften, die Autonome Schule oder ‹Bio für Jede›. Wir planen das ganze Jahr hindurch und alle überlegen, was man machen könnte. Und erst gegen Herbst oder Winter kommt man auf das neue Thema. Der Verein ‹Bio für Jede› hatte die Idee, Alberto Acostas Konzept des «Buen Vivir» (siehe Kasten) zu verwenden, er ist sehr überzeugt von dem Konzept. Wir haben unsere eigene Interpretation gemacht, aber natürlich mit Bezug zum Original.

 

Die beteiligten Vereine und Einzelpersonen entscheiden also alle mit, was bei der Vorplatz-Aktion passiert?

Ja, alle entscheiden mit. Die Vorbereitungsgruppe funktioniert im Stil einer Vollversammlung. Es sind etwa 20-30 Leute. Die Themenfindung wird so zu einem intensiven Prozess. Auch diesmal haben wir in viele Richtungen diskutiert, bis wir zu diesem Thema gekommen sind, bei dem es darum geht, sich Gedanken darüber zu machen, was gutes Leben eigentlich bedeutet; gemeint ist nicht das individuelle gute Leben, wie es überall propagiert wird und das alle nur für sich selber entwickeln. Wir meinen das gute Leben für alle, als Gesellschaft.

 

Am Aktionsmonat sind sehr unterschiedliche Institutionen und Organisationen beteiligt.

Richtig. Dabei kommt der Reichtum unseres Quartiers gut zur Geltung, wir haben ja eine unglaubliche Dichte an verschiedenen Institutionen bei uns und in der Umgebung: WWF, Greenpeace, Public Eye, die Radgenossenschaft, das Solinetz, die Sans-Papiers Anlaufstelle Zürich (SPAZ), die Autonome Schule … Die Idee ist, dass da – mindestens für einen Monat – eine Art Netzwerk entsteht. Im Laufe der vier Jahre baut sich das langsam immer weiter auf.

 

Was ist Ihre Rolle beim Aktionsmonat?

Ich halte jeweils die Eröffnungsrede, um den Zusammenhang zwischen den Veranstaltungen und dem Thema aufzuzeigen. Dazu kommt natürlich die Arbeit in der Vorbereitungsgruppe. Dass alles funktioniert und dass die Räume bereit sind, klappt aber eigentlich immer sehr gut, die festen MitarbeiterInnen der Kirche engagieren sich da enorm. Die Finanzierung müssen wir ebenfalls im Griff haben, und Bewilligungen einholen.

 

Wie funktioniert denn die Finanzierung?

Die Grundidee ist, dass jede VeranstalterIn selber schaut, was er oder sie finanzieren kann. Insgesamt haben wir nur ein Budget von 15 000 Franken von der Kirche; das ist in Anbetracht der riesigen Vielfalt an Veranstaltungen sehr bescheiden, aber damit können wir dann aushelfen, wenn eine Organisation nicht genügend finanzielle Mittel hat. So sind wir bisher jedes Jahr durchgekommen.

 

Und die Veranstaltungen sind alle gratis?

Ja, fast alle. Die Idee ist ja, dass alles öffentlich ist und alle kommen können. Die Besucherzahl ist auch sehr unterschiedlich; an manche Veranstaltungen kommen 100 Leute, an manche bloss vier. Es muss auch gar nicht immer wahnsinnig voll sein – auch wenn das natürlich toll sein kann. Aber manchmal ist es auch in einer kleinen Gruppe schön. Wir sind nicht über den Verkauf von Tickets oder Ähnliches darauf angewiesen, dass Leute kommen, sondern es soll einfach für diejenigen, die da sind, ein gutes Erlebnis sein. Beim Essen gibt es ein Kollektesystem, bei dem man so viel zahlen kann, wie man möchte. Was dabei zusammenkommt, wird für ein Bio-Projekt eingesetzt, das ‹Bio für Jede› bestimmen wird.

 

Welche Veranstaltungen leiten Sie selber?

Ich leite zwei Veranstaltungen: Erstens den Rendite-Spaziergang, zusammen mit der Plattform Genossenschaften, auf dem wir verschiedene Besitzverhältnisse im Kreis 4 aufzeigen und deren Auswirkungen aufs gute oder nicht so gute Leben, und wer davon profitiert, oder eben nicht. Zweitens leite ich den Trauerzug durchs Armenviertel Aussersihl.

 

Worum geht es dabei?

Letzten Sommer wurden bei der Trambaustelle hinter der Kirche alte Gebeine in 24 Särgen gefunden, dort wo einmal der Friedhof war, der 1870 aufgehoben wurde. Es kann sein, dass unter den Verstorbenen Opfer der Cholera-Epidemie von 1865 sind. Die Gebeine wurden für uns aufbewahrt und an dieser Veranstaltung werden wir sie in einem öffentlichen Trauerzug durchs Quartier zum Friedhof Sihlfeld führen, wo sie dann begraben werden. Auf dem Weg werden wir den Themen des Lebens im Arbeiterquartier von damals nachgehen: Wasser und Hygiene, Gesundheit, Bildung und Aufbau der Volksschule, Wohnen und Migration. Die damaligen Zustände in den Armenvierteln der Schweiz vergleichen wir mit heutigen Slum-Situationen in Südamerika und Afrika. Dabei arbeiten wir zusammen mit Public Eye, die uns die nötigen Informationen liefert. Es ist interessant, dass diese Themen bei uns 150 Jahre her sind und in diesen Ländern hochaktuell. Darüber wollen wir sprechen. Allerdings ist gerade das Thema Wasser bei uns auch wieder aktuell, wenn ich an das Wassergesetz denke, das im Kantonsrat behandelt wird, wobei es darum geht, dass das Wasser privatisiert werden könnte. Hier kommt das Konzept des «Buen Vivir» zentral ins Spiel, denn man muss sich überlegen: Was heisst eigentlich Fortschritt? Die Privatisierung von Wasser wäre ganz klar ein Rückschritt. Wasser ist ein Grundrecht. Solche Themen wollen wir bei dem Rundgang aufzeigen.

 

Der Aktionsmonat ist also auch klar politisch?

Auf jeden Fall! Die offene Kirche baut in ihrem Konzept auf vier Schienen auf: Die spirituelle mit Pilgerveranstaltungen, Gottesdiensten und zum Beispiel dieser Beerdigung; die kulturelle mit Theater, Lesungen und Musik; die soziale, wie das gemeinsame Erleben aber auch das Engagement für Benachteiligte; und die politische, bei der es darum geht, wie Benachteiligung überwunden werden kann. Ein wichtiges Thema wird die Veranstaltung über die Konzernverantwortungs-Initiative sein. Und im Juni kommt Alberto Acosta, der Autor des Konzepts «Buen Vivir», persönlich zu uns! Wir konnten ihn dafür gewinnen, uns von dem Konzept und der politischen Situation in Ecuador, wo er Minister ist, zu berichten. Er präsentiert das «Buen Vivir» als Gegenposition zum Entwicklungstheorem, das wir Europäer haben und bei dem alles auf wirtschaftliches Wachstum ausgerichtet ist – was auf die Dauer schlicht unmöglich ist und mit der Begrenztheit unserer Ressourcen überhaupt nicht übereinstimmt. All das wird er persönlich vorstellen.

 

Es steht aber auch viel Bewegung auf dem Programm: Spaziergänge, Pilgerreisen, Exkursionen …

Genau, es soll nicht bloss eine «Sitzangelegenheit» sein. Auch zu Yoga und Tanz wird eingeladen. Oder zur Kunstaktion «die grosse um_ordnung», die eigentlich auch eine Demo ist. Das ist die erste Aktion, die wir zusammen mit Stall 6/Gessnerallee machen. Wichtig ist die Ganzheitlichkeit, es geht nicht nur ums Zuhören, sondern auch ums Mitdiskutieren, Demonstrieren oder Singen …

 

Ein interessantes Angebot, das man den ganzen Monat hindurch nutzen kann, ist der Audio-Rundgang «Sans-Papiers: Leben im Schatten». Wie muss man sich das vorstellen?

Man bekommt ein Audiogerät oder lädt selber eine App herunter und wird davon an verschiedene Orte geführt, wo gezeigt wird, wie man als Sans-Papier im Alltag an Barrieren stösst: Wenn man zur Polizei will, eine Rechtsauskunft oder medizinische Hilfe braucht … All das kann man so selber miterleben.

 

Überhaupt greifen Sie viele aktuelle Themen auf, wie etwa mit dem Dokumentarfilm über das Asylwesen in der Schweiz am 17. Mai.

Die Jakobskirche ist auch sonst sehr stark in der Flüchtlings- und Asylarbeit engagiert. Das Solinetz ist aus der Aktion der Sans-Papiers von 2008 hervorgegangen: Die Sans-Papiers hatten die Predigerkirche besetzt und gefordert, dass eine Härtefallkommission gebildet werde. Der damalige Regierungsrat Hans Hollenstein weigerte sich, zum Dialog in eine besetzte Kirche zu gehen. Unser damaliger Pfarrer Anselm Burr hat die Sans-Papiers daraufhin in die Jakobskirche eingeladen, wo sie nicht mehr Besetzer, sondern Gäste waren, und weil es ab dann keine illegale Aktion mehr war, musste Hollenstein doch kommen. Aus dieser Aktion heraus wuchs das Solinetz, das seit Jahren Mittagstische, Deutschunterricht und viele andere Angebote für geflüchtete Menschen entwickelt hat. Das Asylthema ist bei uns sehr präsent. Wir sind auch mit der SPAZ und der Freiplatzaktion verbunden, und tragen das Café Dona mit.

 

Was gefällt Ihnen am Aktionsmonat am besten?

Die unterschiedlichen Kulturen, die zusammenkommen. Die Offene Jugendarbeit (OJA) hat zum Beispiel letztes Jahr einen wunderschönen Rap-Abend organisiert, an anderen Tagen bieten die Frauen vom Quartierkloster Exerzitien in den Aussersihler Strassen an… Diese Vielfalt lebt schon in der Vorbereitungsgruppe. Es ist eine unglaubliche, einmalige Mischung, die von Kreativität sprüht. Alle bringen Eigenes mit, und freuen sich über das, was die anderen bringen.

 

Wie funktioniert die Auswertung nach dem Aktionsmonat?

Da schauen wir zurück auf die Veranstaltungen und überlegen uns, welche Themen wir wieder aufnehmen und vertiefen sollten. Also eine inhaltliche Analyse, bei der wir schauen, welche roten Fäden wir behalten möchten. Das bezieht sich dann auch auf Organisationen, die wir gerne im nächsten Jahr neu dabeihaben möchten.

 

Sie hatten aber nie schlechte Rückmeldungen oder Streit?

Nein – das ist erstaunlich. Wir hatten nie Krach in der Gruppe. Es ist ein grosser gegenseitiger Respekt da. Von aussen gab es dann und wann Lärmbeschwerden und zwei, drei Mal ein paar Klagen jener Immergleichen, die meinen, die Asylpolitik sei nicht Sache der Kirche. Aber das sind wir gewohnt. Sobald wir uns irgendwo aus dem Fenster lehnen, gehört das dazu.

 

Welche Veranstaltungen empfehlen Sie persönlich?

Der Besuch von Alberto Acosta wird sicher ein Höhepunkt sein. Sonst ist auch einfach der Vorplatz als Treffpunkt eine schöne Sache. Und eine schöne, kleine Veranstaltung ist «worthülsen luftlettern dreck», die Lesung der jungen Lyrikerin Anja Nora Schulthess mit musikalischer Begleitung des Soundkünstlers Vincent Glanzmann. Die findet im Raum der Stille statt, in dem die Künstlerin Alice Heri eine schöne Installation zum Thema «Grabesnacht – Frühlingsmorgen» aufgebaut hat.

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