5G

Die NZZ widerspricht sich gerne und oft. In der Regel, weil die eine Hand nicht weiss, was die andere schreibt. Beim Mobilfunkstandard 5G ist es gar ein donnernder Leitartikel, der eine ominöse Front von Konservativen und «Linksalternativen» (hä?) gegen 5G senkelt, während hinten, unter «Literatur und Kunst», ein lesenswerter Beitrag über Hans Jonas und die ethische Herausforderung moderner Technikentwicklungen abgedruckt ist.

 

Ich sags gleich offen, ich bin kein 5G-Anbeter. Ich bin geprägt durch die Debatte der 80er-Jahre, die wiederum geprägt ist durch den Begriff des Vorsorgeprinzips. Dieses ist ganz einfach: Es widerspiegelt die Einsicht, dass sich viele moderne und hochproblematische Entwicklungen den Anforderungen und Mechanismen einer naturwissenschaftlichen Beweisführung entziehen. Viele Phänomene, vom Klimawandel bis zum Artensterben, aber eben auch technische Dinge, wie etwa die Wirkungen von 5G auf Lebewesen, bewegen sich in ihrem Ausmass wie in ihrer Kausalität ausserhalb der uns geläufigen Laborbedingungen. Wir können ihre Schädlichkeit erst erkennen, wenn sie bereits eingetreten ist. Wir können ihre Gefahren nur sehr beschränkt simulieren oder im Labor erproben, und damit können wir keine Voraussagen über die Auswirkungen machen. In den Worten von Jonas: «Wir wissen erst, was auf dem Spiele steht, wenn wir wissen, dass es auf dem Spiele steht.» Und auf eine solche Unsicherheit kann man ethisch sauber eigentlich nur mit Vorsorge reagieren. Es müsste eine Handlungsweise zur Anwendung kommen, die, gemäss Jonas, der Unheilsprophezeihung mehr Gehör gibt als der Heilsprophezeihung. Tut man das nicht, so führt man die Laborversuche zwar auch durch, aber im freien Feld und am lebenden Objekt.

 

Zu rechtfertigen wäre das nur, wenn die Vorteile ganz gewaltig überwiegen würden. Und da wirds politisch, denn die Vorteile sind bisher nur von den ökonomisch motivierten, da hoch investierten Anbietern behauptet worden. Niemand weiss, welchen Segen 5G bringen wird, alles sind vorderhand Versprechungen. Daher ist es auch folgerichtig, dass der NZZ-Leitartikel im Grunde nur die Investitionen und den (behaupteten) Wettbewerbsvorteil verteidigt. Kritik an 5G sei wirtschaftsschädigend, ob 5G umweltschädlich ist, ist nicht wichtig. Es ist zwar richtig, dass ein leistungsfähiges Mobilfunknetz eine wesentliche Voraussetzung für manche technische Anwendung wie das Internet of Things oder den automatisierten Verkehr ist. Aber seien wir ehrlich: Eine gesellschaftliche Debatte darüber, wie erwünscht solche Entwicklungen sind, was sie uns bringen, wem sie etwas bringen und was die Auswirkungen sind, hat noch in keinster Weise stattgefunden. Stattdessen gilt einmal mehr: Wir können das, also tun wir das. Dass übrigens beide Entwicklungen wesentlich mehr Zeit benötigen werden, um sich durchzusetzen, ist ein offenes Geheimnis. Aber schon klar: Die Gewinne, die sich die Mobilfunkanbieter versprechen, müssen ab morgen erfolgen, nicht erst in 10 Jahren.

 

Das Potemkinsche Dorf hat einen Namen: Fortschritt − was eigentlich erstaunlich ist. Eine Nachhaltigkeitsdebatte, die zuerst eine Bedürfnisklärung anstrebt und erst danach die Frage angeht, wie dieses zu decken sei, damit wir nicht andauernd über die negativen Effekte des technokratischen Fortschritts reden müssen, sollte eigentlich schon lange Standard sein. In den 80ern hiess das, «Vorsorgen ist besser als nachsorgen», aber gemeint war dasselbe. Und dass gerade politische Kreise völlig unpolitisch argumentieren, wenn es um die Einführung neuer Technologien geht, ist bedenklich. Der Nutzen von 5G liegt, bis zum Beweis des Gegenteils, ausschliesslich bei den anbietenden Grossfirmen. Der Rest sind Erzählungen von einer rosigen Zukunft, in der euer Kühlschrank schlauer und euer Auto autonomer ist als ihr es jemals sein werdet.

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