«Wir wollen Erfolgserlebnisse produzieren»

Mit dem «Massnahmenplan Frühe Förderung 2021 – 2025» möchte die Stadt Zürich Kindern den Start in die Schule erleichtern und die Chancengleichheit erhöhen. Im Gespräch mit Fabienne Grimm erklärt Stadtrat Filippo Leutenegger, Vorsteher des Schul- und Sportdepartements, wieso Förderung im Vorschulalter für eine erfolgreiche Schulkarriere so wichtig ist.

 

Herr Leutenegger, Sie haben am Donnerstag vor einer Woche zusammen mit Sozialvorsteher Raphael Golta den neuen Massnahmenplan Frühe Förderung 2021 – 2025 vorgestellt; Gesundheitsvorsteher An­dreas Hauri, dessen Departement ebenfalls beteiligt ist, liess sich entschuldigen. Einmal ganz grundsätzlich: Warum braucht es überhaupt Frühförderung?

Filippo Leutenegger: 23 Prozent der Vorschulkinder in der Stadt Zürich können kaum Deutsch. Oftmals haben Kinder, die mit schlechten Deutschkenntnissen in den Kindergarten kommen, mit Startschwierigkeiten zu kämpfen. Zwischen ihnen und den anderen Kindern entsteht so bereits früh eine Schere. Diese Schere sollte vermieden werden, denn sie droht sich im Verlauf der Schulkarriere weiter zu öffnen. Das, was im Vorschulbereich verpasst wird, können viele Kinder nicht mehr richtig aufholen. Das sieht man auch im Berufsvorbereitungsjahr an der Viventa. Jugendliche mit geringen Deutschkenntnissen haben grössere Probleme bei der Lehrstellensuche. 

 

Die Fachschule Viventa ist ebenfalls ein Angebot der Stadt Zürich. Sie bereitet junge Erwachsene auf den Berufseinstieg vor.

Genau. Wir müssen an der Volksschule Chancen eröffnen und für schulische Erfolgserlebnisse sorgen. An der Viventa sehen wir oft Jugendliche, die während ihrer obligatorischen Schulzeit viele Misserfolge erlebt haben. Entsprechend tief ist ihr schulisches Selbstvertrauen. Das müssen wir einfach besser hinbekommen! Es ist mir ein ganz wichtiges Anliegen, dass wir an der Schule nicht Misserfolge produzieren, sondern Erfolgserlebnisse. Unsere Schulen haben eine unglaublich hohe Integrationskraft. Diese müssen wir nutzen. Und gerade die frühe Förderung kann helfen, dass der Einstieg in die Schule besser klappt. 

 

Die Strategie Frühförderung wurde bereits 2009 verabschiedet. Seitdem wurden verschiedene Massnahmen implementiert. Was ist jetzt mit dem Massnahmenplan Frühe Förderung 2021 – 2025 neu?

Die Familien und Kinder mit Bedarf sollen besser erreicht werden. Daher bildet der verbesserte Zugang zur Mütter- und Väterberatung einen wichtigen Teil des Massnahmenplans des Sozialdepartements. Diese berät junge Familien während und nach der Schwangerschaft. Dort hat man die Möglichkeit, Familien frühzeitig auf die wichtigsten Angebote aufmerksam zu machen. Ausserdem unterstützt das Gesundheitsdepartment weiterhin das Projekt «Familystart Zürich». Dieses vermittelt Hebammen an Familien, so dass Neugeborene und ihre Eltern nach der Geburt gut betreut werden. Die Leistungen der Hebammen werden von der Krankenkasse übernommen. Auch hier haben wir die Möglichkeit, die Familien schon frühzeitig zu erreichen und sie über Angebote zu informieren. Der grösste Teil der Gelder fliesst allerdings in die in Kitas angebotene Deutschförderung, die das Sozialdepartement von Kollege Raphael Golta nun auf alle Schulkreise der Stadt ausgeweitet hat. 

 

Sie sprechen das Projekt «Gut vorbereitet in den Kindergarten» an, das bereits seit 2013 in Schwamendingen angeboten wird und jetzt auch auf die ganze Stadt ausgeweitet wird. Wie funktioniert das Projekt konkret?

Die Eltern von dreijährigen Kindern erhalten 18 Monate vor Kindergarteneintritt einen Fragebogen, anhand dem sie die Sprachkenntnisse ihrer Kinder einschätzen. Kindern, die nur wenige oder gar keine Deutschkenntnisse vorweisen, empfehlen wir den Besuch einer der über 100 Kitas mit integrierter Deutschförderung. Dort werden die Kinder von spezialisierten Fachpersonen gefördert. Der Mehraufwand wird von der Stadt übernommen. Die Eltern bezahlen lediglich die regulären einkommensabhängigen Betreuungskosten. 

 

Der Massnahmenplan legt einen Fokus auf sozial belastete Familien. Viele dieser Familien haben einen Migrationshintergrund, sprechen oft die Sprache nicht und sind teilweise nur begrenzt integriert. Wie erreicht man genau diese Familien?

Der Zugang zu den Eltern, deren Kinder am meisten von den Angeboten profitieren würden, ist tatsächlich nicht immer einfach. Viele leben in einer Sprachdiaspora. In diesem Fall kann man beispielsweise versuchen, innerhalb ihres Kulturkreises Schlüsselpersonen zu finden. Durch diese erhält man Zugang zu den Familien. Das kann dann eine gewisse Beispielwirkung haben. Aber klar, dies ist ein aufwendiger Weg, der allerdings erleichtert werden kann, wenn die Eltern in der Frühförderung positive Erlebnisse haben. Wir werden uns bemühen, diese positiven Erlebnisse zu ermöglichen, dann wird sich die Frühförderung leichter etablieren. Die Korrespondenz an die Eltern enthält zudem auch Hinweise in mehreren Sprachen, um fremdsprachige Personen auf Angebote aufmerksam zu machen. Zukünftig sollen z.B. auch Kitas Kulturdolmetschende einsetzen können, sofern die elektronischen Kommunikationsmittel in mehreren Sprachen nicht ausreichen. 

 

Die Deutschförderung findet in der Kita statt. Hat man sich auch andere Modelle überlegt? Z.B. kostenfreie Sprachspielgruppen, wie das im Kanton Basel Stadt gemacht wird.

Wir konzentrieren uns auf wenige, aber effektive und effiziente Kanäle. In der Stadt Zürich gibt es über 300 Kitas: Dort liegt der grösste Hebel, an dem wir ansetzen können. Der Fokus liegt ganz klar auf den Strukturen, die bereits jetzt gut etabliert sind. Wir wissen aus den Studien der Uni Basel, dass es für den Deutscherwerb ideal ist, wenn die Kinder 20 – 28 Stunden pro Woche mit anderen deutschsprachigen Kindern spielen können. In Spielgruppen reicht die Zeit nicht. Zudem hat es in vielen Sprachspielgruppen im Kanton Basel Stadt vor allem fremdsprachige Kinder. Das ist auch nicht ideal für den Deutscherwerb.

 

Riskiert man mit dem Kita-Modell nicht, weniger Familien als gewünscht zu erreichen? In einigen kulturellen Kreisen ist es nicht üblich, seine Kinder in die Kita zu schicken.

Aus diesem Grund ist die Mütter- und Väterberatung so wichtig. Sie ist gewissermassen das Vorzimmer zur Kita. Daher investiert das Sozialdepartement im Bereich der Mütter- und Väterberatung ja jetzt auch viel. Ein weiteres wichtiges Element ist der Fragebogen zur Erhebung der Sprachkenntnisse durch die Eltern. Rund 90 Prozent der angeschriebenen Eltern füllt diesen aus und schickt ihn zurück. Dadurch hat man die meisten Kinder mit einem Bedarf an sprachlicher Unterstützung zumindest erkannt. Ob sie dann tatsächlich in die Kita mit integrierter Deutschförderung kommen, können wir nicht garantieren. Aber immerhin über 40 Prozent der ermittelten Kinder mit Bedarf besuchen eine Kita mit Deutschförderung – Tendenz steigend. 

 

Das Sozialdepartement übernimmt zwar die Kosten für die Deutschförderung, doch für die Betreuungskosten müssen weiterhin die Eltern aufkommen. Wäre ein Gratisangebot nicht sinnvoller gewesen?

Auch Eltern, die nicht viel verdienen, leisten einen kleinen Beitrag. Dies ist meiner Meinung nach durchaus sinnvoll. Es braucht ein Commitment seitens der Eltern. Wir stellen immer wieder auch in anderen Bereichen fest, dass reine Gratisangebote zwar gebucht, aber dann nicht regelmässig besucht werden. Die Deutschförderung funktioniert nur, wenn das Kind die Kita auch tatsächlich besucht. 

 

Im Kanton Basel Stadt ist die frühe Förderung für Kinder mit niedrigem Deutschniveau obligatorisch. Wieso hat man sich in Zürich für die Freiwilligkeit entschieden?

Ein Obligatorium sieht der Kanton Zürich nicht vor. Die Eltern, die sich gegen die Angebote sperren, kann man auch mit Zwang nicht dazu bringen, mitzumachen. Ich glaube, wir sind mit einem freiwilligen System, das auf menschlicher Nähe, Vertrauen und Überzeugung basiert, erfolgreicher. 

 

Das Projekt «Gut vorbereitet in den Kindergarten» läuft in Schwamendingen bereits seit 2013. Wie waren die Rückmeldungen aus den Kindergärten und den Schulen?

Die Rückmeldungen waren sehr positiv, vor allem aus den Kindergärten. Eine Mehrheit der Kindergarten-Lehrpersonen erachtet die ehemaligen Projektkinder als besser vorbereitet auf den Kindergarten als andere Kinder mit Deutsch als Zweitsprache. Für Kindergärtnerinnen ist es eine unglaubliche Erleichterung, wenn die Kinder schon gut deutsch sprechen. Aber natürlich werden jedes Jahr wieder andere Kinder eingeschult. Wissenschaftlich lassen sich die Rückmeldungen der Kindergarten-Lehrpersonen im Moment noch nicht erhärten. Um den Einfluss der Kita-inte­grierten Deutschförderung auf die Sprachfähigkeit der teilnehmenden Kinder zu eruieren, müssten die Fortschritte der Projektkinder im Vergleich zu Kindern mit Deutsch als Zweitsprache, die keine Frühe Förderung gehabt haben, erhoben werden. 

 

Es sind ja doch viele Akteure, die an der frühen Förderung beteiligt sind. Wie stellt man da sicher, dass die Kommunikation zwischen den verschiedenen Akteuren funktioniert? Wären Familienzentren, in denen verschiedene Angebote unter einem Dach vereint sind, eine Option?

Der Austausch von persönlichen Daten erfordert stets besondere Sorgfalt.  Für den Datenaustausch braucht es das Einverständnis der Eltern, wenn eine besondere gesetzliche Grundlage fehlt. Wir setzen daher auf die initiierten freiwilligen und niederschwellig zugänglichen Angebote. Die Stadt Zürich arbeitet stets daran. So werden wir vom Schulamt beispielsweise künftig bei Schuleintritt einen Brief verschicken, bei dem wir die neuen Eltern begrüssen und sie über die Möglichkeiten aufklären, die ihnen und ihren Kindern zur Verfügung stehen. Es ist mir ein Anliegen, dass wir die Familien in der Schule begleiten. 

 

Es gibt unzählige Studien, die darauf hinweisen, dass Investitionen in die frühe Förderung besonders lohnend sind, auch volkswirtschaftlich gesehen. Müsste man den Fokus nicht noch viel mehr auf Frühförderung legen?

Mir scheint es schwierig, die Erfolge im Bereich der Frühförderung zu quantifizieren. Bei der frühen Förderung geht es in erster Linie um die Kinder und ihre Familien – also um junge Menschen. Bei der Diskussion um Chancenvielfalt darf man nicht vergessen, dass die Kinder nicht nur Chancen wollen. Sie wollen einen guten Alltag und eben Erfolgserlebnisse haben. Kinder, die immer nur die Schlusslichter bilden, sind irgendwann frustriert und gefährdet. Wenn die frühe Förderung bei den Kindern zu Erfolgserlebnissen führt und sich möglicherweise der spätere Bedarf an Sonderschulungen verringert, ist das ein positiver Nebeneffekt.

 

Der Schweizerische Wissenschaftsrat hat der Schweiz bezüglich frühe Förderung im letzten Jahr ein vergleichsweise schlechtes Zeugnis ausgestellt. Er fordert unter anderem, dass der Bund und die interkantonalen Konferenzen die Kommunikation und Abstimmung der Ziele und Massnahmen gemeinsam sicherstellen. Müsste man frühe Förderung vielleicht auf kantonaler oder gar nationaler Ebene regeln?

Ich stelle fest, dass die zentralen Systeme gut gemeint sind, aber in der Regel nicht so funktionieren, wie sie funktionieren sollten. Ein dezentrales System ist bedürfnisgerechter und erfolgreicher. Und unser System ist föderalistisch aufgebaut. Die Bildungsverantwortung liegt bei den Kantonen und die Koordination läuft über die Erziehungsdirektoren-Konferenz. Gerade bei uns in der Schweiz, wo die Sprach- und Mentalitätsunterschiede gross sind, würde ein zentrales System im Bildungsbereich kaum funktionieren. Das föderalistische System hat ebenfalls eine hohe Integrationskraft. Wir sind auch entsprechend erfolgreich. Vor allem dank unserem dualen Bildungssystem. Dieses ermöglicht den Jugendlichen den Einstieg in die Berufswelt und sorgt für eine tiefe Jugendarbeitslosigkeit. Dies ist übrigens auch der Grund, wieso ich dem ‹Run› aufs Gymnasium kritisch gegenüberstehe. Es bringt nichts, Kinder und Jugendliche, komme was wolle, durch das Gymnasium zu zerren, nur damit wir am Schluss eine hohe Akademikerquote haben. Damit produzieren wir viele Misserfolge und Frustrationen. Oftmals ist in unserem durchlässigen System, in dem man sich immer weiterbilden kann, eine gute Lehre für viele Jugendliche der erfolgreichere Weg.

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