Wider den Rollentypen

«FemaleAct» will Gleichstellung und geschlechterübergreifende Diversität – in einem Bereich, der vor hierarchischen Strukturen noch immer strotzt: der Film- und Theaterwelt. An den Solothurner Filmtagen wird sich der Verein erstmals der Öffentlichkeit präsentieren.

 

von Anatole Fleck

 

Es begann als Stammtisch: Von spontanen Treffen mit Berufskolleginnen inspiriert, hatte sich die Schauspielerin Wanda Wylowa nach einem fixen Treffpunkt zum Austausch gesehnt. Da es diesen so nicht gab, rief sie ihn kurzerhand ins Leben. Zum nationalen Frauenstreik am 14. Juni 2019 entstand daraus der Verein FemaleAct – und der war mit rotem Teppich und Megaphon vor dem Zürcher Kino Xenix zugegen. Der rote Teppich als Markenzeichen wird auch bei den Solothurner Filmtagen 2020 präsent sein, die Forderungen finden sich mittlerweile in einem Vereinsmanifest: FemaleAct fordert die Abkehr von starren Geschlechterrollen und platten Rollen-Stereotypen, Diversität bei Alter, Geschlecht und Herkunft – auf Theaterbühne und Leinwand. Auch Lohngleichheit, Elternzeit und bezahlbare Kinderbetreuung sind Themen. Dazu Mitgründerin Wylowa: «Wir planen einen Betreuungskosten-Rechner, wo man diese externen Kosten aufrechnen kann, um sie dann der Produktion vorlegen zu können.» Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist in der Branche noch niedrig, viele Mütter steigen aus. Mit solchen und anderen Ideen, stösst der Verein – er steht, im Gegensatz zu den wöchentlichen Stammtischen, auch Männern offen – auf offene Ohren. Die Reaktionen sind insgesamt sehr gut, man ist im Gespräch mit Verbänden und Institutionen, so Wylowa.

 

Das Bundesamt für Kultur reagiert

 

Auf dem Weg zur Gleichstellung ist nebst Solidarität und gutem Willen Überblick wünschenswert – auch in Form von Zahlen. Angestossen hatte die Suche nach solchen der Verband für Filmregie und Drehbuch Schweiz und die Stiftung Weiterbildung Film und Audiovision. An den Solothurner Filmtagen 2015 präsentierten sie die «ersten Facts und Figures zur Schweizer Filmförderung». Daraufhin wurde das «Swiss Women’s Audiovisual Network» (SWAN) ins Leben gerufen, das nebst dem Angebot für Networking und Veranstaltungen, auch Filmfestivals mittels ‹Pledge› in die Verantwortung zu nehmen versucht. 

Als Reaktion darauf legte das Bundesamt für Kultur (BAK) Bestimmungen zur Gender Diversity in der Filmförderung fest und konnte vergangenen August erstmals eigene Resultate präsentieren: Bei den «Gender Maps», die vom BAK für 140 lange Schweizer Kinofilme zwischen 2017 und 2018 erstellt wurden, wird Ungleichheit sichtbar: Nur in knapp einem Drittel der untersuchten Filme führte eine Frau Regie oder schrieb das Drehbuch, während 38 Prozent davon von Frauen produziert wurden. Düster sind die Zahlen bei der Kameraführung: In 119 Fällen führte ein Mann die erste Kamera, nur 21 Frauen kamen zum Zug – das sind 15 Prozent. 

 

FemaleAct will hier ansetzen, nicht nur beim Film: «Wir sind daran, eine Checkliste zu erarbeiten, die Produktionsfirmen, Theater und Theatergruppen zum Nach- und Umdenken ermutigen soll», so Wanda Wylowa. Die Checkliste enthält einfache Fragen: Wie wird erzählt? Wer ist vertreten? Könnte diese Rolle auch ein Mann oder eine Frau spielen? Wie ist das Gender-Verhältnis bei der Technik? Fragen, die Anstoss zur Veränderung sein sollen – denn das Umdenken muss branchenweit geschehen, und nicht nur Männer reproduzierten die gängigen Rollentypen, ist sich Wylowa sicher.

 

Frau ab 40 verschwindet vom Bildschirm

 

Vor der Kamera sind die Frauen bei Hauptrollen in Spielfilmen laut BAK knapp in der Überzahl – der Schweizer Dokumentarfilm bleibt bis anhin in Männerhand: In 64 Prozent der Fälle tragen Männer dort die wichtigste Rolle – weit mehr als die Hälfte von ihnen ist über 50 Jahre alt. Die Altersfrage stellt sich auch für FemaleAct: «Ab 50 Jahren ist das Verhältnis von Frauen und Männern auf dem Bildschirm in etwa 1:4. Es ist nach wie vor so, dass ‹für das Auge› besetzt wird», so Wanda Wylowa. Die Folge davon: «Die Frau ab 40 verschwindet vom Bildschirm.» Gestützt wird dies auch von den Zahlen des BAK. Pikant jedoch ist, dass in der Untersuchung Nebenrollen nicht untersucht wurden. Hier entscheidet sich laut Wylowa karrieretechnisch einiges: «Als Mann hast du viel öfter Nebenrollen, besonders ab einem gewissen Alter. Das gibt Selbstvertrauen, Netzwerk und ja, es gibt auch Geld.» Ein grosser Stolperstein für Filmschauspielerinnen. Den hiesigen Theaterbetrieb schätzt sie hingegen weniger starr ein. Hier könne eine Frau nicht nur «die Junge» oder «die Mutter» verkörpern, die Geschlechter würden auch mal getauscht, weil es weniger um Äusserlichkeiten gehe.

 

Im Bezug auf Machtmissbrauch hinter den Kulissen machen beide Welten keine guten Schlagzeilen: 2017 trat der Skandal um den US-Filmproduzenten Harvey Weinstein – der diese Woche nun in einem Strafprozess kulminierte – die globale #MeToo-Welle los. Im Theaterbereich hatte vergangenes Jahr der Frankfurter Professor Thomas Schmidt von der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst den deutschsprachigen Raum in Schockstarre versetzt. In seiner Umfrage gaben 55 Prozent der Befragten an, innerhalb ihres Berufsfeldes Opfer von Machtmissbrauch geworden zu sein. Hauptsächlich psychisch, über Mobbing oder Diskriminierung – aber auch physisch: 284 der 1966 Befragten gaben an, von Regie oder Intendanz darauf angesprochen worden zu sein, Rollen und Engagements gegen sexuelle Gegenleistungen zu erhalten. Hier hat die höchst hierarchisch geordnete Branche wohl noch einen weiten Weg vor sich. Da kann die öffentliche Reflexion nur helfen.

 

www.femaleact.ch  www.swanassociation.ch

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