Gegen das Vergessen

Seit einem Vierteljahrhundert ist die Apartheid in Südafrika offiziell abgeschafft. Doch sie wirkt in einer Vielzahl von Zusammenhängen bis heute nach. «Converting Eviction» ist der Versuch einer Auslegeordnung. 

 

Das Projekt von Tim Zulauf (Schweiz) und Sello Pesa (Südafrika) ist vielleicht zu ambitioniert, um im Resultat mehr als ein sich täglich veränderndes Ringen um einen Kompromiss werden zu können. Die Realitäten der weissen Europäer und der schwarzen Südafrikaner sind und bleiben dermassen verschieden, dass selbst mit der Einigung auf ein gemeinsames Ziel mehr offene Fragen bleiben, als Antworten gefunden werden können. Eine Publikumsaussage – «ich bin 1982 geboren und hatte bis jetzt keine Ahnung davon» – verschärft die Dringlichkeit unversehens. Eine Klammer des Abends sind Feierlichkeiten während einer Party und eines Gottesdienstes. Die zweite Klammer ist die Enthüllung eines TV-Senders, dass sich bestehende und bislang unausgewertete Archive von selbst auflösen. Hinzu kommen Videointerviews mit AktivistInnen, die ergänzt von auf den Abendzettel gedruckten Recherchen eine ungefähre Idee der Monstrosität dieses Vorhabens vermitteln, überhaupt einen Kern herausarbeiten zu wollen. Das Lied «Wo das Blut fliesst, lässt sich gut Geld verdienen» (wie der gesamte Abend auf englisch) thematisiert einen zentralen Punkt. Der gleichzeitig Anwendung findet auf die Geschäftstätigkeit von Schweizern mit dem Apartheidregime in Südafrika trotz UNO-Embargo wie die damalige SKA (heute CS) und ein Konsortium um Christoph Blocher, wie auch der nach wie vor dominierenden, krass einseitigen Verteilung von Grund, Produktionsmitteln und Bildung im heutigen Südafrika, über ein Vierteljahrhundert nach der offiziellen Abschaffung der Apartheid. Nach wie vor, diesen Schluss lässt der Abend zu, sind in beiden Ländern noch immer mächtige Kräfte am Werk, die ihr Interesse, Gras über alles wachsen zu lassen und jede Aufarbeitung zu unterbinden, augenscheinlich erfolgreich durchsetzen können. Die Liste der (nicht nur in der Schweiz angesiedelten) Multis, die es verstehen, jedes noch so kleine Vakuum in Südafrika mit Eigeninteressen zu füllen, ist lang. Sollte dies nicht ausreichen, gibt es weltweit noch immer den ebenfalls bloss den Habenden offenstehende Weg der Korruption.

 

Im Gegensatz dazu sind so ein paar KünstlerInnen nachgerade ohnmächtig. Das drückt die etwas wie sprunghaftes Flickwerk von Thema zu Thema hüpfend wirkende Aneinanderreihung von Einzelthemen auch aus. Neben der sichtlichen Bemühung, das eigene künstlerische Tun während der Tat zu reflektieren, was wiederum aus der südafrikanischen wie der schweizerischen Perspektive unter gänzlich anderen Voraussetzungen startet, einer kaum vergleichbaren Systematik folgt und selbst bei gleichem Ziel zu einem verschiedenen Schluss gelangen kann. Insofern ist «Converting Eviction» nicht als klassisches Theaterresultat einzuordnen, sondern als erstes Momentanergebnis einer allseitigen Bereitschaft zur Zusammenarbeit und ein nahezu politagitatorisches Bühnenschaufenster auf vernachlässigte Hintergründe und Zusammenhänge, die nur ins Auge stechen, wenn sich der Blick darauf richtet. Die Abfertigung an einem x-beliebigen Flughafen löst beispielsweise nationalitätenunabhängig gänzlich verschiedene Adrenalinsteigerungen aus, die sich je nach Hautfarbe der reisenden Person als blosse Reiseaufregung oder dann als regelrechten Angststress äussern. Die projizierten Videos sind in ihrer gesamten Dauer online auf zulauf.it – Wörter – KMU Produktionen – Converting Eviction auch von zuhause aus einsehbar und bilden damit quasi ein Archiv für sich, das die Erinnerung daran wach halten will, dass in beiden Ländern noch offizielle Archive bestehen, die einer kritischen wissenschaftlichen Aufarbeitung harren.

 

«Converting Eviction», 21.1., Gessnerallee, Zürich.

nach oben »»»