Was kreucht und fleucht

Sergio  Scagliola

 

Stefan Ineichen hat an der «Neuen Stadtfauna» mitgeschrieben. Das Buch, das vor einigen Wochen erschienen ist, zeigt, wer neben dem Menschen sonst noch in der Stadt Zürich haust. Wir haben mit dem Naturforscher und Schriftsteller einen Wildtierspaziergang in der Innenstadt gemacht. 

 

Stefan Ineichen sitzt vor der Rio Bar unter der grossen Plantane. Der Ort, den er als Ausgangspunkt des Spaziergangs vorgeschlagen hat, ist nicht zufällig gewählt – und man merkt ihm schnell seine Begeisterung für die Gabelung, wo Schanzengraben und Sihl zusammenfliessen, an. Denn: Hier beobachtet man heute beachtliche Biodiversität, insbesondere dank Revitalisierungsmassnahmen im Zuge des Baus der Durchmesserlinie. 50 Prozent der gesamtschweizerisch (!) einheimischen Fischarten lassen sich heute hier beobachten, neben dem landesweit grössten und wohl lautesten Bahnhof, unter einer gefühlt ständig bestehenden Baustelle. Beeindruckend, wie wenig das den Wasserbewohnern ausmacht. Dass es den Fischen hier gut geht, darauf deuten auch die zwei Gänsesägerweibchen, die auf einem grossen Stein in der Sihl sitzen, erklärt Stefan Ineichen. Was ich über 20 Jahre lang stets als irgendeine Entenart eingeschätzt hatte, ist übrigens gar keine, herzig sind sie mit ihren bronzefarbenen Köpfchen dennoch, wenn sie sich mit einem komplett verdrehten Hals, den Schabel im Gefieder vergraben, um die Hygiene ihrer Achsel sorgen. Wenn Vögel denn Achseln haben…

 

Während sich die Gänsesägerinnen ausruhen, erläutert Stefan Ineichen, wieso es den Fischen hier so gut geht. Die Steine, Kiesinseln und Unterstände, die im Wasser platziert und aufgeschüttet wurden, verursachen in der flachen Sihl Strömungsunterschiede. Hinter den Steinen gibt es einen kleinen Rückstau entgegen der Strömung. Fische können mit solchen natürlichen Unebenheiten im Flussbett innehalten, sich ausruhen oder auf Beute lauern. Oder besser gesagt: Auch Fische gehen gern an «Schärme». 

 

Geheimgang für Tiere

Von der kleinen Halbinsel sieht man unter dem Hauptbahnhof durch. Auf Sihlpostseite ist ein kleiner Streifen Land zu sehen, der ebenfalls unter den HB führt und nicht unter Wasser steht. Ob man da durchlaufen kann? Klar, meint Stefan Ineichen, auch wenn der Weg eher für Landtiere gedacht ist, die nur ungern durchschwimmen. Vorher will er mir aber noch die Bahnhofsspatzen zeigen. Dass sie im Dach des Hauptbahnhofs nisten, wusste ich. Wieso es aber genau Spatzen in grosser Zahl um den Hauptbahnhof gibt, nicht. Klar, kulinarisch ist es für die Spatzen ein guter Ort. Fast praktischer ist aber der Kiesstreifen, der zwischen allen Gleisen im Erdgeschoss liegt. Er ist für die kleinen Vögel eine hunderte von Metern lange Badewanne für das tägliche Staubbad.

 

Zurück bei der Sihlpost geht es an der Baustelle vorbei den Hang runter. Gutes Schuhwerk wäre durchaus wichtig gewesen. Wenn auch ein spannender Einblick in einen Teil des Hauptbahnhofs, den man sonst wohl eher nicht einfach so besichtigt – für Wildtierbeobachtung ist es etwas zu dunkel. Lediglich eine Wasseramsel springt auf den Steinen herum, die sich gegen die Sihlströmung einige Meter vor der Dunkelheit stemmen.

 

Unter schiefen Blicken des Bauarbeiters, der am Sihlquai in der Absperrung steht, klettert Stefan Ineichen über das Geländer zurück auf asphaltierten Raum. Auf dieser Seite des Bahnhofs gefalle es den Wildtieren etwas weniger gut. Es hat deutlich weniger Steine oder Aufschüttungen im Flussbett, die den Fischen angenehmen Unterschlupf bieten. Wir begeben uns zum Platzspitz. Unterwegs fallen mir zum ersten Mal die Spatzen auf, die man hinter den Holzbalken an der Decke des Hauptbahnhofs herumfliegen sieht. Sonst begegnen uns nur Hunde. Auf der Höhe des Salomon-Gessner-Denkmals in der Mitte des Parks hält Stefan Ineichen inne und verweist auf die grossen Fortschritte, die in der städtischen Grüngestaltung gemacht wurden. Sie gehen auf einen gesellschaftlichen Trend in Reaktion auf die englischen und französischen Gärten der Kolonialzeit zurück, wo man sich vermehrt an einheimischem, natürlich-chaotischem, vielfältigen Idyll zu orientieren beginnt statt an den geschniegelten Ziergärten. Gessner hatte mit seinem Buch «Naturidylle» einen Gegensatz zur Stadtästhetik verfasst, das grossen Einfluss auf die Landschaftsgärtnerei und damit auch auf die Artenvielfalt in den Städten hatte – Wildtiere mögen keine geschniegelten Gärten. Aber wie bekommen sie das mit, wenn sich die menschliche Gartenmode wandelt?

 

Mutige Füchse 

Dass Tiere sich in der Stadt einquartiert haben, ist nicht über Nacht geschehen. Die Naturidylle ist keine Bewegung, die Tiere aus der Umgebung angelockt hat – die Tendenz, Gärten ‹natürlich› anzulegen, bietet Wildtieren lediglich ein attraktiveres Zuhause, als es ein Ziergarten tut. Das Abwandern in die Stadt braucht Zeit. Stefan Ineichen erklärt: «Auch bei Tieren gibt es Pioniere. Wir denken immer, ein Fuchs ist einfach ein Fuchs, aber die individuellen Charakter unterscheiden sich stark. Deshalb beobachten wir auch in verschiedenen Städten verschiedene Tierarten, die sich in der Stadt einquartiert haben. Es braucht ein Individuum, das mutig oder dreist genug ist, in den urbanen Raum vorzudringen. Wenn sich dieses dann anpasst und fortpflanzt, entstehen langsam Populationen.» 

 

Das führt dazu, dass sich die Genetik dieser Stadttiere schnell verändert. So stellt man bereits heute Unterschiede etwa zwischen Stadt- und Landfüchsen fest. Auch innerhalb der Stadt gibt es nicht unbedingt grosse Durchmischung, bei den Stadtfüchsen sind genetische Unterschiede bereits zwischen den Füchsen links und rechts der Limmat dokumentiert. 

 

Dass sich diese Tiere so schnell anpassen, hat aber nicht nur mit Mut zu tun. Dass Tauben beispielsweise ihre Nester aus Nägeln und Kabelbindern bauen, hängt leider nicht mit besonderer Coolness oder einem Hang zu brutalistischer Ästhetik der Vögel zusammen, sondern mit neuartiger Nutzung des individuellen Umfelds. Und wenn passende Äste rar sind, reichen auch Nagel und Kabelbinder.  

 

Mittlerweile passieren wir das Dynamo. Als wir bei der Wand ankommen, wo gesprayt werden darf, zieht es Stefan Ineichen wie von alleine vom Fussweg ab. Es wimmelt von Mauereidechsen. Eine eigentlich invasive Art aus Tessin und Jura, die die heimische Zauneidechse grossflächig verdrängt hat, sich hier aber extrem wohl fühlt. Die kantigen Steine bieten Unterschlupf und Platz zum Sünnele, was die Echsen auch tun. Ähnlich sehe es übrigens auf den Bahnarealen aus, wo es von kleinen Reptilien wimmle – aus demselben Grund. Auch Wildbienen finden hier in den künstlichen Sandbänken Unterschlupf – es gefalle ihnen hier besser als in den Wildbienenhotels. 

 

Auch als Tierforscher dürfte man einer gewissen Voreingenommenheit ausgeliefert sein. Invasive Arten verursachen durchaus Schäden im Ökosystem, aber auch Stefan Ineichen hat hier seine Lieblinge. Auch wenn es fraglich ist, wie gesund die in Zürich gesichteten Waschbären für die Zürcher Biologie sind, interessant findet Stefan Ineichen die amerikanischen Neozoen dennoch. «Auch wenn ich das eigentlich nicht sagen darf», schmunzelt er. 

 

Auffälliger als eine einzelne invasive Tierart, die sich hier ausbreitet, ist aber die generelle Tendenz mediterraner Tierarten, die nach Norden wandern – eine direkte Folge des Klimawandels. Für uns Menschen dürfte das auch lästig werden. Schon heute werden beispielsweise immer mehr (sub-)tropische Stechmückenarten dokumentiert – die beispielsweise auch gerne tagsüber stechen und nicht auf Einbruch der Dunkelheit warten.

 

Flugwetten und Gift

Als letzte Station peilt Stefan Ineichen das Viadukt an. Von dort sieht man einerseits auf dem Hochkamin des Kehrichtheizkraftwerks Josefstrasse und ganz oben an der Fassade des Kornhauses kleine Ausbuchtungen. Es handelt sich um Falkenkästen. Einen besseren Blick da­rauf, was sich bei den Raubvögeln tut, hat man über die Falkenkamera der Stadt Zürich. Die Falken leben grundsätzlich ein eher bequemes Leben im städtischen Raum und verfügen dank den Stadtvögeln über ein mobiles Buffet à discre­tion. Mit Ausnahme der Wanderfalken. 

 

In Verbindung mit Flugwetten durch Taubenzüchter werden bis heute immer wieder Wanderfalken vergiftet – in besonders brutaler Art. An einen Lockvogel im wortwörtlichen Sinn, also eine Taube, wird ein Beutel mit Gift angebracht. Der Kontakt mit dem Gift ist tödlich. Die Populationszahlen des Wanderfalkens sind so weiter sinkend, wenn er auch wenigstens einer von wenigen Greifvögeln ist, die immer weniger in der Stadt gesichtet werden. 

 

Das geht einher mit einem generellen Trend, der im Buch zu vernehmen ist. Auch wenn die Biodiversität als Gesamtes nicht unbedingt einen Boom verzeichnet und die Verbauung der Stadt mit unzulänglichen Massnahmen für sinnvolle Begrünung noch immer schädlich für die Stadtbiologie und viele Populationszahlen ist – die Artenvielfalt hat immerhin zugelegt. Gleichzeitig ist nicht zu unterschätzen, wie schädlich bauliche Verdichtung und Versiegelung für Wildtiere ist. Die städtische Igelpopulation beispielsweise ist stark eingebrochen – was besonders besorgniserregend ist, wenn man bedenkt, dass die Siedlungsgebiete stets als Rückzugsort für die Igel galten. Die Raumplanung in Bezug auf grüne Infrastruktur muss zwingend die Bedürfnisse der lokal verbreiteten Tiere berücksichtigen, wenn diese Populationskollapse eingedämmt werden sollen. Fakt ist: Die Stadtbiologie verändert sich schnell. Deshalb auch die Neuauflage der «Stadtfauna». Innert zehn Jahren haben Stefan Ineichen, Max Ruckstuhl und Stefan Hose, die die «Neue Stadtfauna» herausgegeben haben, eine derartige Verschiebung im städtischen Ökosystem mit vielen neuen Zuzüglern verzeichnet, dass für sie klar war: Eine aktualisierte Version ist nötig. 

 

 

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